Von wegen Schwuchtelpropaganda

Screen Shot 2017-01-22 at 07.23.51Der erfolgreiche, schwule Musiker Dylan Naylor hat vor einigen Monaten mit seinem Mann in einem Werbespot für den Sexshop Amorelie mitgespielt. Außer zwei Menschen, die sich lieben und begehren und genau darüber austauschen, gab es eigentlich nichts darin zu sehen – gleichwohl wurde der Spot in manchen Kreisen empört als „Schwuchtelpropaganda“ angeprangert. Ein royales Exklusiv-Interview mit Dylan Naylor, geführt von Gastprinzessin Mercedes Nabert.

Einige Islamisten ließen Dich wissen, dass Du jetzt in die Hölle kommst. Einige Wutbürger glauben, dass Deinetwegen das Abendland untergeht…

Es hätte mich sehr überrascht, wenn die negativen Reaktionen aus den extremistischen Lagern ausgeblieben wären. Übrigens wurde ich auch von Christen schon über meine Zukunft in der Hölle informiert. Wenn auch nicht überrascht, aber dennoch enttäuscht war und bin ich über einige Kommentare von Mitgliedern der „Community“: Lesben und Schwulen, die anscheinend glauben, dass sie dann gesellschaftliche Akzeptanz finden, wenn sie sich möglichst „normal“ verhalten. Aber Dummheit ist eben kein heterosexuelles Privileg.

Der Journalist, Islamist und Wutbürger Martin Lejeune fürchtet, dass diese Art der „Schwuchtelpropaganda“ eine zu starke Wirkung auf unsere jüngeren Generationen haben könnte, sodass sie fortan alle schwul werden. In seinem langen, zornigen Facebook-Status bemerkt er: „Ich als Deutscher habe die Sorge, daß die Deutschen weniger werden.“
Schmeichelt es Dir, bei all Deinem Erfolg, wenn selbst noch solche Gestalten bemerken, wie unwiderstehlich Du bist?

Es gibt nichts, was ein Mensch wie er sagen könnten, das ich als Kompliment empfinden könnte.

Konnten wenigstens seine Anhänger Dich dazu bringen, dass Du Deine Sexualität noch einmal überdenken wirst?

Meine Sexualität überdenke ich immer wieder mal, auch ohne Aufforderung durch andere, und komme bisher immer zu denselben Ergebnissen: erstens bin ich froh darüber, dass Sexualität in unserer Beziehung auch nach über 11 Jahren eine wichtige Rolle spielt.
Zweitens bin ich tatsächlich zu 100 % schwul – wenn ich auch nur im Geringsten ein sexuelles Interesse an Frauen hätte, hätte ich das schon ausgelebt, denn meine Neugierde ist groß, und Angebote diesbezüglich gab es auch.
Drittens glaube ich, dass ich, aufgrund meiner großartigen Eltern und deren selbstverständlichen Umgang mit dem Thema Sexualität, sehr genau einschätzen kann, womit ich Menschen konfrontieren kann, darf und will: Ich würde in der Öffentlichkeit keine intimen Handlungen vornehmen, die in einen privaten Kontext gehören.

Was für Handlungen sind das für Dich?

Das fängt schon bei Zungenküssen an. Teenager machen das vielleicht, um Grenzen auszutesten und zu provozieren, aber als erwachsener Mensch sollte man gelernt haben, dass es die anderen Fahrgäste in der S-Bahn nicht interessiert, und man sie damit in die Lage bringt, es entweder zu kommentieren oder wegsehen zu müssen.

Begegnen Dir Bemerkungen wie die seinen auch außerhalb des Internets?

Selten. Ich lebe in der Kölner Innenstadt und damit gewissermaßen in einer Blase. Ausnahmen stellen da ein ein homophober Xylophonspieler, der uns mal bedroht hat, dar und die Proleten mit Testosteron-Überschuss, die am Wochenende auf den Ringen verkehren, die zum Großteil vermutlich nicht gerade Schwule super finden.
Letztlich trauen sich viele ja erst durch die Anonymität, die das Internet ihnen bietet, ihre Komplexe auf den entsprechenden Plattformen rauszulassen.

Und macht das einen Unterschied?

Ob es uns gefällt oder nicht: das Internet eröffnet neben allen Vorteilen auch eben diese Möglichkeiten. Es gibt unzufriedenen und mit Komplexen beladenen Menschen die Möglichkeit, sich stark, wichtig und in der Mehrheit zu fühlen. Früher hätten sie ihren Frust vermutlich an der Katze ausgelassen (was ich viel schlimmer fände…).

Versuchst Du noch, solche Leute zu verstehen? Wie erklärst Du Dir diesen blinden Hass, diese Furcht oder den Neid?

Ich befürchte, dass sich die Angst vor dem Andersartigen niemals völlig eliminieren lassen wird. Es wird auch immer Menschen geben, und sei es noch so unbegründet, die sich benachteiligt fühlen. Gehört vielleicht evolutionsbedingt ein Stück zur Natur, denn auch der Mensch will seinen Fortbestand sichern.
Aber ich hoffe darauf, dass die Ratio im Sinne der Aufklärung (die eigentlich alles formuliert hat, was diese Art von Hass, Furcht und Neid ausschließen sollte, wenn man in der Lage ist, menschlichen Verstand anstelle von tierischem Instinkt anzuwenden – und das in einer Zeit, in der selbst diejenigen, die diese Gedanken formuliert haben, mit Sicherheit noch nicht weit genug gedacht haben, um dies auf alle Lebensbereiche anzuwenden…) dafür sorgen wird, dass es irgendwann wirklich mehrheitlich gesellschaftlicher Konsens ist, dass blinder Hass, Furcht und Neid das Problem darstellen, und nicht die Gruppen und Minderheiten, an denen sich dieser entlädt.

Und was genau geht Dir durch den Kopf, wenn Du im 21. Jahrhundert mit Aussagen konfrontiert wirst, die wie 1840 anmuten?

Eben das: menschliche Natur.
Aber, um auch mal etwas Positives zu sagen: 1990 war selbst in Köln der schwule Kuss in der Lindenstraße ein großer Aufreger. In den späten 90ern wurde auf einmal der CSD zum zweiten Karneval, der als Touristen-Attraktion beworben wurde. Sicherlich wurde und wird dieser Wandel nicht von allen Kölnern so begeistert hingenommen, aber immerhin doch mehrheitlich.
In dem ach so aufgeklärten und fortschrittlichen Deutschland wurde §175 StGB, der Homosexualität unter Strafe stellte, erst im Juni 1994 gestrichen. Ein Jahr zuvor bin ich das erstemal auf einem CSD gewesen. Und ich bin kürzlich 40 geworden, also so lange ist das nicht her.

Okay, nicht direkt 1840. Wenn also die wirklich nur “ach-so-”aufgeklärten Deutschen das schaffen, dann bist Du sicher optimistisch, dass auch andere das werden?

Ja, genau deswegen finde ich es auch sehr unfair und überheblich, wenn man Muslimen grundsätzlich unterstellt, dass sie nicht lernfähig seien. Zu behaupten, dass unsere Kultur ja immer schon, oder zumindest seit Jahrhunderten, so viel fortschrittlicher war als andere, ist schlichtweg falsch! Dennoch verlange ich natürlich, von den in Europa lebenden Muslimen, dass sich, bei allem Respekt vor ihrem Glauben, auch bei ihnen etwas bewegen muss.
Und von allen Europäern verlange ich, dass der Status Quo nicht als ausreichend empfunden und einer Rückwärtsbewegung entgegengewirkt wird!

Um auf die Ängste Lejeunes zurück zu kommen: Welchen Rat würdest Du pubertierenden Jungen geben, die von Dir sexuell beeinflusst werden?

Also: 1000 unabhängig befragte, von mir beeinflusste pubertierende Jungen gaben an, dass… Spaß beiseite: ältere Männer attraktiv zu finden, ist völlig in Ordnung. Wenn aber ein älterer Mann auf pubertierende, also minderjährige Jungs steht, oder sich gar auf ein Verhältnis einlässt, ist das nicht in Ordnung, also nicht darauf eingehen!

„Frühsexualisierung“ allgemein – für die Aufklärung einer Gesellschaft eher förderlich oder geht sie zu weit?

Dieses Wort entstammt dem Sprachgebrauch der „Demo für alle“ und sollte eigentlich so gar nicht verwendet werden.
Soweit ich das beurteilen kann, ist der eingeschlagene Weg der meisten Landesregierungen der in meinen Augen richtige: In der Mathe-Textaufgabe sollen ruhig auch Karin und Petra ihre Hochzeitstorte zwischen den Gästen aufteilen müssen, und nicht immer nur Klaus und Petra. Aber über die Sexpraktiken, die die beiden Paare anwenden, müssen Kinder nicht informiert werden.

Wie war das bei Dir? Haben Deine Eltern noch einen Exorzisten gerufen, als sie erfuhren, dass Du der Schwulenpropaganda auf dem Leim gegangen bist?

Meine Eltern könnte man im weitesten Sinne dem Geist der 68er-Bewegung zuzählen. Nacktheit war normal, wenn wir Fragen stellten, wurden diese kindgerecht beantwortet. Wir wurden aber nicht „sexualisiert“.
Ich lege auch großen Wert darauf, da eine klare Grenze zu setzen: denn es ist ein Unterschied, ob man Kinder mit Nacktheit konfrontiert (z.B. FKK-Urlaub – völlig okay), oder aber mit sexuellen Handlungen. Letzteres ist für Kinder sicher eine Überforderung, erst Recht dann, wenn es um die eigenen Eltern geht.
Aber ich schweife ab. Was ich sagen wollte: obwohl ich wusste, dass meine Eltern grundsätzlich sehr fortschrittlich dachten, war es zunächst nicht einfach und auch nicht selbstverständlich, erstmal mir und dann ihnen gegenüber meine Homosexualität einzugestehen. Und vor allem meine Mutter hat auch im ersten Moment nicht „kumpelhaft“, sondern sehr ehrlich reagiert, indem sie zugab, dass das Thema für sie erstmal neu sei. Sie hatte damals keine schwulen Freunde. Übrigens sprechen wir hier von 1992. Da war ich 15, und über den Grundtenor in Deutschland damals, und über die Lindenstraße, sprachen wir ja bereits.

Wenn heute noch jemand Homosexualität in der Öffentlichkeit kritisiert enden solche Ausführungen sehr oft mit der Phrase „Armes Deutschland“. Wofür tut Dir persönlich Deutschland in diesen Tagen leid?

Dass selbst Spitzenpolitiker von etablierten Parteien immer noch nicht verstanden haben, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist, und dass wir im 21. Jahrhundert immer noch oder sogar wieder verstärkt über Dinge diskutieren müssen, die ins letzte Jahrtausend gehören.

Bis zur Umsetzung unseres Journalismusfinanzierungsdekrets kann unsere Arbeit mittels eines einfachen Klicks auf den „Spenden“-Knopf gleich oben rechts unterstützt werden. Oder mit einem Einkauf in unserem Shop.

Social Sharing powered by flodjiShare

Ein Gedanke zu „Von wegen Schwuchtelpropaganda

  1. Ein sehr kluges Interview. Das sage ich als alter Hetero. Es gibt aber einen Fehler: Du schreibst, dass der § 175 in Deutschland erst 1994 abgeschafft wurde. Das stimmt für die BRD aber nicht für die DDR, die das bereits viel früher getan hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

AlphaOmega Captcha Mathematica  –  Do the Math