Der royale Journalistenfragebogen der Prinzessinnenreporter (26)

Möchte den goldenen Bara kemensi ausloben: Sabine Küper-Büsch

Möchte anregen, den goldenen Kara Ben Nemsi auszuloben: Sabine Küper-Büsch

 

Ausgefüllt von Sabine Küper-Büsch

Der Journalist – das unbekannte Wesen. Wir wissen zumindest: Journalisten sind vielbeschäftigte Leute. Dennoch baten wir ausgewählte Exemplare, sich einen Augenblick Zeit zu nehmen und unsere Fragen zu beantworten. Es ist schließlich zu ihrem Besten. Denn um den Online-Journalismus zu retten, brauchen die Prinzessinnenreporter ein paar Daten zur Evaluation. Und wir lassen nun mal auch gern andere für uns arbeiten.
Die Prinzessinnenreporter bedanken sich huldvoll bei allen Teilnehmer/innen und veröffentlichen die Antworten in loser Folge.

 

Sabine Küper-Büsch ist Filmemacherin und crossmediale freie Autorin mit Sitz in Istanbul. Jüngste Dokumentarfilme: „Graffiti und Tränengas. Die Künstler der Gezi-Revolte“ (3Sat, 2013), „500-800 Dollar kostet ein Mädchen in Mossul“ (ORF, 2014)


1) Gerüchteweise achten eigentlich nur Journalisten auf die Autorennamen über oder unter einem Text – wann hast Du Dir zum ersten Mal einen Autorennamen gemerkt und warum?

In der Lokalzeitung meiner Heimatstadt in Westfalen gab es eine unverwechselbare Kolumne, den Steintor-Hennes. Eine Glosse über die zerfallenden Wasserburgen in der Region stilisierte Maulwürfe zu Helden, die durch die Flöze der damals noch aktiven Steinkohlbergwerke streunten und Burgenfundamente sabotierten. Diese Maulwürfe trugen die Namen der damals wichtigen und mächtigen Gewerkschaftsgrößen des Ruhrpotts. Sie kämpften für den Erhalt einer die Landschaft unterhöhlenden Industrie. Die geschädigten Landadeligen waren damals die komischsten Vertreter der gerade erstarkenden Umweltbewegung. Sie setzten sich für die westfälische Feldspringmaus und die grün-gelb gestreifte Schlüpflibelle ein und legten ökologisch nachhaltige Gartenteiche in ihren Ländereien an. So erinnere ich mich jedenfalls an den hintergründigen Witz des Steintor-Hennes. In der Realität mögen die Themen auch belangloser gewesen sein. Diese Kolumne schaffte es, die komischen Seiten von Machtstrukturen zu karikieren und gleichzeitig sehr viele Informationen zu übermitteln. Der Hennes war ein Pseudonym für verschiedene Autoren, die im Schutz seiner Narrenkappe sowohl stilistisch als auch thematisch zuweilen hochwertige, manchmal auch banale Satire produzierten.

Ich mag bis heute Kollektiv-Labels, die sich einer bestimmten Mission verschreiben. Das aus dem Luther-Blisset-Projekt hervorgegangene italienische Schriftstellerkollektiv Wu Ming etwa gehört zu meinen Favoriten. Luther Blissett ist eine reale Person, es handelt sich um einen karibisch-englischen Fußballprofi, der in den 1980er Jahren unter anderem für den AC Mailand spielte. 1994 lancierten eine Gruppe subkultureller Aktivisten in Bologna eine Reihe von Falschmeldungen in italienischen Massenmedien, die Luther Blissett als kollektives Phantom etablierten. Blisset schrieb auch den Roman „Q“. Der Roman erzählt die Geschichte der linken italienischen Gegenkultur als historischen Roman über die Reformationszeit. Ein Theologiestudent und sein phantomhafter Feind Q stehen im Mittelpunkt. Das Autorenkollektiv vermeldete, dass es das 16. Jahrhundert gewählt hat, weil „damals die Geburtsstunde all dessen war, was im modernen Leben verkehrt läuft: Europa, Massenkommunikation, Polizeistaat und Finanzkapital“. In Istanbul gibt es ebenfalls ein Autoren- und Künstlerkollektiv unter dem Label Periferi. Es steht lose in der Tradition der internationalen Situationisten und äußert mit einer Verfemung des „Terrors der Wirklichkeit“ eine radikale Kritik an der Inszenierung von Realität in den Massenmedien. In diesem Sinne, finde ich, haben Signaturen etwas Vorläufiges, sie sollten wandelbar sein und vornehmlich den Resonanzraum für die Inhalte bilden.

2) Wie lautet Deine Lieblingsschlagzeile?

„Van Minüt“ war der fortlaufende Titel eines Cartoons in der Tageszeitung Habertürk des türkischen Satirikers Mehmet Çağçağ. Er bezog sich auf die Auseinandersetzung zwischen dem israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres und dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos 2009. Erdoğan hatte Peres mit dem Einwurf „One Minute“ zu unterbrechen versucht und verließ schließlich wutschnaubend und Peres beschimpfend das Podium, weil er keine zusätzliche Redezeit bekommen hatte. Es war der erste internationale Glanzauftritt des immer wieder unfreiwillig politische Satire produzierenden heutigen Präsidenten der Türkei. Mehmet Çağçağ setze bis zum vergangenen Jahr das komische Talent Erdoğans unter dieser Schlagzeile unverwechselbar in Szene.

3) Dein peinlichstes Erlebnis auf einer Pressekonferenz?
Ich meide Pressekonferenzen, weil man dort selten etwas von Belang erfährt. Eine meiner qualvollsten Erlebnisse aus meinen ersten Jahren in der Türkei war eine Pressekonferenz beim türkischen Menschenrechtsverein in den 1990ern, auf der eine deutsche Menschenrechtsaktivistin irgendeine unreflektierte PKK-Propaganda auf Kurdisch vortrug. Eine kurdische Menschenrechtsaktivistin musste sie in das Türkische übersetzen. Als Ende vom Lied reiste die Deutsche danach unbehelligt wieder ab, während ihre Übersetzerin einen Prozess wegen PKK-Propaganda am Hals hatte. Damals war Kurdisch als Sprache verboten, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Auch nicht die damals verbreitete Ignoranz von Aktivisten, Politikern und auch vielen Kollegen, die immer wieder zur Eigenprofilierung sie gar nicht betreffende Grenzen sprengten und es andere dann ausbaden ließen.

4) Wie kann der Journalismus auf keinen Fall gerettet werden?
Durch ständiges Lamentieren über seinen Zustand. Auch wenn das Infotainment der deutschen Medienwelt mittlerweile erdrückend ist. Es gibt immer Möglichkeiten, sich der Maschinerie der Manipulationen zu entziehen. Die eigene Kreativität hat ja nur die Grenzen, die man ihr selbst setzt. Journalisten müssen sich auch nicht dem Diktat der Mainstream-Medien beugen, sondern tun das leider oft freiwillig.

5) Wenn es einen speziellen Himmel für Journalisten gäbe – auf wen da oben würdest Du Dich freuen?
Auf meinen Kollegen Victor Kocher, den früheren Nahostkorrespondenten der NZZ. Der stürzte 2011 im Schweizer Wallis tragisch beim Spazierengehen aufgrund von Glatteis in eine Schlucht in den Tod nachdem er viele lebensgefährliche Situationen auf seinen Reisen überstanden hatte. Der schrieb messerscharfe Analysen, bewegende Reportagen und kritische Kommentare aus einer Region, über die viele Kollegen gern als Experten kolportieren ohne sich gleichzeitig physisch dorthin zu bewegen. Victor ist keinem Risiko aus dem Weg gegangen und scheute keine Mühen. Falls es so einen Himmel gäbe, gehörte er für mich dort hinein.

Gabriel Garcia Marquez würde ich auch gern antreffen, neben seiner Weltliteratur lese ich unheimlich gern seine Reportagen über die Praktiken der Mafia in Kolumbien. Ich zitiere immer wieder aus seinem Werk. Dafür würde ich mich gern bedanken.

Sabahattin Ali sollte außerdem in diesem Himmel anzutreffen sein. Das war ein türkischer Journalist und Schriftsteller, der ein zauberhaftes Buch über das Berlin der 1930er Jahre geschrieben hat. Er war damals dort Student. Ali war Mitbegründer der legendären Satirezeitschrift Markopaşa, die Ende der 1940er Jahre die partielle Modernisierung in der Türkei meisterhaft karikierte. Der Titel bezog sich auf einen griechisch-osmanischen Arzt, der im osmanischen Reich für seine Engelsgeduld bekannt war. Ali wurde 1948 auf der Flucht nach Bulgarien von Unbekannten ermordet, es wird bis heute ein politischer Zusammenhang vermutet. Ich würde gern von ihm erfahren, ob das stimmt.

6) Und wem auf Erden würdest Du am liebsten den Stift klauen?
Den Karl Mays in meinem Berichtsgebiet. Die sind ein relativ neues Phänomen. Politisch unterschiedliche Gewichtungen sind ein zentrales Element des Journalismus und gehören zur wichtigen Pluralität der Diskurse. Ich habe im vergangenen Jahr nur so viele gefakete Interviews mit angeblichen Vertretern des Islamischen Staates, habgierigen Flüchtlingsschleppern und sonstigen Blödsinn gelesen, das mir immer noch ganz schwindelig wird. Es gibt so viele unsinnige Preise in unserer Zunft. Ich möchte wirklich anregen, dass der goldene Kara Ben Nemsi demnächst ausgelobt wird. Ich mach auch gern Vorschläge, wer den bekommen soll.

7) Welchen anderen Beruf hättest Du Dir noch vorstellen können?
Das Bienensterben erforschen, Andalusienpferde züchten oder Regierungssprecherin des Königreiches Tonga zu sein wären noch echte Herausforderungen für mich.

8) Dein/e Wunschinterviewpartner/in?
Der König von Tonga, Taufaʻahau Tupou IV, nur leider ist der bereits 2006 verstorben. Mit dem Ehepaar Assad würde ich mich gern mal über die Shabia unterhalten. Das ist eine paramilitärische regimetreue Sturmtruppe in Syrien, die von Oppositionellen sehr gefürchtet wird. Der Name heißt soviel wie „Geist“, „Erscheinung“ und wird gleichzeitig auch für den Mercedes Benz als Automarke benutzt, da da so schnell empfunden wird wie ein Geist, erzählten mir syrische Dissidenten in Istanbul. Sie brausen auch gern mit Motorrädern und schnellen Autos durch die Städte und nieten dabei Regimegegner oder auch harmlose Passanten um. Ich würde die Assads nach ihrer bevorzugten Automarke fragen und dann ganz harmlos über die Gerüchte zu diesen unangenehmen Folterern und Mördern plaudern wollen. Aber nur außerhalb Syriens, versteht sich, an einem sicheren Ort.

9) Wie würde eine Zeitung aussehen, bei der Du ganz alleinige Chefredakteurkönigin wärst? Und wie würde sie heißen?
So ein Medium gibt es: www.inenart.eu. Interactive enthusiasts in art. Eine multimediale Seite, da ich ja crossmedial arbeite. Dort interagieren Beiträge in Wort, Bild, Schrift, Video, Graphiken und anderes miteinander und der Benutzer erfährt viel Unbekanntes vor allem aus meinem Berichtsgebiet, Türkei und Nachbarländer, korrespondierend mit der internationalen Kunst- und Kulturszene.

10) Wenn Gott Journalist wäre, für welche Zeitung tät sie schreiben?
Für www.inenart.eu auf alle Fälle nicht, ich schätze keinen Gottheiten, egal ob männlich oder weiblich. Eine Ausnahme war der König von Tonga, aber der ist ja leider von uns gegangen. Bei der Apotheken-Umschau könnte ich mir Gott sehr gut vorstellen. Die ist ja nach dem ADAC-Magazin die auflagenstärkste Zeitschrift in Deutschland und Gott könnte dort Balsam für geplagte, gesundheitsbewusste Seelen sein.

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