Das Netz kann sehr lieb sein

Ein Nachruf auf einen Facebook-Freund, von Stefan Laurin

Hate-Speech, neue Gesetze – wenn man die Nachrichten der vergangenen Monate gelesen hat, bekommt man den Eindruck, das Internet und vor allem Facebook sei eine Ausgeburt der Hölle. Ich den vergangenen Tagen habe ich anderes erlebt.

In der vergangenen Woche ist ein Facebook-Freund von mir nach langer Krankheit gestorben. Ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt, was ich bedauere. Eigentlich hatte ich noch vor, ihm einen gemeinsamen Ausflug zu einem Ort für Menschen, die sich für Geschichte interessieren, vorzuschlagen. Er war dort einmal im vergangenen Jahr und wollte gerne wieder hin – das hatte er geschrieben. Allerdings erst, wenn ihm besser geht – dazu wird es nun nicht mehr kommen.

Was ich mit und durch ihn in dem gut einem Jahr, in dem wir auf Facebook befreundet waren, erlebt habe, war beeindruckend. Viele verfolgten seinen Weg. Mit seiner Krankheit ging er sehr offen um. Wir wussten, wann er im Krankenhaus war, wie es ihm geht, wann eine neue Therapie beginnt, erfuhren die Ergebnisse von Untersuchungen. Es gab Rückschläge und es gab Momente der Hoffnung. Wir lachten mit ihm, in den Zeiten in denen es ihm besser ging und wünschten ihm Glück, wenn es schlecht aussah.

In dem ganzen Jahr gab es nicht einen bösen oder zynischen Kommentar. Bei vielen Einträgen spürte man, wie sehr sich die Menschen um ihn sorgten und wie aufrichtig diese Sorgen waren. In den Zeiten, in denen er im Krankenhaus war, war Facebook für ihn wahrscheinlich sehr wichtig – eine Verbindung zur Außenwelt.

Als er gestorben war und sein Bruder das auf seiner Seite bekannt gab, posteten viele seiner Freunde Abschiedsgrüße. Je näher sie ihm standen, umso persönlicher waren sie. Andere sendeten Bilder und auch hier wieder war zu spüren, wie wichtig er den Menschen war, konnte man erleben, dass ihre Trauer echt war. Sicher, es gibt all diese schlimmen Dinge im Netz, aber das ist nicht alles: Das Netz kann auch ein Ort der Trauer, des Mitfühlens und der Hilfe sein. Das zu erleben hat mich, bei aller Trauer, überrascht. Und so schlimm alles auch ist und so sehr viele Menschen jetzt den einen vermissen, der nicht mehr unter uns ist, so bewegend ist es, das zu erleben.

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