Leider keine Leidenschaft

Der Ball ist rosa

Wo ist eigentlich diese EM-Leidenschaft geblieben?
Gastprinzessin Sarah Hinney auf meteorologischer Spurensuche.

Sie packt mich nicht, diese EM und das Wetter ist schuld. Erst jene Hochwassermassen, die gnadenlos die ersten zarten Frühlingsgefühle weggespült haben. Dann diese träge Schwüle zwischendurch, die unverschämte Schweißflecken auf das Shirt des Bundestrainers zauberte und mutmaßlich auch für weitere Fehlgriffe verantwortlich ist. Griffe, die anschließend in multimedialer Breite unschöne Bilder in meinen Kopf transportiert haben. Bilder, die per se wenig Lust entfachen. Auch nicht auf EM.

Und dann diese ewig nicht endende Gewitterstimmung. Allein sie trägt die Schuld, wenn sich Hooligans Straßenschlachten in den Straßen von Marseille und Lille liefern. Das liegt an der aufgeladenen Luft. Wäre es sommersonnenmild, lägen sich alle in den Armen, knuddelnd, singend – ganz bestimmt. So aber erreichten uns Bilder von blutverschmierten Menschen, die auf offener Straße wiederbelebt werden müssen, Bilder, die in Endlosschleifenvideosequenzen immer und immer wieder auf meiner Timeline abgespielt und nur durch immer noch größere Katastrophen übertrumpft werden. Das bremst die Feierstimmung ein wenig. Nicht mal die Kinder sind in Fußballlaune. „Ey, ich bin ein Selbstmörder“, brüllt ein kleiner Knopf gestern in der Fußballtrainingspause auf dem Sportplatz. Hätte er nicht „ich bin Neuer“, rufen müssen? „Ich bin Attentäter“, schreit der nächste gegen an. Wäre nicht ein „ich bin Götze“ passender gewesen? „Ich spreng euch alle!“, lacht der Dritte. Gänsehauteiskalt ist dieser Sommer.

Zum Glück ist Verlass auf unsere Industrie. Vielleicht starte ich das EM-Fußballsammelkarten-Sammeln beim nächsten Supermarktbesuch? Vielleicht kaufe ich mir schwarz-rot-goldene Grillsoße oder ein Deutschland-Fähnchen fürs Auto.

Es war gestern so rührend, wie sich so ein Fähnchen vom Fahrzeug vor dem Fahrzeug vor mir löste, wie es kurz im Wind flatterte, zärtlich dem Wagen vor mir über das Dach strich, um dann leidenschaftlich meine Windschutzscheibe zu küssen. Da hatte sie mich plötzlich gepackt, die EM-Romantik. Hätte die Sonne geschienen, hätte beides verharren können. Das Fähnchen und meine Stimmung. So aber wurden leider beide vom eifersüchtigen Scheibenwischer vertrieben, gnadenlos unter die Räder geschickt und dort Sekunden später zermalmt. Nein, das mit der EM und dem Wetter und mir, das wird wohl nichts mehr in diesem Sommer.

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