Vorbild Mutter

Auf angeblich todsicher haltendem Eis: Tochter und Mutter auf dem Teich von Bauer Kruse

Der etwas andere Text zum Muttertag.

Von Prinzessinnenreporterin Marit Hofmann

Ein Kind braucht schlechten Einfluss. Einen Freund, der nach landläufigen Kriterien in die Kategorie „kein Umgang für dich“ fällt, weil er es ins reizvolle Reich des Verbotenen einführt. Nur ich brauchte einen solchen Freund nicht. Ich hatte schließlich meine Mutter.

Immer wenn meiner Mutter langweilig war – und ihr war oft langweilig –, überredete sie mich mit ihrer hohen Bettelstimme, die sie nur zu diesem Zweck einzusetzen pflegt, etwas mit ihr zu unternehmen. Nie konnte ich nein sagen – obwohl ich meistens lieber gelesen hätte. Noch heute ist das so. 

Ideen für Unternehmungen hat sie viele. Zu viele. Will sie einen Ausflug in eine bestimmte Stadt machen, wird ihr das Projekt schon auf der Fahrt dahin, zu fade. Ob wir nicht lieber einen Abstecher in die entgegengesetzte Richtung machen sollten, fragt sie mich dann mit der notorisch hohen Stimme. Rein rhetorisch natürlich, ich kann ihr ohnehin nichts abschlagen. Sind wir endlich an einem vermeintlichen Ziel angekommen, muss wieder eine Variante her, von ausgetretenen Pfaden muss unter allen Umständen abgewichen werden. So fand ich mich als Siebenjährige, nachdem wir Stacheldrahtzäune überklettert hatten („Ist der elektrisch?“ fragte ich noch. „Ach was, stell dich nicht so an“, sagte meine Mutter nunmehr mit ihrer tiefen Bestimmerinnenstimme.), von einer wütenden Kuhherde umringt auf einer Weide wieder, auf der meine Mutter einen Pilz erspäht haben wollte. Ursprünglich wollten wir Eis essen gehen.

Ich war ein ängstliches und sehr gewissenhaftes Kind mit klaren moralischen Grundsätzen. „Aber die Äpfel gehören uns doch gar nicht“, versuchte ich es zaghaft, wenn ich meiner Mutter auf einem Nachbargrundstück Berge von Fallobst einsammeln half. „Die essen die doch gar nicht und lassen sie einfach vergammeln“, war ihr schlagendes Gegenargument. „Aber da darf man doch nicht rauf“, wandte ich ein ums andere Mal vergeblich ein, wenn sie mich zum Schlittschuhlaufen auf dem Teich anstiftete, der sich auf dem Grundstück vom grantigen Bauer Kruse befand. „Und was ist, wenn er uns erwischt?“ – „Der Teich gehört ihm gar nicht, der tut nur so.“ Meine Mutter schritt forsch voran, während Bauer Kruses Hühner aufgeregt gackerten und der erste Hund anschlug. 

Beim Schlittschuhlaufen kam erschwerend hinzu, dass meine Mutter (mit mir im Schlepptau) im heimatlichen Seengebiet stets die erste auf dem Eis war, lange bevor es zum Betreten freigegeben war. Und wenn das Eis der Seen nicht einmal in einer Bucht standhielt, musste eben der Teich von Bauer Kruse herhalten. „Lass uns lieber wieder zurückgehen“, versuchte ich zaghaft einzuwenden, als das Eis bereits beim ersten Schritt meiner Mutter bedrohlich knackte. „Quatsch, da drüben auf dieser milchig weißen Eisschicht kann gar nichts passieren!“ 

Vor meinem Vater mussten wir solche Unternehmungen geheimhalten, dem wurde schon schlecht, wenn er uns im Sommer in der Mitte des Sees planschen sah. (Schwimmen brachte mir meine Mutter selbstverständlich im tiefen See ohne Schwimmflügel bei.) Einmal lockte meine Mutter den dicken Nachbarjungen Holger aufs Eis, auf dem wir in einem abgezirkelten, angeblich todsicheren Buchtabschnitt unsere Runden drehten. Schon beim ersten Schritt brach Holger mit dem Fuß ein und grinste verlegen. „Dann lauf mal schnell nach Hause, und zieh dir trockene Sachen an“, empfahl ihm meine Mutter und drehte unbeeindruckt eine Pirouette. Wollte ich tags drauf mit anderen Kindern aufs Eis, legten uns Polizisten von der gegenüberliegenden Seeseite per Megaphon nahe, da sofort runterzukommen. Mit meiner sogenannten Erziehungsberechtigten passierte mir das natürlich nie. Stadtbekannt ist die Regel, man müsse, nachdem meine Mutter erstmals auf dem Eis gesichtet wurde, noch mindestens zehn Tage warten – dann könnte das Eis halten. Meine Mutter lässt solches Gerede kalt – eiskalt.

Erst nachdem ich meine Schullaufbahn brav beendet und das Einser–Abitur in der Tasche hatte, erfuhr ich zufällig, dass meine Mutter sich als Schülerin auf einer Klassenfahrt nach Ithaka mit einer von ihr angestifteten Freundin abgesetzt hatte, weil ihr das ganze humanistische Bildungsgereise zu blöd war. Die Fähre zurück gen Festland fuhr ohne sie, Interpol übernahm die Fahndung und fand die beiden Ausreißerinnen in einer Taverne. Meine Mutter flog von der Schule und wurde auf ein Jungsgymnasium strafversetzt. Was sie dort alles anstellte, entzieht sich meiner Kenntnis. Vermutlich ist sie sich auch keiner Schuld bewusst. Aber der Stolz auf die Abenteuer meiner Mutter macht mein Bedauern, ihrem Vorbild zu wenig nachgeeifert zu haben, wieder wett. 

Sie finden, meine Mutter habe ihre Vorbildfunktion verletzt? Stellen Sie sich nicht so an!   

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Dieser Beitrag wurde am 13. Mai 2018 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

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