Archiv | Mai 2020

Die Stones und ich

Aus dem Familienalbum unseres Gastprinzen Harald Justin

Fotos: Harald Justin

Die Rolling Stones gehörten immer schon zu meiner Familie. Oder ich zu ihrer. Ich erklärte mich zu ihrem Familienmitglied, ohne ihr Wissen, bin mit ihnen aufgewachsen, so wie mit der Sonne, dem Mond und den Sternen. Sie waren immer da, die bessere Familie. Vom wem sonst sollte man in den 60er Jahren juvenilen Tugendterror erlernen? Den ersten hysterischen Kreischalarm übte ich 1965 ein, als mir die anderen Erziehungsberechtigten den Besuch des Rolling Stones Konzerts in der Essener Gruga-Halle untersagten.

Opferbereitschaft erprobte ich 1973, als ich meine damalige Freundin während ihres zweistündigen Konzertes auf den Schultern trug. Danach hatte ich Rücken. 1976 schlug ich mir eine Stunde vor dem Kölner Konzert einen Vorderzahn ’raus, 1982 schluckte ich beim Baden im See vor dem Konzert in Hannover einen Magendarmvirus und litt. Alles, was ich über die Verletzbarkeit des Körpers wissen musste, hatte ich dank Mick und Keith verinnerlicht. Auch gewisse Charakterstärken gaben sie mir mit auf den Weg. Etwa das Geldausgeben für Konzerttickets, Fan-Artikel und den gewissen Rock ’n’ Roll-Lifestyle.

Eine weitere Lektion in Sachen Charakterbildung gab es 1995, als die Zeitschrift, für die ich arbeitete, die Einladung zu einem Fototermin mit den Stones anlässlich ihres bevorstehenden Köln-Konzerts erhielt. Natürlich sagte ich zu, obwohl ich kein Fotograf und ohne Kamera war. In Köln lernte ich dann die ebenfalls herbeigeeilten, wahren Meister der Zunft kennen. Ihre Jackentaschen waren prall gefüllt mit Filmrollen, sie waren ausgestattet mit Stativen, mehreren, salopp getragen Kameras mit langen, langen Objektiven und behängt mit schweren Kamerataschen. Wir alle wurden mit dem Bus aufs Rollfeld gekarrt, wir nahmen hinter einer Absperrung Platz, sie, die Profis und ich mit einer Pocketkamera, die ich mir am Abend vorher von der 11-jährigen Tochter einer Freundin ausgeliehen hatte.

Es war ein denkwürdiger Moment, als nach mehrstündiger Verspätung erst Mick Jagger, dann Keith Richards Arm in Arm mit Ron Wood aus dem Flieger tänzelten, sekundenlang vor uns posierten und dann in ihre Limousinen stiegen, um ins Hotel zu entschwinden. 50 Meisterfotografen ließen es klicken, die Objektive surrten zu beträchtlicher Größe heran. Während die Profis ihre Filmrollen wie Gunmen ihre Magazine wechselten, drückte ich tapfer auf den Auslöser meines Winzlings, mitleidig beäugt von Männern, die besser ausgestattet waren. Harhar. Zugegeben, für die seriöse Fotokritik taugen meine unscharfen Fotos nicht, aber fürs Familienalbum reicht es. Was an Schärfe und Detailgenauigkeit fehlt, macht das Wunschdenken wett. So kann ich es den Kindern erzählen. Von der Lektion Demut, die ich erhielt, von der Portion Selbstironie, die es braucht, um Peinlichkeiten die Stirn zu bieten. Man kann, wie es meine Familienmitglieder sangen, eben nicht immer alles bekommen, was man will. Aber irgendwann bekommt man, was man braucht.

Reich und Naiv: Die Corona-Proteste

von unserem Demokratiebeauftragten Benjamin Weissinger


Als Demokratiebeauftragter haben ich lange geschwiegen – vielleicht zu lange. Als dieses fürchterliche Virus sich in Deutschland ausbreitete und es zu sogenannten „Lockdown“-Maßnahmen kam, nickte ich sie zunächst ab. Klar, wir müssen zuallererst uns selbst und dadurch gerne auch andere vor Ansteckung schützen. Schnell fiel mir aber auf, dass meine Rechte als reicher Bürger in Frage gestellt waren. Freier Zugang zu Autohäusern und meinen Lieblingsrestaurants war versperrt. Meine Angestellten blieben zuhause: Isolation! Dass jemand wie ich nie gelernt hat zu kochen oder „mal eben“ im Supermarkt einzukaufen, hatte die Politik nicht bedacht. So musste ich mir wie ein Student jeden Tag Essen bestellen. Am Anfang war das ja noch urig. Aber irgendwann will man auch mal wieder an einem vernünftig gedeckten Tisch sitzen und bedient werden. Und die Gespräche und Anekdoten, mit denen ich die Kellner immer unterhalte – die vermissen mich. Soziales Erleben total runter gefahren. Dazu sorgen um mein Aktienportfolio. Sicher, ich habe auch in Immobilien investiert, ich bin ja nicht blöd. Aber trotzdem, reicher bin ich jetzt nicht geworden. Weiß nicht, ob das wirklich im Sinne des Erfinders ist. 
Lange Vorrede, kurzer Sinn, ich fand die Maßnahmen dann auch nicht mehr gut. Von Bekannten hörte ich, dass sich Widerstand formiert – allerdings seien unter den Demonstranten oft Nazis, Verschwörungstheoretiker und Obskuranten, die die Demokratie generell ablehnen. Das schockierte mich. Es muss doch möglich sein, dass man wieder machen darf, was man will, ohne unsere demokratischen Werte abzulehnen. Komisch. Ich entschloss mich, an einer solchen Demo teilzunehmen, um mir selbst ein Bild zu machen. Mit Maske und Schutzanzug natürlich. Ich bin zwar nicht unbedingt ein Risikopatient, aber Krankheiten aller Art sind meine Sache nicht. Also lieber „Nummer sicher“.
Als ich bei der Demo ankomme, haben sich schon einige Menschen versammelt. Die Stimmung ist teils heiter, teils aufgebracht. Auffällig viele tragen keine Maske. Naja, freies Land. Als ich für meinen „Aufzug“ kritisiert werde, erinnere ich die Leute daran, dass jeder machen und meinen darf, was er will. Das Argument zieht. Gut gelaunt höre ich den Redebeiträgen zu. Ein Herr Gates will alle Deutschen mit einer Fernsteuerung kontrollieren und in den U-Bahn-Schächten der Stuttgart 21-Baustelle warten kampfbereite Flüchtlinge, die im Falle eines Bürgerkriegs auf uns Deutsche losgelassen werden sollen. Das wusste ich zum Beispiel alles nicht. „Das ist noch nicht mal die Hälfte der Scheiße, die momentan hier abläuft“, raunt mir seitlich einer zu. Das klingt ja nicht so gut, denke ich. Aber so ganz verstehe ich die Zusammenhänge zur Öffnung der Biergärten und Opern jetzt noch nicht. Plötzlich erhebt sich ein Sprechchor: „Mei-nungs-frei-heit, Mei-nungs-frei-heit!“ Da stimme ich gerne mit ein. Ein etwas rotnackiger Herr mit Runen auf dem T-Shirt geht an mir vorbei und schreit „Volksverräter“, ein Lehrer Mitte 50 fordert das „Ende der Besatzung“, dann wieder so eine Art Blumenkind, auf dessen Schild steht, dass man Corona wohl mit Engelwurz behandeln kann. Ehrlich gesagt wird mir das alles ein bisschen viel, merke, wie ich den Überblick verliere. Hieß es nicht mal bunt statt braun? Jetzt ist wohl bunt und braun angesagt. Ich weiß es nicht, ihr Lieben. Einen Waffelstand gibt es leider auch nicht und unter meiner Schutzkleidung werde ich furchtbar durstig. Habe genug gesehen und fahre nach Hause. 
Dort angekommen, bin ich irgendwie seltsam froh, wieder alleine zu sein. Als Demokratiebeauftragter kann ich nur sagen, man sollte mit meinen Grundrechten etwas vorsichtiger umgehen, aber was die anderen da alles sagen und fordern, ist eher mit Vorsicht zu genießen. Müssen die nicht auch arbeiten eigentlich? Der Wirtschaft geht’s ja nicht so gut. Also vielleicht mal mehr arbeiten und weniger Quatsch erzählen. 
Mein Fazit der momentanen Lage fällt gemischt aus: Demokratie und Meinungsfreiheit scheinen momentan noch zu bestehen. Es gibt aber viele verschiedene, teils krude Ansichten, wie es weiter gehen soll. Ich habe so das Gefühl, es wäre wirklich wichtig, wenn Vergnügungsparks und Sportveranstaltungen wieder stattfinden, dann kommen die Leute auf andere Gedanken und ich kann auch wieder zum Pferderennen. 

Dieser Eintrag wurde am 10. Mai 2020 veröffentlicht. 1 Kommentar