„Erzähl das halt nicht“

17861634_1483560801668548_6663068647415806485_nAntisemitismus ist allgegenwärtig. Ein Erfahrungsbericht von unserer Gastprinzessin Sarah Hinney

Nachdem nun endlich mal alle über Antisemitismus reden, erzähle ich euch nun etwas über meine persönlichen Erfahrungen zum Thema als Unbeteiligte. Dass ich den Vornamen Sarah trage, ist allein der Tatsache geschuldet, dass ich Großeltern hatte, die sich nicht leiden konnten.
Sie waren nämlich beide dagegen. Meine Oma Maria fand es unmöglich, einem Kind einen „jüdischen“ Namen zu geben, weil sie zeitlebens dem „Führer“hinterherweinte. Meine andere Oma Ruth fand es auch untragbar, dass nun ausgerechnet die einzige Enkeltochter jenen Namen tragen sollte, den man ihr Jahre zuvor zwangsweise im Ausweis vermerkt hatte. Da waren sie sich einmal einig, die beiden Damen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Meine Eltern beugten sich dem und gaben mir einen anderen Namen, den ich hier nicht erwähnen möchte.
Man einigte sich insgesamt auf den Rufnamen „Mäuschen“. Das war für alle Beteiligten okay. Für mich auch, also die ersten zehn Jahre meines Lebens. (Danach wurde es anstrengend, vor allem in der Öffentlichkeit.)
Aber so spielte es auch eine eher geringe Rolle, dass ich, als ich ein Jahr alt war, nochmal schnell umbenannt wurde, weil meine Eltern weiter insistierten und die Ruth-Großmutter wenigstens einmal ein Exempel statuieren wollte (das einzige Mal) und diesen ganzen Umbenennungskram auch mit zusammengebissenen Zähnen bezahlte.
Mir war das ja wurst. Ich war ein Kind. Konfessionslos im Dorf und da ging das Theater dann irgendwann los. Ich erinnere mich an Religionsunterricht, indem der Lehrer (und ev. Pfarrer) vor allen andern, den Getauften, auf mich zeigte, um den Kindern zu erklären, was ein „Heidenkind“ ist. Ich erinnere mich, dass er an der Tür geklingelt hat, um mich als Schäfchen zu gewinnen. Ich erinnere mich an Kinder, die mich beiseite nahmen und fragten, „wie schlimm“ das so ist, „als Jude“. Ich erinnere mich an die spätere Schulzeit am Gymnasium, als im Hörsaal auf zwei Tischen „Sarah, die Judenschlampe“ ins Holz der Klapptische geritzt war, nachdem ich im Ethik-Unterricht erzählt hatte, dass mein Urgroßvater (ein strammer Preuße), vermutlich in Auschwitz starb.
Ich erinnere mich an Lehrer, denen ich das zeigte, diese eingeritzen Verbalinjurien, und die das schulterzuckend wegnickten. Das sei nicht gut, aber nur ein Streich, nicht so schlimm, ein Jahr später stand es immer noch da.
Ich habe mir schon als sehr junges Mädchen den Mund darüber fusselig geredet, dass ich zu gleichen Teilen aus einer überzeugten Nazi-Familie und einer Familie stamme, die verfolgt, ermordet, geächtet wurde. Ich habe erklärt und erklärt, mich rechtfertigt, dass ich gar nicht „jüdisch“ bin.
Gar keiner Religion angehöre. Konfessionslos. Egal, jüdische Verwandte, das wird doch vererbt, nicht wahr!
Rechtfertigen musste ich mich niemals für den Nazi-Zweig. Rechtfertigen musste ich mich für meinen Namen. Ich hab manches Mal damals Trost bei meiner Oma gesucht. Und sie hat mich jedesmal gescholten: „Erzähl das halt nicht.“ Hat sie gesagt und: „Du darfst das nicht sagen. Vor allem nicht X und Y.“
Mit X und Y war sie über 20 Jahre lang befreundet. Ich kannte beide sehr gut und habe geschwiegen. Ich wollte meiner Oma das nicht kaputt machen. Diese „Freundschaft“.
Inzwischen sind alle tot. Inzwischen ist der Name Sarah auch nur noch ein Modename. Inzwischen ist mir auch bewusst geworden, dass leider zwischen all dem Verschweigen auf allen Seiten niemand mehr da ist, der mehr erzählen könnte. Und die ganze Rücksichtnahme meinerseits einfach nur ein riesengroßer Mist war. Und es absolut unzumutbar ist, dass ich mich jahrelang punktuell für etwas rechtfertigen musste, was ich nicht lebe. Ich gehöre keiner Religion an und werde das aus heutiger Sicht auch künftig nicht tun. Aber das spielt keine Rolle in der Sache. Antisemitismus ist allgegenwärtig.
Und jede Dokumentation ist richtig und wichtig. Und ich möchte nicht darüber streiten, ob sie handwerklich perfekt war. Ob die Stimme aus dem „Off“ jetzt vielleicht zu dramatisch und aufdringlich, oder „zu tief“ war. Ich möchte nicht darüber streiten, ob auch wirklich alle Seiten gehört wurden, dass alles auch wirklich ausgewogen ist.
Ich bin nicht mehr bereit dazu, nach 39 Jahren Lebenszeit über all das zu diskutieren. Ich möchte darüber reden, dass der Antisemitismus so tief in den Köpfen verhaftet ist, dass wir vermutlich noch mindestens 100 Jahre brauchen, um das zu ändern. Vermutlich länger, wenn wir uns an all diesen Nebensächlichkeiten aufhalten.

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Dieser Beitrag wurde am 16. Juni 2017 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 11 Kommentare

11 thoughts on “„Erzähl das halt nicht“

  1. Man möchte sich wünschen, dass die 100-Jahres-Frist nicht zu optimistisch angesetzt ist, schließlich besteht das Christentum seit nunmehr zweitausend Jahren und mit ihm der Antisemitismus. Das Erstaunliche an besagtem Film: Da macht doch tatsächlich jemand eine dezidiert projüdische (das ist so unerhört, dass man das Wort nur mühsam in die Tastatur buchstabiert) Dokumentation, und alle Welt (außer der jüdischen) ist verlegen, schockiert etc. und die verantwortlichen Sender strahlen sie nicht aus. Einhellig ist man der Überzeugung, dass … Aber merkt eigentlich niemand, worin der eigentliche Skandal besteht? Das erinnert einmal mehr an Broders Bonmot: Die Deutschen verzeihen den Juden Auschwitz nicht. Am Anfang dieses Films darf ein Palästinenser vor der dem EU-Parlament eine ururalte antisemitische Stereotype vortragen, am Schluss seiner Rede stehende Ovationen eines Teils des Plenums. In Europa eine projüdische Dokumentation im Jahr 2017? Im Leben nicht!

  2. Sehr traurig, dass Du so eine schwere Kindheit hattest, nur wegen Herkunft und Namen! „Und jede Dokumentation ist richtig und wichtig“ würde ich allerdings nicht unterschreiben. Ein Format das niemand ernst nehmen kann, mit den falschen Mitteln oder den falschen Gründen vielleicht das richtige erzählt, kann sehr schnell die gesamte Debatte diskreditieren. (Disclaimer: Habe die besagte Doku noch nicht gesehen) Das ist ein bischen so wie mit Studien und wiss. Standards. Ich bin die ganzen verwässerten Gesellschaftsdebatten satt („ja, kann sein, kann nicht sein, gibt halt verschiedene Meinungen…“), nimm Klimawandel, nimm Esoterik, nimm Impfschutz, Globuli, Datenschutz, …

  3. Ergänzung: Derailing ist als Mittel zum Beenden von unliebsamen Debatten erkannt worden. Umso wichtiger ist es, das eigene Argument nicht angreifbar zu machen

  4. Pingback: Links der Woche – Enno Park

  5. Irgendwie geht es mir nicht in die Birne.

    Mir ist der historische Antisemitismus in Europa vertraut. Mit dem Völkermord an den Juden in der NS-Zeit dito. Dass der ein moralisches „Schwarzes Loch“ ist – keine Frage. Ich habe für nahe Verwandte ausgestellte arische Abstammungsurkunden aus der Zeit in der Hand gehalten. Im Gymnasium hatte ich (unter anderen, guten Lehrern) eine Alt-Nazisse für Deutsch, in der Volksschule einen Lehrer, der Kolonialdeutschland nachtrauerte. Beide ausgestorben.

    Also: das Thema ist mir geläufig.

    Auf der anderen Seite kenne ich buchstäblich niemanden mit Ressentiments gegen Juden. Kritik gegen politische Fehler des Staates Israel rechne ich nicht dazu – die mag fehlgeleitet sein, aber das ist kein Rassen- oder Völkerhass.

    Es leuchtet mir ein, dass ein jüdischer Nachkomme eines Verfolgten Misstrauen entwickelt. Aber das Mem des „allgegenwärtigen Antisemitismus“ ist eine Rundumschlag-Keule, an der ich das sinnvolle Ziel vermisse.

    Sarahs Lebensbericht habe ich verstanden, aber mal flapsig, „was lernt mich das?“

    Das meine ich durchaus ernst.

  6. Es ist ja nicht unbedingt so, dass Antisemiten ihre Überzeugung wie eine Fahne vor sich hertragen, aber Untersuchungen über latenten (!) Antisemitismus gibt es hierzulande zuhauf – und der Bodensatz ist keineswegs marginal. Die Variante des Antizionismus (BDS etc.) ist besonders im linken Spektrum verbreitet. In der vieldiskutierten Dokumentation wird immer wieder auf die doppelten Standards bei der Beurteilung Israels/der Juden hingewiesen. Die Walser- oder Historiker-Debatte etc. geben einen Aufschluss darüber, wie antisemitische Stereotypen über Jahrhunderte geradezu unbeschadet tradiert werden. Wenn der Antisemit nicht weiß, dass er solche Traditionen befördert, bleibt er dennoch, was er ist. Der Vorwurf der berühmten Nazikeule resultiert fast immer aus dem Gebrauch dieser doppelten Standards. Berühmt: „Das wird man ja noch sagen dürfen“. Selbst Günter Grass, immerhin Nobelpreisträger, segelte mit viel Wind auf dieser Welle.

  7. Soweit es um verborgene Ressentiments geht: wir sind uns darüber im Klaren, dass das innere Vorgänge sind. Sind zwar nichts Schönes, aber auch nicht justiziabel: es nicht verboten, ein Arschloch zu sein.

    Erst wenn das Arschloch Unrecht tut, wie etwa in einem Artikel vom „Neuen Deutschland“ konkretisiert, kann ich was damit anfangen.

    Bei allgemeinem Lamento fühl ich mich peinlich berührt, und ich wende den Blick ab.

  8. Ohne Zweifel tritt dieser latente Antisemitismus nur sozusagen auf Nachfrage zutage. Und dass Vourteile nicht justiziabel sind, ist selbstredend unstrittig. Grabschändungen, Anschläge auf jüdische Einrichtungen, tätliche Angriffe auf Rabbiner oder „jüdisch aussehende“ Mitmenschen sind nun aber Straftaten, die eben nicht aus dem Nichts kommen. Die Antisemitisforschung versucht diesen Ursachen auf den Grund zu kommen. Wenn Parteien und ihre Vertreter diesen Bodensatz instrumentalisieren, indem sie Stereotypen für politische Ziele bedienen, bleibt es weiterhin nötig, Synagogen am Schabbat durch Polizeikräfte schützen zu lassen. Wenn jüdische Schüler wegen Mobbings eine öffentliche Schule verlassen müssen, dann haben offenbar diese Vorurteile Früchte getragen. Den Blick abwenden halte ich für keine zielführende Strategie, wie ich ein allgemeines Lamento, das keine konkreten Handlungsanweisungen nach sich zieht, für bigott halte. Die öffentliche Meinung bereitet entweder den Nährboden für solche justiziablen Straftaten oder sie erschwert diese. Ein Arschloch zu sein, ist nicht verboten, aber es ist auch kein Verdienst. Eine Erinnerungskultur als dämlich zu bezeichnen, eigene Verbrechen gegen andere aufzurechnen, ein Denkmal für Millionen jüdischer Opfer zu verunglimpfen etc. ist geistige Brandstifterei – wieder nicht justiziabel, aber gefährlich. Was das Strafgesetzbuch erfasst, sind Taten, die aus Überzeugung begangen werden. Die Taten bedürfen geistiger Urheber, den Schaden hat das Opfer. Um falschen Überzeugungen gegenübertreten zu können, muss man diese kennen und ihnen begegnen – mit so altmodischen Dingen wie der Wahrheit.

  9. Wo es um konkrete Straftat geht, haben wir das Strafrecht. Gilt auch bei Volksverhetzung.

    Gegen Geistige Brandstiftung unterhalb Strafbarkeitsschwelle gibt es die Gegenrede von Leuten wie die und mir. Bei ausreichender Beherrschung der Sprache sollte das reichen.

  10. Bemühen wir einmal mehr einen Blick in die Geschichte: Selbst viele, die zu einer Gegenrede ihre Stimme erhoben, weil sie entweder mutig genug waren oder aus großer Distanz sprachen, konnten den Anstreicher und seine Schergen nicht verhindern. Die Tendenz des bürgerlichen Lagers sich dem neuen Nationalgesindel anzudienen, um Wählerstimmen abzugreifen, lässt auch nicht gutes vermuten. Ich habe die Befürchtung, dass unsere Gegenrede ein stumpfes Schwert sein wird, solange sich gerade einflussreiche „Größen“ aus Politik & Wirtschaft nicht offensiv die Widerwärtigkeiten dieser national Bewegten entgegenstellen, eben nicht mit allgemeinem Lamento, sondern mit deutlichen Worten – auch wenn das bedeutet christlichen Duodezfürsten vor den Kopf zu stoßen.

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