Hände weg von Jenny Lemon!

Screen Shot 2016-06-09 at 16.52.39Für Nazis ist die Schwedin „Jenny Lemon“ das Vorzeigeopfer der angeblichen Vergewaltigungswelle in Schweden – allerdings gegen ihren Willen.

Wann immer rechten Publikationen danach ist, Panik zu schüren, schreiben sie Artikel über Schweden. Natürlich ohne Schwedisch zu können, es reicht ihnen englischsprachige Propaganda-Blogs zu zitieren, in denen wahre Horror-Szenarien entworfen werden: Blonde Frauen (für Nazis sind alle Schwedinnen blond) können demnach keinen Fuß mehr vor die Tür setzen, ohne von Flüchtlingen vergewaltigt oder ermordet zu werden.
Um ihren Bullshit (zur Wahrheit über die Vergewaltigungsstastistiken in Schweden kommen wir demnächst mal, aber es ist auch nicht so schwer, selber nachzudenken) zu illustrieren, benutzen eben diese Nazis gern das Bild einer blutüberströmten Frau, die sie als „Jenny Lemon“ taggen.

Blöd nur, dass Jenny Lemon sich dagegen verwahrt, als Ikone rechter Propaganda benutzt zu werden.

Oder, um es in ihren eigenen, übersetzten Worten zu sagen:

„Als ich entdeckte, dass mein Name in fremdenfeindlicher Online-Hetze verwendet wurde, fühlte ich die gleiche Hilflosigkeit, die ich in dieser schrecklichen Silvester-Nacht fühlte, die mein Leben für immer veränderte.“

Jenny Lemon und ihre Freundin waren fünf Jahre zuvor (also 2005. 2005!) auf dem Weg zur einer Silvester-Party gewesen, als sich ihnen vier junge Männer anschlossen. „Als wir eine verlasse, neblige Gegend entlangliefen, veränderte sich plötzlich die Stimmung“, beschrieb Lemon im Jahr 2010 in einem Kommentar für die Zeitung „Aftonbladet“ die Ereignisse dieses Abends. „Plötzlich rissen zwei der Jungs meine Freundin weg von mir, ich dachte mir nichts dabei, bis mir schwarz vor Augen wurde.“
Jenny kam irgendwann wieder zu sich und stellte fest, dass sie nackt und das Moos unter ihr blutig war. Sie war vergewaltigt worden.
Den folgenden Gerichtsprozess schilderte sie 2010 im Aftonbladet als weitere Erniedrigung: Ihr Vergewaltiger weigerte sich trotz DNA-Beweis, seine Schuld zuzugeben. Und sein Verteidiger stellte sie und ihre Freundin als mitschuldig dar, schließlich seien die beiden Frauen ja betrunken gewesen.
Sie kämpfe sich nun, fünf Jahre später, langsam wieder ins Leben zurück, stellt sie in ihrem Kommentar weiter fest. Und betont: „Für mich war es nie wichtig, woher die Leute ursprünglich kamen, die mich vergewaltigten.“ Jenny Lemon fährt fort: „Att de handlingar som jag och min kompis utsattes för beror på kulturella skillnader tror jag inte en sekund på.“ Das heißt auf deutsch: „Dass die Handlungen, denen meine Freundin und ich ausgesetzt waren, auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen sind, glaube ich keine Sekunde lang“. Denn: „Jag är övertygad om att det som vi utsattes för betraktas som lika avskyvärt överallt i världen“ (Ich bin davon überzeugt, dass das, dem wir ausgesetzt waren, überall auf der Welt als verabscheuungswürdig gilt). Das mag eine etwas naive Sicht der Dinge sein, denn Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch werden noch lange nicht überall auf der Welt als abscheuliche, verwerfliche Verbrechen angesehen, aber das ist nun mal Jenny Lemons Meinung.
Und die gilt es zu respektieren, genau wie ihre folgende Bitte: „Ich glaube nicht, dass ich das einzige Vergewaltigungsopfer in der Statistik bin, das es nicht richtig findet, im Wahlkampf der Sverigedemokrateneras benutzt zu werden.“ Denn, wie oben erwähnt:

„Als ich entdeckte, dass mein Name in fremdenfeindlicher Online-Hetze verwendet wurde, fühlte ich die gleiche Hilflosigkeit, die ich in dieser schrecklichen Silvester-Nacht fühlte, die mein Leben für immer veränderte.“

Jenny Lemon möchte also nicht für rechte Propaganda benutzt werden. Wer das nicht respektiert, ist ein Arschloch.
Im Namen der Prinzessinnenreporter: Elke Wittich

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Dieser Beitrag wurde am 6. April 2017 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar

One thought on “Hände weg von Jenny Lemon!

  1. Was ist so beruhigend am digitalen Salon des Prinzessinnenhofes? Dass die rechten Horden hier keinen Resonanzraum finden! „Wir sind das Volk“ wird in den rechten Echokammern geraunt, und damit ein paar Erregte außerhalb auch im Wutzuber mitrühren können, streut man ein bisschen „Umvolkung“ in die Diskussion, damit die Dauererregten auf der anderen Seite ihre Identität unter Beweis stellen können: eine Win-win-Situation. Im Klartext: Will man ernstlich im Wettkampf zwischen Höckes und Seehofers jemanden mit einer Note für Kür oder Pflicht bedenken? Der Adel hat es gut, er gibt sich pikiert und möchte sich nicht gemein machen. Aber wir, die fleißigen Arbeiter, die jeden Tag … blabla, wo ist unsere Lobby?

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