Go, Sissi, go!

Das entlaufene Nandu-Weibchen „Sissi“ trotzt den Versuchen der österreichischen Repressionskräfte, es wieder einzufangen. Eine Nachspürreportage von Bernhard Torsch

Der oberösterreichische Bauer Markus Grück hatte die Idee, seinen Bestand an Federvieh um ein Straußenpärchen zu erweitern, denn, so der klug berechnende Landwirt: „Ein Rührei aus einem Straußenei kommt einer Mahlzeit aus 30 Hühnereiern gleich.“ Vermutlich bei einer namhaften Großvögel-Import-Export-Firma bestellte der Mann daher einen männlichen und einen weiblichen Vogel Strauß, doch bei dem Paar handelte es sich in Wirklichkeit um Nandus. Die sehen Straußen zwar ähnlich, stammen aber aus Südamerika und haben im Gegensatz zu ihren entfernten afrikanischen Verwandten nicht nur drei Zehen statt deren zwei, sondern sind auch wesentlich intelligenter und haben eine ausgeprägten Freiheitsliebe. Das „Sissi“ und „Franz“ getaufte Vogelpaar nutzte daher die erste Gelegenheit, um auszubüxen.

Nicht Sissy & Franz, sondern zwei andere Nandus (fotografiert von AxxLC unter CC0-Lizenz)

Nicht Sissi & Franz, sondern zwei andere Nandus (fotografiert von AxxLC unter CC0-Lizenz)

Bauer Grück hatte sein Nandu-Gehege nämlich nicht gegen den Steyrfluss abgesperrt. „Fachleute haben uns gesagt, dass Strauße nicht schwimmen können“, so Grück zum Österreichischen Rundfunk. Sissi und Franz lachten mutmaßlich über diese Fachleute und schwammen einfach davon. Dies führte zu einem koordinierten Einsatz von Feuerwehr, Polizei und Tierrettung, der auch rasch zur Ergreifung von Franz führte. Sissi dagegen schlug sich auf allen drei Zehen ins Buschwerk rund um den Steyrfluss und nistet seither in einem Rübenfeld. Alle Versuche, das Nandu-Weibchen mit dem stolzen Namen einzufangen, scheiterten bislang. Sobald sich Menschen nähern, flüchtet Sissi einfach in einen nahegelegenen Wald.

Die österreichischen Sicherheitskräfte haben nun einen neuen Plan ausgeheckt, Sissis doch noch habhaft zu werden: Der unglückselige Franz soll als, hüstel, Lockvogel dienen. Rund um das Waldstück, das Sissi als Safespace dient, werden Fangnetze ausgelegt und die Büttel der Nutztierhaltung wurden mit Betäubungsgewehren ausgerüstet. Zu Redaktionsschluss (genau jetzt) war noch unklar, ob Sissi Franz überhaupt mag und ob sie jemals eingefangen werden kann. Nandus sind nämlich schlau, widerstandsfähig und winterfest. Im Jahr 2000 gelang mehreren Nandus in Schleswig-Holstein die Flucht. Die Vögel menschelten miteinander und schon nach wenigen Jahren war ihre Population auf über 200 angewachsen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es verwilderte Nandu-Gemeinden. Die Tiere gelten in Deutschland inzwischen als „heimische Art“.

Wir hoffen, dass auch Franz noch die Flucht glückt und er mit Sissi, falls sie damit einverstanden ist, eine royale Nandu-Familie in Österreich gründet.

 

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