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Frau S. äußert sich … über ihre Gedanken

Flickr/mikecogh

… und zieht ein Resümee

6. und letzte Folge einer Miniserie von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Ihr sei nicht klar, ob sie mehr betrübt oder ernüchtert sei, sagte Frau S., vom Leben eher belehrt oder verstört, oder sollte sie sagen, vom Alter gezeichnet? Das fange schon damit an, dass ihre Gedanken zwar das Leben als Ganzes umfassten, aber womöglich nur ihr Alter ausdrückten. Alte Leute neigten nun einmal zu Sentenzen, wer habe als junger Mensch bei Jubiläen und Familienfeiern nicht darunter gelitten! Wer also jung sein oder scheinen wolle, der müsse konkret bleiben und sich ans Heute heften, als wenn es kein Morgen gäbe.

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Frau S. äußert sich … über ihr Gemächt

5. Folge einer Miniserie von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Es sei nur ein Zufall gewesen, ein ganz blöder Zufall. Shit happens, wie die Propheten sagen. Der Arzt hatte soeben den Abstrich gemacht, der die verhängnisvolle Diagnose erbringen sollte, und dann hatte die medizinisch-technische Assistentin, die zwischen den Untersuchungsräumen und dem Labor hin- und herpendelte, sie überfallen. Sie hatten noch nie ein Wort miteinander gesprochen, jetzt redete sie sie an, als wären sie Seelenfreundinnen, Schwestern, der Ausdruck sei damals gerade aufgekommen. Ob sie, Frau S. zeigte schamhaft auf ihre Brust, sich schon einmal für ihren Muttermund interessiert habe. Sie könne sich gar nicht vorstellen, wie schön er sei. Von einer zarten Haut überzogen, schimmere er wie eines dieser rätselhaften Wesen, die sich im Wasser wiegen, Qualle oder Anemone. Sie solle es einmal mit einer Selbstuntersuchung probieren, einfach das Spekulum in die Hand nehmen und sich trauen.

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Offener Brief: Gegen jeden Antisemitismus!

Dieser Brief ist im Namen aller unterzeichnenden Personen und Organisationen geschrieben worden.

Mit zunehmender Sorge und Irritation beobachten wir eine seit Wochen laufende Kampagne gegen Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, der wiederholt in ungerechtfertigter, ehrabschneidender und inakzeptabler Weise angegriffen wurde. 

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Frau S. äußert sich … über ihr Gesäß

4. Folge einer Miniserie von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Es sei nicht ihrs, sagte sie aufgebracht, und ein Gesäß könne man es auch nicht nennen, sonst wüsste sie, worauf sie sitzt, auf ihren Schenkeln oder auf ihrem Rücken. Das sei ihr schon ewig ein Rätsel gewesen. Stundenlang habe sie vor dem Affenschaufenster ausgeharrt, um wenigstens diese Frage zu klären.

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Dieser Eintrag wurde am 28. Juli 2020 veröffentlicht. 1 Kommentar

Frau S. äußert sich … über ihr Gesicht

3. Folge einer Miniserie von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Sie habe es nicht gewusst, aber jetzt wisse sie es, und mit einem Schlag seien alle ihre Fragen beantwortet: warum die Frauen stundenlang vor dem Spiegel verweilen, um sich zu betrachten, warum sie sich herrichten, warum sie etwas aus sich machen, was doch ein Etwas und keine Frau sei oder ein Bildnis, aber kein Mensch, eine, wie ihr spießiger Vater gesagt hätte, Maske, aber kein Gesicht. Wenn die Dinge in der Welt sind, könne man von ihnen nicht mehr absehen, denn eins sei ihnen nicht abzusprechen, dass sie existieren. Ein Gesicht aber existiert nicht. Denn bei einem Gesicht gehört es nun mal zur Definition, dass sich jemand darin erkennt, dass er es für sich reklamiert. Wogegen es bei anderen Gegenständen durchaus reichen würde zu sagen, ein Fön, und sogar bei einem Bein reichen würde zu sagen, ein Bein. Gerade beim Gesicht aber sei es so, dass niemand mit Gewissheit sagen könne, meins. Wenn es zum Beispiel  wie ein Gegenstand in die Höhe gehalten wird: Wem seins ist das? Sie zumindest müsse hier passen, weil sie zu selten prüfend in den Spiegel schaue und ihr Gesicht, seit sie ein junges Mädchen war, auch nicht mehr bearbeitet habe, was zweifellos ein Verfahren sei, dem eigenen Gesicht näher zu kommen. Man müsse sich eben damit befassen. Sie könne sich schon vorstellen zu sagen: Ich. Aber das sei die Antwort auf die Frage: Wer? Diese Frage sei immer schon abstrakt und die Antwort, solange man nicht komplett verstört sei, entsprechend einfach, man könnte sich ebenso gut auf der Passstelle erkundigen. Der Unterschied sei gewissermaßen philosophisch, denn um das Gesicht als das eigene reklamieren zu können, müsste man entscheiden:  Ist es innen oder außen, Körper oder Seele? In welches System gehört es? Erst wenn ich das geklärt habe, kann ich mich bei den richtigen Begriffen bedienen, um es zu beschreiben, das Gesicht. 

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Frau S. äußert sich … über ihr Geschlecht

2. Folge einer Miniserie von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Den modernen Debatten über Identität und Geschlecht lausche sie verwundert, sagte Frau S. Nicht, dass sie nicht mitreden wolle. Umso befremdlicher sei es, dass sie das Wie und Warum der Unterhaltung nicht verstehe. Geschlecht schön und gut. Aber was, wenn man nie eins gehabt hat? Und ob sie von Identität träumen solle, wisse sie auch nicht, so fremd sei ihr die Chose.

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Frau S. äußert sich (1)

Eine Miniserie von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Torte für Frau S. zum Serienstart www.flickr.com/photos/eldriva/

1. Folge: Frau S. äußert sich über ihr Gewicht

Frau S., mit der wir durch besondere Umstände verbunden waren, erzählte uns über die Fatalität ihrer Leibesfülle Folgendes. Sie hasse ihren unförmigen Körper, aber sie liebe es zu essen. Das Fatale sei, dass sie zwischen Letzterem und Ersterem keinen Zusammenhang erkennen könne. Sie wisse um diesen Zusammenhang, sie sei ja nicht blöd, aber sie könne sich ihn nicht aneignen. Für sie gebe es kein fremderes Wissen als dies.

Dieser Eintrag wurde am 8. Juli 2020 veröffentlicht. 2 Kommentare

sommer gedicht

von unserer gastprinzessin kuku schrapnell

ich wünscht ich könnt beim paddeln stehn
und müsste niemals untergehn 
mein körper glatt in neopren 
und extra schuhe mit so zeh’n

beruflich würd es auch gut gehn 
manchmal kleine dinger drehn
ein bisschen was am staat vorbei
auch echt nicht viel, nur eins, zwei, drei

milliönchen nicht, nur hunderttausend
mein mann sagt auch, dass die erlaubt sind 
zumindest schon auch gern gesehn 
denn die konjunktur soll aufwärts gehn 

ich wünscht, ich könnt beim paddeln stehn
und müsste niemals untergehn
der stand ist fest, die wirtschaft auch
die sonne scheint mir auf den bauch

Die Stones und ich

Aus dem Familienalbum unseres Gastprinzen Harald Justin

Fotos: Harald Justin

Die Rolling Stones gehörten immer schon zu meiner Familie. Oder ich zu ihrer. Ich erklärte mich zu ihrem Familienmitglied, ohne ihr Wissen, bin mit ihnen aufgewachsen, so wie mit der Sonne, dem Mond und den Sternen. Sie waren immer da, die bessere Familie. Vom wem sonst sollte man in den 60er Jahren juvenilen Tugendterror erlernen? Den ersten hysterischen Kreischalarm übte ich 1965 ein, als mir die anderen Erziehungsberechtigten den Besuch des Rolling Stones Konzerts in der Essener Gruga-Halle untersagten.

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Dieser Eintrag wurde am 14. Mai 2020 veröffentlicht. 1 Kommentar