Zwischen Zelten

Von Gastprinzessin Samael Falkner

Lageso (Berliner Camp) / sebaso via Flickr

Lageso (Berliner Camp) / sebaso via Flickr

Du wachst auf und liegst auf der selben ranzigen, dreckigen, schimmeligen Decke, auf der du eingeschlafen bist. Das ist ungefähr zwei Stunden her, die Nächte sind kurz, seit du dir das Zelt mit einer Großfamilie teilst. Es ist nicht deine Familie. Keiner hier spricht Deutsch. Polen, so viel konntest du herausfinden. Polen, die sich um ihre Kinder sorgen und mit dir nicht hier sein wollen, aber sie haben ja keine Wahl. Darum hältst du dir im Schlaf die Ohren zu und meist klappt das. Das hier ist jetzt dein Zuhause. Deine Geschichte?

Du lebtest mal in Berlin. Metropole, Kultstadt, Touristenmagnet. Hübsche kleine Wohnung in Mitte. Zu teuer, klar, aber dafür mit Stuck und kurzen Wegen. Die Stadt gibt es nicht mehr, zumindest nicht, wie du sie kennst. Dein Zelt steht nahe Pretoria, Südafrika. Eine schöne, moderne Universitätsstadt. Hast du dir sagen lassen von denen, die Internetzugang haben. Verlassen darfst du das Camp nicht. Als die ganze Scheiße mit dem Krieg in Deutschland anfing, hast du das alles nicht so ernst genommen. Du warst gerade Freunde besuchen in Köln, auf einer dieser Barcamp-Veranstaltungen. Hast du viel Geld für hingelegt. Dann die Nachricht, Berlin steht nicht mehr. Deine Regierung hat über deinen Kopf hinweg angefangen, Russland anzugreifen, Russland hat sich gewehrt. Aus Osten, über die Ukraine, sind die Truppen gekommen, die in wenigen Nächten die Großstadt, das “Herz Europas” in Schutt und Asche gelegt haben. Und du warst zum Glück gerade auf einem Barcamp. Deine Eltern nicht. Deine Schwester nicht. Die wurde mit dem Hörsaal weggebombt, dabei wäre sie in zwei Semestern fertig gewesen. Kein BA für deine Schwester. Keine Heimat für dich.

Die Flüchtlingsströme haben sich für den Süden Afrikas entschieden, da der Norden bereits durch Kriege erschüttert war und man sie aus der Mitte weiterschickte. Durch Wüsten, Steppen, zu Land und zu Wasser. Tausende Deutsche sind auf dem Weg umgekommen. Die Nussschale, mit der du hier ankamst, ist mehrfach auf dem Weg die Küste entlang fast gekentert und beschossen wurden. Von den siebenhundert Menschen an Bord haben es gut hundert geschafft. Das war vor vielen Monaten. Südafrika hatte wegen der dramatischen Lage, dass «halb Europa» nun zu ihnen wollte, Zeltstädte eingerichtet, deren medizinische und allgemeine Situation noch deutlich unter Slum-Niveau lag. Und hier lebst du nun.

Du teilst dir das Zelt mit der polnischen Familie, da man annahm, ihr Europäer würdet euch am ehesten verstehen. Das Camp ist voller Tschechen, Polen, aber auch Franzosen und vielen Spaniern. Du hast in der Schule irgendwann mal ein paar Worte Englisch gelernt, die helfen dir hier kein Stück. Stattdessen gestikulierst du. Von Zeit zu Zeit kommen Hilfsteams. Sie bringen Wasser, Müsliriegel und Dosenessen. Die Lage ist angespannt, während sich einige tausend Menschen um einige hundert Dosen Gemüseeintopf streiten.

Du hattest dein Smartphone dabei, aber es ist unterwegs über Bord gegangen. Keine Ahnung, ob es deine Freunde in Berlin noch gibt. Irgendwer behauptet, dort regieren nun Nazitrupps, die sich zusammenschlossen, um das Heimatland gegen den Aggressor zu verteidigen. Ein Weilchen hast du noch versucht, Vegetarier zu bleiben. So bis zur Hälfte des Trips, als es nur noch um das Überleben ging. Jetzt ist dir völlig egal, was du isst. Deine Skinnyjeans sind zerrissen und du könntest die polnische Familie noch mit rein nehmen.

Du hast gehört, dass die südafrikanische Regierung gerade an einem Entwurf arbeitet, der vorsieht, dich möglichst schnell abzuschieben. Dich und all die anderen Deutschen. Deutschland gilt als sicheres Herkunftsland. Gut, vielleicht nicht für dich als schwulen Linken, aber im Großen und Ganzen. Und da du weder deine Sexualität, noch deine politische Ausrichtung, wirklich beweisen kannst, sieht es schlecht aus mit der Anerkennung. Wärst du Pole, sähe das anders aus. Dann dürftest du zwar immer noch nicht das Camp verlassen, oder arbeiten, aber hier sitzen bleiben. Auf dem Boden, auf der ranzigen Decke. Vor dem Zelt prügeln zwei Franzosen auf einen Österreicher ein. Du hilfst nicht, du hältst dich raus, die Szenen werden immer alltäglicher.

Du musstest lernen, dass Rassismus kein exklusiv deutsches Problem ist. Jeder hier im Camp hat Vorbehalte gegen jeden und die Südafrikaner kommen nicht in die Nähe des Zeltlagers. Das Gerücht geht um, alle hier seien kriminell und würde man dich auf die Straße lassen, würdest du die Südafrikaner überfallen. Trotz der Nähe zu Afrikaans klingt deine Sprache für die Einheimischen hart, abgehackt und aggressiv. Wenn du versuchst, dich durch den Zaun verständlich zu machen, Leuten zu erzählen, dass du Grafiker und Werber bist und damit seit Jahren erfolgreich, hören sie dir nicht zu. Dein Uniabschluss zählt hier nichts, die Südafrikaner kennen die Pisa-Statistik. «Deutsche Fachkräfte», soso.

Es ist egal, wie viel du in den letzten Jahren für Tierschutzvereine gespendet hast, ob du wie vorgenommen alle zwei Wochen deine Wohnung geputzt hast, ob du deinen Kaffee «fairtrade» für sechs Euro oder als Plörre für achtzig Cent getrunken hast. Keine Sau interessiert, wer du bist, wie du heißt, ob du in die Rentenkasse eingezahlt hast. Hier bist du nur Dreck und kannst froh sein, wenn du eine Flasche Wasser ergatterst in der Hitze.

Und irgendwie schaffst du es, wieder einzuschlafen, während der Gesetzesentwurf zur zügigen Rückführung über den Tisch geht.

 

Dieser Text erschien zuerst auf http://hypnoid.net/2015/08/09/zelte/, wir freuen uns, dass wir ihn übernehmen durften.
Anmerkung : Die fiktiven Beispiele Russland und Südafrika sind nach den Gesichtspunkten gewählt, welches afrikanische Land reich genug wäre, um im Ernstfall eine große Anzahl Europäer aufnehmen zu müssen und welches Land militärisch in der Lage, Deutschland zu Trümmern zu bomben. Sie stellen keinerlei politische oder gesellschaftliche Wertung dar.

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