Dem Kapitalismus den Mittelfinger gezeigt

Ganz Deutschland hasst den Kapitalismus und feiert es, wenn Dinge brennen, geplündert werden, zu Bruch gehen, besprüht und bemalt werden … Ganz Deutschland? Nein, ein mutiger Prinzessinnen-Reporter und Bürokratiefreund erklärt die semi-moderne Unternehmensform Franchise allgemein verständlich für die Randalierer auf der Schanze.

Ein Kommentar von Bullshit-Filialleiter Samael Falkner

Liebe Randalierer,

ich verstehe euch. Wirklich. Wir waren alle mal Mitte-Ende 20 und hatten das Bedürfnis, einen Supermarkt zu plündern. Als ich jung war – Ja, das wird ein “Opa erzählt vom Krieg, holt dabei aber zu weit aus um es spannend zu vermitteln”-Artikel – sah unsere Kapitalismuskritik ja eher so aus, dass wir bei Rossmann, DM oder McGeiz irgendwelche Drogerieartikel mitgehen ließen, erwischt wurden, auf den Kapitalismus schimpften, trotzdem eine Anzeige bekamen und die Bußgelder dann in Sozialeinrichtungen abarbeiten mussten. Und so nach dem dritten, vierten Mal musste man das dann vor Gericht besprechen und plötzlich war es dann doch unangenehm. Aber gut, ihr habt euch nun also für das Plündern eines Supermarktes entschieden. Witzig, denn so jung saht ihr gar nicht aus. Aber jeder altert ja anders.

Zu diesem Kommentar bewogen hat mich aber etwas ganz anderes. Auf Twitter wurden wir Prinzessinnen nämlich darauf hingewiesen, dass wirklich jeder sehen könne, dass es sich um Kapitalismuskritik handelt und nicht etwa um Vandalismus. Denn zerlegt wurde unter anderem das McDonald’s, aber nicht die kleine gemütliche Bäckerei auf der Schanze. Nun versteht mich nicht falsch, ich war seit zehn Jahren nicht in Hamburg und kenne weder die Bäckerei noch das Mäcces, aber ich möchte euch dennoch zu eurer Form der Kritik eine Kleinigkeit erklären.

Es ist ja so. Wenn sich zwei Unternehmer ganz doll lieb haben … Nein, anders. Wenn ihr persönlich als Kleinunternehmer wachsen wollt und schon immer von einem eigenen Laden geträumt habt, ich richte mich hier mal bewusst an die Ü30er auf den Plünderungsfotos, dann bleiben euch zwei Möglichkeiten. Entweder ihr gründet einen unabhängigen Laden. Dann braucht ihr ein hohes Startkapital und einen starken Businessplan, denn sonst kein Gründerkredit, kein Startlager, keine Einrichtung, keine Immobilie und vor allem: kein Marketing. Oder ihr sagt “Ich hätt’ eben schon gern einen eigenen Laden, aber wenn mir wenigstens ein starker Markenname den Rücken stärken würdet”, gründet allein und schließt euch einem Franchise an.

Das wird jetzt wirklich, wirklich langweilig für den einen 16-Jährigen, der an dieser Stelle noch mitliest, um hinterher wütend zu kommentieren, dass es um Antifaschismus und Antiimperialismus und “die Sache” geht. Aber in meinem Job schreibe ich viel zu oft für Steuerkanzleien, die sich auf Einzelunternehmer spezialisiert haben und eben auch über Franchises und deren Unternehmensstruktur. Und vielleicht möchte der ein oder andere Randalierer ja nach der positiven Erfahrung des Plünderns eines aufgeräumten Lagers auch mal selbst gründen. Nur um aus der elenden Werbeagentur wegzukommen, die ihn hauptsächlich für Telefonsupport verballert. Ich fühle das. Für dich, interessierter Randalierer, ist dieser Artikel.

Ein Franchise ist vereinfacht gesagt eine Art Tochterfirma. Es untersteht jedoch nicht der Firma, deren Brand es borgt. Borgen ist das richtige Wort, denn das Franchise hat zumeist keinen vorgeschriebenen Plan zu erfüllen, sondern entscheidet selbst, welche Produkte es anbietet. Die Muttergesellschaft oder der Konzern greifen mit Vergünstigungen unter die Arme. Der Burgerpatti kostet dann also etwas weniger, als wenn der Unternehmer ihm beim Fleischer nebenan kaufen müsste. Dafür kann er den Burger dann für 3 Euro statt für 9 Euro im Hipster-Burgerjoint anbieten. (Das bedeutet auch, dass ihr euch nach der Party auch mit kleinem Budget noch zwei Cheeseburger einfahren könnt, die im gehobenen Ambiente eher schwierig würden, wenn noch das Taxi gezahlt werden muss.) Der Unternehmer profitiert außerdem von dem Namen des Unternehmens mit dem er zusammenarbeitet. Diese Rechte muss er erwerben und muss ebenfalls zu allen Werbemaßnahmen zuzahlen. Er kann den Coca Cola Kühlschrank vergünstigt mieten, er muss aber nicht. Er kann auch einen Kühlschrank ohne Aufdruck hinstellen und bekommt die Lieferung dann eben zum regulären Preis.

Aber so weit müssen wir in die Materie gar nicht eintauchen. Am wichtigsten an der ganzen Geschichte: Das McDonald’s gehört nicht Herrn McDonald. Überhaupt gehören nur sehr wenige Restaurants dem Unternehmen selbst. Ein Franchise gehört Herrn oder Frau Meier oder Öztürk von Nebenan. Er oder sie hat all sein Geld in den Aufbau des Geschäftes gesteckt und zahlt dafür. dass er den Namen des Unternehmens nutzen darf – und damit auch seinen Ruf. Und da kommt der Plünderer bzw. Kapitalismuskritiker ins Spiel. Er sagt nämlich: Wer diesen bösen Schweinekonzern unterstützt statt der niedlichen kleinen Bäckerei von Frau Krawuttke (Was weiß ich denn, wem die Bäckerei gehört), der hat es nicht anders verdient, als sein Hab und Gut zu verlieren. Gleiches gilt natürlich auch für die Rewe-Filiale von Herrn Schröder (auch Franchise, aber finanziell noch schlimmer, denn Rewe ist nur eine Gruppe) und so weiter.

Ja, so kann man argumentieren. Das zeigt dann aber lediglich, dass man keine Ahnung hat, wie Unternehmen funktionieren, was ein Franchise ist und wer den Schaden trägt. Spoiler: Es ist nicht der Herr Rewe. Es ist Herr Schröder, dem der Lagerbestand einer ganzen Woche flöten geht und der damit für diese Woche ein Minus einfährt, das sich auch für die nette Kassiererin, die euch zwei, drei Tage später trotzdem wieder einen schönen Tag wünschte, negativ auswirkt. Eingeräumt hat die Regale. die ihr zerlegt habt, euer Buddy, der sich durch den Job die Kosten im Studium finanziert. Geputzt hat die Gänge entweder selbiger in der zweiten Schicht oder die Nachbarin von Nebenan, die bei mehreren Reinigungsfirmen gleichzeitig auf Abruf eingestellt ist – ganz knapp zum Mindestlohn, aber brutto und mit mangelhafter Versicherung.

Ihr habt am Ende ein, zwei Packungen Kekse mit heim genommen, hab ich gesehen. Spannend. Die Guten. Für 2 Euro. Und die 2 Euro hattet ihr wirklich gerade nicht passend? Kann ja mal passieren.

Wem genau habt ihr nun eigentlich am Ende also eins reingewürgt?

Ach ja, richtig. “Dem System”.

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5 thoughts on “Dem Kapitalismus den Mittelfinger gezeigt

    • Um im Beispiel von Prinzessin Samael zu bleiben: wenn ich den kleinen selbständigen Franchise-Gastronom den Laden kaputt mache, säge ich den Kapitalismus ab. Richtig verstanen, xadyn?

      (A propos, das fehlerfreie Schreiben des eigenen Namen üben wir aber noch, gelle?)

      • ah statt inhaltlicher kritik wird auf rechtschreibung abgestellt. sehr clever, danke.

        btw. brauchst dich gar nich so dolle bemühen, mir was in den mund zu legen, kann ja jeder nachlesen dass ichs nich gesagt hab, was du unterstellst.

  1. Ich meine mich zu erinnern, dass es hierzulande schon profundere „Kritik am System“ gegeben hat. „Gewaltbereite“ sind auch nicht unbedingt eine neue Erscheinung. Was aber nun zutiefst verstörend ist, sind weder die Barbaren auf den Gerüsten, die Molotow-Cocktails werfen, noch diejenigen, die hinter einem Kordon von Polizisten geschützt, mit einem Federstrich ein paar Millionen über die Klinge springen lassen, als vielmehr, diejenigen, die sich feixend auf die Schenkel hauen, wenn da und dort gezündelt oder der Tod von Menschen in Kauf genommen wird, und vollkommen teilnahmslos als Gaffer oder Gewalttouristen sich am Geschehen ergötzen. Dieses Phänomen erscheint mir bedenklicher.

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