Klasse gegen Klasse 

von Mobilitätsgastprinzessin Simon Ilger

Schon wieder schreibt ein SpOn-Redakteur einen knalltütigen Anti-Bahn-Artikel, schon wieder müssen die Prinzessinnen intervenieren. Dieses Mal ist die Intention wohl, dass das Zeilengeld bei Spiegel Online augenscheinlich nicht so üppig ist wie bei den Prinzessinnenreportern, den Ruhrbaronen oder gar der Jungle World (Danke Mossad!), anders lässt sich nicht erklären, dass bei SpOn der Klassenkampf ausgebrochen ist. Oder sollten die Leute dort tatsächlich unter die Kapitalismuskritiker gegangen sein? Es mutet etwas so an.
Nein, lieber Leser, beruhige Dich, natürlich ruft Spiegel Online nicht zum Sturz des herrschenden Systems auf, aber es propagiert „zivilen Ungehorsam“ – wie sie es nennen – gegen die Unterdrückung der Unterschicht. Also, das was sie als Unterschicht sehen. Sich selbst. Wer Unterschicht ist, muss 2. Klasse im ICE fahren. Potzblitz! Dass so ein 2. Klasse-Ticket von Düsseldorf nach Würzburg ein Viertel des Hartz-4-Regelsatzes kostet und eine ICE-Fahrt für Kapitalismusverlierer überhaupt nicht realistisch ist, hat die SpOn-Redaktion leider nicht ergoogelt.

Aber ganz von vorn: der SpOn-Redakteur an sich ist ja erstmal ein „regelkonformer Bahnkunde“, Zustieg ohne Ticket ist tabu. Zeitung in der 1. Klasse zocken geht aber klar. In your face, Deutsche Bahn! Das trifft den – wie sagt SpOn so schön – „Staatskonzern“ bis ins Mark. Trifft fast so gut wie die Analyse von Herrn Kramer: Klassenteilung schafft Unterdrückung. Nein! Doch! Oh!
Die Bahn als Repräsentant dieses Staats, quasi als personifizierter Staat soll doch bitte das Klassendenken, die Unterteilung der Fahrgäste nach Besitzverhältnissen unterlassen, schließlich sei Mobilität staatlich garantierte Daseinsfürsorge. Der kapitalistische Staat sorgt ja schließlich auch für Gleichheit, da muss sein Bahnkonzern doch mitziehen. Was? Mitten im Kapitalismus gibt es Klassen, und der – neben der Bahn – zweite Schuldige, die „Entscheider in Schlips und Anzug“ hat sogar ein Klassenbewusstsein und Geltungsdrang? Hey, Spiegel Online, glaubst Du wirklich, dass die Probleme der Gesellschaft in Abschaffung der 1. Klasse im ICE liegen? Ich befürchte ja!

Vielleicht weil Du nicht zu den Opfern des Kapitalismus zählst und einfach mal einen Blick aus Deiner Klasse wagen solltest. Dir ein 2. Klasse-Ticket für den ICE leisten zu können, ist ein Privileg. Dir den Waggon mit dem eierlikörtrinkenden Damenkegelclub teilen zu dürfen, ist ein Privileg, Zeitungen in der 1. Klasse klauen zu können, ist ein Privileg. Denk da demnächst mal drüber nach, anstatt alberne Artikel zu schrieben. Ich für meinen Teil werde nächstes Mal wieder 1. Klasse fahren, nachher sitzt noch so ein unterdrückter SpOn-Redakteur neben mir, und das kann nun wirklich niemand wollen. Vorher reiße ich aber noch alle Witze-Seiten aus den ausliegenden Zeitungen.

Entscheider mit Schlips und Anzug in ihrer natürlichen Umgebung - der 1. Klasse im ICE. Weit weg von Pöbel. (Foto: Simon Ilger)

Entscheider mit Schlips und Anzug in ihrer natürlichen Umgebung – der 1. Klasse im ICE. Weit weg vom Pöbel. (Foto: Simon Ilger)

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