Der royale Journalistenfragebogen der Prinzessinnenreporter (39)

Links: Felix Schwadorf

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Ausgefüllt von Felix Schwadorf
Der Journalist – das unbekannte Wesen. Wir wissen zumindest: Journalisten sind vielbeschäftigte Leute. Dennoch baten wir ausgewählte Exemplare, sich einen Augenblick Zeit zu nehmen und unsere Fragen zu beantworten. Es ist schließlich zu ihrem Besten. Denn um den Online-Journalismus zu retten, brauchen die Prinzessinnenreporter ein paar Daten zur Evaluation. Und wir lassen nun mal auch gern andere für uns arbeiten. Die Prinzessinnenreporter bedanken sich huldvoll bei allen Teilnehmer/innen und veröffentlichen die Antworten in loser Folge.
Felix Schwadorf ist Sportjournalist


1) Gerüchteweise achten eigentlich nur Journalisten auf die Autorennamen über oder unter einem Text – wann hast Du Dir zum ersten Mal einen Autorennamen gemerkt und warum?

Die Welt des Journalismus lernte ich erst kennen, als ich Abonnent des Fussball-Magazins Kicker wurde. Ich war damals vielleicht acht Jahre alt. Bei mir zuhause gab es ausser Reklamezettel keine sonstigen Druckerzeugnisse. Ich las den Kicker komplett und mit größter Ehrfurcht von vorne bis hinten. Es war die Welt der reinen Wahrheit und absoluten Korrektheit. Also der komplette Gegensatz zu der Realität um mich herum mit ihren sadistischen Lehrern und neurotischen Eltern. Und den doofen anderen Kindern.
Die größte Freude war natürlich das „Tabellenstudium“. Wie konnte man mit einem negativen Torverhältnis trotzdem Zweiter sein? Die schlechteste Heimmannschaft ist die zweitbeste Auswärtsmannschaft. Verrückt, aber so stand es geschrieben! Auf der letzten Seite des Kickers gab es ein extra abgesetztes Kommentar-Kästchen. „Karl-Heinz Heimann dreht den Scheinwerfer.“ Sogar mit einem Foto von Karl-Heinz Heimann! Dieser Mann musste so unglaublich wichtig und weise sein, dachte ich mir, dass es ihm erlaubt war, ganz zum Schluß noch einmal seine „eigene Meinung“ zum Fußball-Geschehen der Woche abzugeben. Heimann legte gerne „den Finger in die Wunde“, aber nie „mit erhobenem Zeigefinger“, aber dafür immer mit „Gänsefüßchen“. Jahrzehntelang blickte er mir entgegen, große Derrick-Tränensäcke hinter dicken Brillengläsern und mit einer Miene staubtrockenster Humorlosigkeit. Wenn der Kicker die Bibel war, so war Karl-Heinz Heimann der Papst. Mein Problem: Ich konnte seine Artikel einfach nicht lesen. Sie kamen aus einer fremden Welt. Es hatte immer etwas mit Moral, Anstand und guten Sitten zu tun, leicht weinerlich im Tonfall, und für mich intuitiv abstoßend. So wollte ich meine Kicker-Lektüre nicht beenden. Dennoch habe ich Karl-Heinz, der insgesamt 58 Jahre für den Kicker tätig war, davon 20 Jahre als Chefredakteur und 19 Jahre als Herausgeber viel, vielleicht alles zu verdanken. Das jahrelange obsessive Kicker-Verschlingen war, wie sich später heraus stellte, die Grundausbildung für meine Arbeit als Sportreporter.

2) Wie lautet Deine Lieblingsschlagzeile?

„Wollt Ihr das totale Beige?“ SZ-Magazin
Über den Modegeschmack Deutscher Rentner.

3) Dein peinlichstes Erlebnis auf einer Pressekonferenz?

Bei Pressekonferenzen fühlt man sich immer ein bißchen wie in der Schule. Man soll zwar Fragen stellen, aber diese Fragen sollen geschickt und stilvoll vorgetragen werden. Auch darf man sich nicht verhaspeln oder versprechen, denn sonst gilt man sofort als unseriös. Wenn man wirklich etwas Neues wissen will, weiß man nie, ob die Kollegen dies nicht schon wissen und man sich dadurch lächerlich macht. Kurz: Pressekonferenzen sind an sich schon peinliche Veranstaltungen.
Der Trick besteht nun darin, möglichst früh vor der Pressekonferenz zu erscheinen. Einerseits kann man dann meistens noch lecker vom Buffett naschen, andererseits die Kollegen aushorchen, bzw. mit ihnen den Stand der Dinge abgleichen. Die unvermeidlichen „Kollegen“ (um mit Karl-Heinz Heimann zu sprechen) von der BILD-Zeitung sind natürlich auch schon da, vielmehr, sie lungern und lauern. Um bei Springer Sportreporter zu werden braucht man eigentlich nur eine ganz spezielle Art von Schmierigkeit und ein durch und durch negatives Menschenbild. Die Bildleute sind immer nur pro forma auf Pressekonferenzen, denn sie wissen eigentlich schon vorher alles. Ihr Wissen verdanken sie einer abgefeimten Erpressertechnik, die darin besteht, das Privatleben von Fußballern und Funktionären auszuspionieren. Man weiß im Grunde alles über den Lover eines homosexuellen Nationalspielers oder über die Lieblingsdomina eines Vereinsmanagers. Damit dies nicht an die Öffentlichkeit kommt, verlangen die Springertypen im Gegenzug Exklusiv-Informationen. Die sie dann auch in aller Regel bekommen.
So ist fast jede Pressekonferenz im Grunde nur die Parodie einer Pressekonferenz, d. h. alles, was dort gesagt wird, ist entweder überflüssig oder einfach nicht ernst zu nehmen.

4) Wie kann der Journalismus auf keinen Fall gerettet werden?

Habe ich da eine Diskussion verpasst? Ist denn der Journalismus so rettungsbedürftig?

5) Wenn es einen speziellen Himmel für Journalisten gäbe – auf wen da oben würdest Du Dich freuen?

Im Himmel wären ja nur die guten, und da würde ich mich auf alle freuen. Ich habe immer großen Respekt vor Menschen, die eine Meinung klar ausdrücken können und das auch wollen. Gleichzeitig verschreckt es mich auch. Das liegt vielleicht daran, dass ich mich nicht für den Klügsten halte. Dafür habe ich eine gute Spielintelligenz und bin sehr kopfballstark. Aber bei Konflikten will ich lieber kuscheln. Es wäre schön, wenn ich im Himmel an meinen Defiziten arbeiten könnte.

6) Und wem auf Erden würdest Du am liebsten den Stift klauen?

Das segensreiche Recht der freien Meinungsäußerung bringt es ja mit sich, dass auch viele Blödmänner und Blödfrauen zu Wort kommen dürfen. Ich bin da nicht so streng. Und es ist ja auch sehr unübersichtlich. Allerdings können die Blöden auch sehr gefährlich sein und schlimme Meinungen vertreten, die andere Blöde dann wieder nachplappern. Das scheint momentan sogar im Trend zu liegen. Ich halte aber nichts davon, jemandem den Stift weg zu nehmen. Man sollte ihn eher weg zaubern. Oder gleich in den Arsch rammen…

7) Welchen anderen Beruf hättest Du Dir noch vorstellen können?

Ich kann mir jeden Beruf vorstellen, für den man nicht zu früh aufstehen und nicht zu lange arbeiten muss. Aber sinnvoll sollte er sein. Verbrecherjäger wollte ich immer gerne sein. Und auch Gedankenleser. Diktator oder König wären auch geeignete Berufe für mich. Am liebsten aber Fußball-Profi.

8) Dein/e Wunschinterviewpartner/in?

Je länger ich diesen Fragebogen ausfülle, desto stärker wird das Gefühl, langsam größenwahnsinnig zu werden. So viele Wunsch- und Traumvorstellungen! Ich würde natürlich die schönsten und interessantesten Menschen interviewen wollen. Danach gehen wir essen und werden sauintim. Und wir bleiben bis zum Lebensende beste Freunde.

9) Wie würde eine Zeitung aussehen, bei der Du ganz alleiniger Chefredakteurkönig wärst? Und wie würde sie heißen?

Ich war schon als Grundschüler Chefredakteur meiner eigenen Zeitung, genannt „Das Tratschblättchen.“ Mein Klassenkamerad Jürgen Standke brachte zeitgleich „Die Laber-Zeitung“ heraus. Wir schrieben und bastelten abends je eine Titelseite und steckten sie uns dann morgens gegenseitig in den Briefkasten. Wir waren die ersten Blogger der Welt. Das Konzept einer täglichen „Eine-Seite-Tageszeitung“ überzeugt mich noch heute. Man müßte nicht so viel lesen und wäre trotzdem top informiert. Allerdings nur über wirklich betörende und seeleneinschneidende Dinge. Es sollte eine Zeitung sein, die einen dabei unterstützt und fördert, ein liebenswerter und gutherziger Mensch zu sein.

10) Wenn Gott Journalist wäre, für welche Zeitung tät sie schreiben?

Gott sollte erst einmal eine völlig überarbeite und vor allem selbst verfasste Version der Bibel heraus geben. Eine Art Director’s Cut. „So war es wirklich.“ Den Koran könnte er sich auch gleich vornehmen. Unter Berücksichtigung der neuen Fakten, können die Menschen dann entscheiden, ob sie weiterhin religiös sein wollen. Falls sich heraus stellt, dass Frau Gott eine gute Type ist, dann darf sie gerne in führender Position bei meiner Zeitung schreiben.

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