Raus aus der Filterblase, rein ins Getümmel

… rät Gastprinzessin Christian Y. Schmidt in der Fortsetzung unserer informellen Rubrik „So, und was machen wir jetzt?“

Natürlich kann es nicht darum gehen, gegenüber Nazis linke Positionen zu räumen. Das hat man auch in den Siebzigern nicht gemacht. Noch nahezu jeder dümmste maoistische Verein hatte damals eine zentrale Parole, die pathetisch lautete: „Deutsche und ausländische Arbeiter – eine Kampffront. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ Das ging letztlich auch durch alle anderen Gruppen, bis hin zu den Spontis, Jusos, DKP. Alle verstanden sich als Internationalisten. Der Internationalismus ist meiner Meinung einer der zentralen Punkte, in dem sich die Linke von den Rechten unterscheidet. Ebenso der Feminismus. Das heißt: Frauen haben die gleichen Rechte. Sie gehören nicht an den Herd und haben ebenfalls das Anrecht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Dahinter ist auch keiner zurückgewichen. Nicht gegenüber den Reaktionären, nicht gegenüber den Nazis, auch nicht gegenüber den Arbeitern – die das oft nicht so sahen – oder irgendwelchen Leute, die man damals Subproletarier nannte (teilweise waren das Rocker, Kleinkriminelle, Drogis, whatever).

Man hat sich aber – jedenfalls die Leute, die länger dabei waren – keine Illusionen darüber gemacht, dass diese Leute vielfach keineswegs das waren, was man damals „fortschrittlich“ nannte. Die Arbeiter und Subprolls waren oft selbst Rassisten, Anti-Feministen und sonstwas. Man hat aber versucht, ihnen klar zu machen, dass sie sich durch diese Haltung selbst schaden. Dass sie sich dadurch spalten lassen, und dass diese Spaltung den Herrschenden nutzt. Das hat natürlich nicht immer genutzt, aber bei einigen schon: Wenn die ‚Agitierten‘ nämlich gesehen haben, dass ihnen da nicht einer von oben herab was erzählt, sondern dass er mit ihnen zusammen ‚gegen die da oben‘ kämpft, dann ist der eine oder andere schon zu dem Schluss gekommen, dass auch an dem Rest (Internationalismus, Feminismus usw.) was dran sein könnte.

 
Was also wieder hergestellt werden müsste, wäre dieses Verhältnis zu den Abgehängten. Ihnen durch die Praxis zeigen, dass man durchaus an ihren Schicksalen interessiert ist. Dann dringt man auch besser zu ihnen durch. Was nicht geht, sich an die Leute anzubiedern, und linke Überzeugungen aufzugeben. Dann wäre man schließlich kein Linker mehr, sondern selbst ein Rechter. Wenn das mit „Verständnis zeigen“ gemeint sein sollte, dann ist das von mir hier ausdrücklich nicht gemeint.
Diese Rückkehr zu den Abgehängten wäre natürlich ein längerer Prozess, denn ein großer Teil der Linken hat sich tatsächlich in eine Art Kokon zurückgezogen und mit den Abgehängten schon lange nichts mehr zu tun. Man muss sich aber klar sein, dass man sie sonst verliert, und dass sie dann zu den Rechten überlaufen. Ein Anfang wäre, dass man wieder mit den Leuten redet. Dass man sie überhaupt kennt. Dass man überhaupt weiß, was da los ist: Bei den prekär Beschäftigten. In den Callcentern. Bei Hartzern. In den Krankenhäusern, beim Pflegepersonal.

 
Eine befreundete Krankenschwester, mit der ich mich bei diesem Deutschland-Aufenthalt länger unterhalten habe, erzählte mir zum Beispiel, dass bei ihr im Krankenhaus praktisch alle Kolleginnen bei der Berlin-Wahl AfD wählen würden. Sie würde schon gar keine politische Meinung mehr äußern (sie war die einzige Grün-Wählerin da, oder glaubte es zumindest zu sein). Ich habe noch ein paar ähnliche Gespräche geführt. Auch mit Leuten, die selbst bereits AfD-Positionen vertraten. Natürlich halte ich in solchen Momenten dagegen und streite mich. Aber immerhin wusste ich so recht schnell, was gerade in Deutschland passierte, auch ohne Zeitungen zu lesen. Beziehungsweise, ich hatte den Eindruck, dass ich besser Bescheid wusste, als wenn ich nur Zeitung lesen würde.

 
Interessant war auch, dass ich natürlich keinen AfDler „bekehren“ konnte. Aber sie zollten mir immerhin Respekt dafür, dass ich mich überhaupt mit ihnen stritt. Von anderen Leuten aus ihrem Freundeskreis hatten sie ausdrücklich Sprechverbot zu politischen Themen bekommen. Das waren durchweg Leute aus dem linksliberalen Spektrum. Diese AfD-Sympis haben sich dann an das Sprechverbot gehalten, um die Freundschaft nicht gefährden. Bei mir kamen sie dann und sagten: Das ist wie in der DDR (natürlich waren das Ex-Zonis). Das ist natürlich völlig absurd – was ich in so einem Moment selbstverständlich auch sage – aber das subjektive Gefühl ist bei diesen Leuten erst mal da. Und das verstärkt sich selbstverständlich, wenn man als Konsequenz den Kontakt abbricht. Und schwupps – sind sie vollends auf anderen Seite.

 
Ähnliche Beobachtungen wie diese AfD-Sympis habe ich interessanterweise bei Facebook auch gemacht. Wie man weiss, vertrete ich ganz klar antirassistische Positionen, ich bin dafür, dass alle Flüchtlinge aufgenommen werde, für offene Grenzen usw. Ich habe aber eine dezidiert andere Meinung in vielen geopolitischen Fragen als viele Linksliberale unter meinen Facebook-Freunden. Während ich jedoch auf meiner Timeline jeden kommentieren lasse – außer extrem harte Fälle wie Antisemiten, professionelle Sales- und Pornospammer und Komplettirre -, bin ich selbst vornehmlich von Linksliberalen und Demokratiebefürwortern entweder entfreundet oder geblockt worden. Ich gehe davon aus, dass das geschah, weil ihnen meine Postionen nicht passten. Dabei poste und kommentiere ich hier keineswegs irgendwelche obskuren verschwörungstheoretischen Seiten, sondern hauptsächlich das, was man so die bürgerliche Presse nennt. Mich kratzen diese Entfreundungen und Blockierungen nicht besonders. Aber ich stelle fest, dass es eben auch unter den Leuten, die sich selbst für die grössten Verfechter der Freiheit halten, eine Tendenz gibt, Informationen, die sie nicht wahrnehmen wollen, einfach auszublenden.

 
Das ändert zwar an der Realität selbst nichts, aber daran, wie diese Leute sie wahrnehmen. Und dann wundern die sich plötzlich, dass alles anders läuft, als sie es sich so wünschen.

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