Taubergate oder ein Hoch auf den Qualitätsjournalismus

Tauber

Irgendwas ist ja immer in dieser schnelllebigen Medienzeit. Und dann noch dieses Twitter. Den Redaktionen verlangt das einiges ab. Wie spontan Journalisten heuzutage tagtäglich arbeiten müssen, welchen Herausforderungen sie dabei begegnen und wie sie diese spielend und vor allem professionell meistern, beschreibt der folgende Text von Gastprinzessin Sarah Hinney. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind vollkommen beabsichtigt.

Ort: Irgendeine Redaktionskonferenz
Zeit: Dienstag, 9 Uhr
Handelnde Personen:
Chefredakteur Hinterberg (Familienvater, geschieden, Kinder studieren, das mit dem Online ist ihm eher suspekt)
Frau Müller (alleinerziehend, Teilzeit)
Frau Schnabel-Dübelmann (verheiratet, zwei Kinder)
Herr Winter (Familienstand unbekannt, insgesamt der ruhige Typ)
Herr Löbig (jungdynamischer, ungebundener Internetfreak)
Der Praktikant

Hinterberg: „Morgen zusammen. Was haben wir?“
Löbig (tippt hektisch auf seinem Ipad): „Also zuerst müssten wir jetzt schnell mit der Taubergeschichte raus, die Großen sind damit schon online.“
*Praktikant nickt heftig, der Rest verbirgt Ratlosigkeit hinter der Kaffeetasse.*

Hinterberg: „Klären Sie auf.“

Löbig: „Na, der Twitterfeed zum Thema Minijobs.“

*Müller, Schnabel-Dübelmann und Winter greifen unauffällig zum Handy und googeln Minijobs+Tauber, nicken wissend, während Löbig den Chef aufklärt.*

Hinterberg: „Naja, unglücklich ausgedrückt.“

Löbig: „Wie bitte? Das ist ein astreiner Skandal!“

Hinterberg: „Finden Sie?“

Löbig: „ALLE schreiben darüber, wir müssen da schnell mitziehen!“

Hinterberg: „Gut, was machen wir?“

*schweigen*

Winter: „Wir könnten das Thema insofern aufgreifen, als dass wir die Minijob-Situation in Deutschland umfassend beleuchten. Vielleicht eine Grafik dazu, Zahlen aus den Vorjahren, Wahlprogramme der anderen Parteien im Hinblick auf das Thema Beschäftigung analysieren. Dann was mit Empathie: Interview mit einer alleinerziehenden Mutter die Kunstgeschichte studiert hat, jetzt aber im Discounter an der Kasse schuftet und nachmittags für andere bügelt. Und dann könnten wir einen Dreh dahin machen, dass die AfD sofort auf das Tauberbashing aufspringt, sich selber als sozial gerechte Partei darstellt und letzteres anhand ihres Parteiprogramms widerlegen. Dann hätten wir für morgen eine schöne, runde Seite.“

Hinterberg: „Okay? Wer macht das?“

Winter: „Ich bin raus,  hab noch die Reisebeilage für Sonntag an der Backe.“

Löbig: „Die Idee ist gut, aber das dauert jetzt alles viel zu lange. ALLE schreiben drüber, wir müssen JETZT damit raus.“

Hinterberg: „Wie ist denn der Tenor der anderen Medien?“

Löbig: „Empörung.“

Hinterberg: „Können wir das irgendwie drehen? Eine Kontrameinung etablieren?“

Alle: „NEIN!“

Hinterberg: „Frau Müller, Sie schreiben einen polemischen Kommentar aus der Sicht der alleinerziehenden Mutter in Teilzeit. Ich will MEINUNG.“

(Eine Stunde später )

E-Mail von Frau Müller an Hinterberg:
„Hallo Chef, es tut mir furchtbar leid, aber ich muss nach Hause, die Charlotte hat sich im Kindergarten übergeben, vermutlich Magen-Darm.“

E-Mail von Hinterberg an Schnabel-Dübelmann:
„Hallo Frau Schnabel, Frau Müller muss weg, krankes Kind, könnten Sie den Tauberkommentar übernehmen?“

E-Mail von Schnabel-Rübelmann:
„Sorry Chef, ich muss für morgen die Geschichte über die lustigsten Katzenbilder unserer Leser fertig machen und müsste heute auch früher weg, weil mein Mann auf Dienstreise ist und ich zum Elternabend muss.“

(20 Minuten später)

E-Mail von Hinterberg an alle:
„Liebe Kollegen, der Alleinerziehenden-Kommentar fällt aus. Der Praktikant schreibt jetzt eine Zusammenfassung, in der er die Reaktionen der Zeitungen auf dieses Twitter zusammenfasst.“

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