Der royale Journalistenfragebogen der Prinzessinnenreporter (20)

Screen Shot 2015-09-07 at 3.43.54 PMAusgefüllt von Christian Y. Schmidt

Der Journalist – das unbekannte Wesen. Wir wissen zumindest: Journalisten sind vielbeschäftigte Leute. Dennoch baten wir ausgewählte Exemplare, sich einen Augenblick Zeit zu nehmen und unsere Fragen zu beantworten. Es ist schließlich zu ihrem Besten. Denn um den Online-Journalismus zu retten, brauchen die Prinzessinnenreporter ein paar Daten zur Evaluation. Und im Sommer lassen wir nun mal auch gern andere für uns arbeiten.
Die Prinzessinnenreporter bedanken sich huldvoll bei allen Teilnehmer/innen und veröffentlichen die Antworten in loser Folge.


Gerüchteweise achten eigentlich nur Journalisten auf die Autorennamen über oder unter einem Text – wann hast Du Dir zum ersten Mal einen Autorennamen gemerkt und warum?

Günter Gerke. Das war der Lokalchef der Bielefelder „Neuen Westfälischen“ in den Siebziger und Achtziger Jahren. Ein rechter Sozialdemokrat, der in seinen Kommentaren gegen die Linksradikalen und später gegen die aufkommenden Alternativen anschrieb. Die linke Szene in Bielefeld war ihm in Hassliebe verbunden. Sein Name wurde auf Flugblättern und in der Alternativpresse verballhornt – einmal kann man raten, wie – und man las natürlich alles von ihm. Wahrscheinlich schrieb er gar nicht so schlecht; die einzige Formulierung, an die ich mich heute noch erinnern kann, war die Charakterisierung eines korpulenten führenden Kopfes der Bielefelder Alternativszene als „lila Latzhosen-Teddy“. Grosser Lacher und auch ein bisschen Neid.

Wie lautet Deine Lieblingsschlagzeile?

„Präsident Eierle“ als fette Überschrift zu einer Walter Boehlich-Kolumne in einer Titanic-Ausgabe des Jahres 1994.

Komplizierte Entstehungsgeschichte: Boehlichs Kolumnen kamen immer auf den letzten Drücker. Deshalb nahmen wir regelmässig irgendeinen Blindtext als Platzhalter für die Überschriften. In diesem Fall stammte der Blindtext vom Titanic-Titel 5/1994, auf dem der damals erstmals zum Bundespräsidenten kandidierende Johannes Rau als Schnabeltier gezeichnet worden war, und zwar mit der Bildunterschrift „Muss das wirklich sein? Ein Präsident der Eier legt!“

Lustigerweise überlebte „Präsident Eierle“ dann die tausend Korrekturvorgänge, der ein Titanic-Heft unterliegt. Grosses Entsetzen dann auch zunächst, als das fertig gedruckte Heft vorlag. Fünf Minuten später dann aber grosse Begeisterung. An Boehlichs Reaktion kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Die Leser haben den Fehler aber gar nicht bemerkt. Wahrscheinlich glaubte man, man hätte die unglaublich subtile Überschrift nicht verstanden.

Dein peinlichstes Erlebnis auf einer Pressekonferenz?


Man lädt mich nicht zu Pressekonferenzen ein, und das ist wahrscheinlich auch ganz gut so.

Wie kann der Journalismus auf keinen Fall gerettet werden?

Durch ein Nacktschreibegebot. Oder vielleicht doch? Man weiss so wenig über die Zukunft.

Wenn es einen speziellen Himmel für Journalisten gäbe – auf wen da oben würdest Du Dich freuen?

Benjamin von Stuckrad-Barre. Der frühe und mittlere Stuckrad-Barre war wirklich ein guter, lustiger Journalist. Aber folgende Geschichte gibt den Ausschlag: Anfang der Nuller Jahre versteckte Stucki zu vorgerückter Stunde ein paar grössere Geldscheine in meinem Bücherregal, um mir diese anlässlich meines bevorstehenden Geburtstags überraschend zukommen lassen. Darüber habe ich mich sehr gefreut, weil ich Geld eigentlich immer gut gebrauchen kann. Kurze Zeit später brach der Kontakt dann leider ab.

Ach, Stuckrad-Barre ist noch gar nicht tot? Okay, kommt aber noch. Das ist sicher.

Und wem auf Erden würdest Du am liebsten den Stift klauen?

Dem ehemaligen Korrespondenten des „New Yorker“ in Peking, Peter Hessler. Der Mann schreibt leider immer noch ein bisschen besser über China und die Chinesen als ich. Ausserdem spricht er unverschämt gut Chinesisch. Zum Glück ist er seit 2011 Korrespondent in Kairo.

Welchen anderen Beruf hättest Du Dir noch vorstellen können?

Wirtschaftsflüchtling. Ach so, bin ich ja.

Dein/e Wunschinterviewpartner/in?

Chinas Präsident Xi Jinping. Wahlweise die amerikanische Schauspielerin Tippi Hedren, kurz nachdem sie „Birds“ mit Hitchcock gedreht hatte. Heutzutage aber nicht, denn sie ist ja leider auch Tierrechtsaktivistin geworden (Brigitte Bardot-Krankheit). Dann halt Sherilyn Fenn alias Audrey Horne aus „Twin Peaks“. Oder doch lieber Aubrey Plaza aus „Parks and Recreation“? Mein Gott, ich weiss es nicht.

Wie würde eine Zeitung aussehen, bei der Du ganz alleiniger Chefredakteurkönig wärst? Und wie würde sie heißen?

Hm, vielleicht so wie der „New Yorker“, aber ohne den Service-Teil, und mit etwas aggressiveren Karikaturen? Und natürlich Fotos. Heissen würde die Zeitschrift „C.Y.S – Christian Y. Schmidts interessantes Magazin“, nach „P.M. – Peter Moosleitners interessantes Magazin“. Bester Zeitschriftentitel ever.

Wenn Gott Journalist wäre, für welche Zeitung tät sie schreiben?

Gott wäre niemals Journalist. Gott ist Komponist und Musiker.

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