Tadel für den Tagesspiegel

von unserer voll jüdischen Prinzessin Ramona Ambs

Lieber Tagesspiegel,

Seids Ihr eigentlich arg fröhlich oder was? Die ominöse Betitelung Der ewige Jude– äh Politiker zu Gregor Gysi kann man ja noch durchgehen lassen, aber dass Ihr mittlerweile Nazisprache in Euren Artikeln unterbringt…-das geht dann doch zu weit.

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In dem Artikel Roman Polanskis unendliche Flucht von Christoph von Marschall vom 31.Mai 2016 steht:  Die Mutter, eine Halbjüdin, wurde im KZ ermordet.


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Mal ehrlich…
Habt Ihr Euren Klemperer nicht gelesen? Oder im Geschichtsunterricht gepennt?

Ihr könnt notfalls schreiben, sie wurde „als Halbjüdin“ dort ermordet.
Die guten alten Gänsefüße taugen für derlei vorzüglich.

Aber einfach so, uns jüdische Menschen, wie früher, in Stückchen unterteilen und so tun, als sei das normal, funktioniert nicht.  Ihr setzt Euch jetzt alle mal hin und holt ein paar Stunden Geschichtsunterricht nach. Mindestens.

Ihr könnt aber auch einfach doch mal den Viktor Klemperer lesen. Der sah in dem Wort nicht nur ein Instrument zur Abgrenzung all jener mit jüdischer Herkunft, sondern auch der perversen Zersplitterung der Juden untereinander.
Seh ich ziemlich genauso. Deshalb schrieb ich via mail:

„mit Befremden musste ich heute im Tagesspiegel auf Seite 6 lesen, dass die Mutter von Polanski Halbjüdin gewesen sei. Halbjüdin? Ernsthaft? Was war denn ihre andere Hälfte? Und schreiben bei Ihnen auch Viertelkatholiken oder Achtelostwestfalen?“

Darauf hin schrieb man mir zurück ( ich dokumentiere hier nur Ausschnitte):

„Sehr geehrte Frau Ambs,

Ihre Zuschrift schockiert mich, ehrlich gesagt.   

Wenn Der Tagesspiegel in einem Artikel zu Roman Polanski an den Holocaust erinnert, an das Rassendenken, das am Anfang dieses fürchterlichen deutschen Menschheitsverbrechens stand, und daran, dass Roman Polanskis Mutter im KZ ermordet wurde, nur weil ihr Vater ein Jude war und sie damit als Halbjüdin der Vernichtung überantwortet wurde – dann reagieren Sie offenbar nicht betroffen, sondern beanstanden das.

Eine so krude Logik kennen wir in der Regel nur von Holocaust-Leugnern. (…)

Und zur zweiten: Falls es zu einer Diktatur kommen sollte, die Menschen deshalb ins KZ steckt und/oder ermordet, weil sie Viertelkatholiken oder Achtelostwestfalen sind, dann würden wir das in der Tat  für berichtenswert halten. Sie nicht?

Es würde mich freuen, wenn Sie noch einmal überdenken, was Sie da geschrieben haben – und zu welchen Missverständnissen Ihre Worte einladen.

Mit nichtsdestotrotz freundlichem Gruß

Christoph von Marschall“

Ich habe übrigens nicht vor, etwas zu überdenken. Obwohl ich auch kurz schockiert war von der Antwort.

Der Tagesspiegel jedoch hat offenbar inzwischen überdacht.

In der neuen Onlineversion des Artikels ist der ursprüngliche Satz verschwunden. Plötzlich wurde die Mutter einfach nur noch umgebracht. Ganz ohne vorher halbiert zu werden. Geht doch.

Nächstes Mal guckt Ihr vorher, was Ihr schreibt. Dann müsst Ihr auch Eure Leser nicht so abkanzeln.
Für diese peinliche Nummer erteile ich Euch jetzt nämlich einen Tadel:
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edit: Wir haben eine email von Herrn von Marschall erhalten: Er legt Wert auf die Feststellung, dass in der Online-Version des Artikels das Wort „Halbjüdin“ nie gestanden hat.

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Dieser Beitrag wurde am 2. Juni 2016 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare

8 Gedanken zu „Tadel für den Tagesspiegel

  1. Der C. v. Marschall könnte doch sofort als Pressesprecher bei der AfD anheuern – so wie er Kritik an rassistischen Formulierungen beantwortet. Aber der Mann sollte sich ranhalten: Die Schlange für den Job wird ja jeden Tag länger.

  2. So ist das mit ungebrochenen Traditionen. Gern genommen wird auch immer „wegen seiner jüdischen Herkunft“ wahlweise „ermordet“/“inhaftiert“/“musste emigrieren“. So ganz ohne Zusatz bleibt dieser „Makel“ eben bestehen, naturgegeben sozusagen, als hätte es weit und breit keinen einzigen braunen Schergen gegeben. Aufgrund seiner Geburt, nicht aufgrund verbrecherischer Gesetzgebung war „der Jude“ … Man war ja schließlich nie dabei gewesen/hat nie mitgemacht – im Gegenteil. Das gilt für Leute vom Schlage Marschalls sogar rückwirkend, weil man dann so selbstherrlich wieder zensieren kann, zurechtweisen, maßregeln, bevormunden. Man kann sich treu bleiben, alte Werte verteidigen – gleichgültig welche. Hauptsache Oberwasser. Und eben Traditionen, am besten ungebrochene. Qualitätsjournalismus.

  3. Mir leuchtet die Kritik der Leserbriefschreiberin vollkommen ein und die Antwort des Artikelautors finde ich fast schon unverschämt. Was ich nicht verstehe ist der Kommentar des „Protagoras“: Wie soll man denn nun politisch korrekt schreiben , dass jemand „‚wegen seiner jüdischen Herkunft'“ „‚ermordet'“ wurde?

  4. Nur so als Hinweis: Der Begriff „Halbjude“ existierte nicht als Rechtsbegriff. Dort war von „Mischlingen 1. Grades“ die Rede bzw. „Jüdischen Mischlingen“. Nicht, dass das den Begriff „Halbjude“ besser macht – eigentlich ist es noch unverständlicher, weshalb der sich so beharrlich hält, das war eigentlich nur Jargon.

    • Es ist eine Frage der Perspektive. Journalisten oder Autoren können es sich zur Übung machen, eine Sache aus unterschiedlichen Perspektiven zu beschreiben. das ist wichtig, wenn man rhetorisch oder polemisch arbeiten möchte, oder wie in diesem Fall, das unabsichtlich, unbedarft macht. Der Vater einer meiner Exfreundinnen benutzte die Redewendung „bis zur Vergasung“, ohne an KZ zu denken. Als ich ihn auf diesen Zusammenhang hinwies, war er mir sehr böse. Ähnlich ist es wohl hier auch. (38+70=108)

  5. First of all: Die Antwort des Marschalls (!) ist nicht nur \“fast unverschämt\“, sondern sie folgt genau dem Duktus, dem ich in meinem Kommentar ungebrochene Traditionen unterstellt habe. Er gebraucht zum einen den unsäglichen Begriff des \“Halbjuden\“ (gleichgültig ob Rechtsbegriff oder Jargon) und gibt der Prinzessin zu bedenken, dass Ihr Einwand zu Missverständnissen führe. Freilich nur zu dem Missverständnis, dem er selbst erliegt oder das er nahelegen möchte. Ihr zu unterstellen, dass sie vom Schicksal der \“Halbjuden\“ nicht betroffen sei, vielmehr sich einer Logik der Holocaustleugner andiene, verschlägt einem den Atem. Das ist boden los! Wer lesen kann, der lese – nur schreiben, genügt eben nicht. Die Ironie der hochwohllöblichen Prinzessin zu unterschlagen und sie dann als Argument gegen sie zu verwenden, ist gelinde gesagt ein Jargon, der eben auf den von mir inkriminierten Traditionen fußt. Ich habe ausdrücklich in meinem Kommentar darauf hingewiesen, dass die Formulierung \“wegen seiner jüdischen Herkunft\“ das Entscheidende unterschlägt: Der deutsche Staatsbürger (!) jüdischen Glaubens (Herkunft etc.) wurde erst entrechtet, dann stigmatisiert und schließlich ermordet, weil die (katholischen, evangelischen, westfälischen …) Mitbürger dies nicht nur zuließen, sondern die Rassengesetze für rechtskonform erachteten. Die Anomie des NS-Staates ist der Grund, auf dem die braune Flut alles in den Tod riss, was sich nicht vom NS vereinnahmen lassen wollte. Die vollkommene Ungesetzlichkeit dieses Staates ist dafür verantwortlich, dass \“der Jude\“ wahlweise vertrieben, gefoltert oder ermordet wurde. Karl Löwith (z.B.) ist nicht emigriert, weil er \“Viertel-, Halb- oder Volljude\“ war, sondern weil die Nazis ihn zu Ungeziefer erklärt und nach dem Leben getrachtet haben. Deshalb geht die Formulierung \“wegen seiner jüdischen Herkunft\“ nicht nur vollkommen an der Sache vorbei, sondern sie verschleiert den wahren Grund und stellt sich in die \“ungebrochenen Traditionen\“ – und erhält (!) diese. Dem Marschall entgeht gerade diese Pointe, auf die ihn die Hochwohllöbliche geradezu mit der Nase gestoßen hatte. Sei´s drum: Der Katholik/Protestant/Agnostiker/Atheist hat es nicht verstanden, vielmehr hat er den Spieß umgedreht, weil er recht behalten musste. Man kennt das: Was früher Recht war, kann heute kein Unrecht sein – Klemperer hin oder her. Fritz Bauer hat diesbezüglich seine eigenen Erfahrungen gemacht. Nein, politisch korrekt wäre: Karl Löwith musste Deutschland verlassen, weil ihn die Nazis, die einem Rassenwahn erlegen waren und weder von Humanität noch Gesetzen gebremst wurden, mit dem Tod bedroht haben. Zugegeben, das ist umständlich und länger – aber es ist die Wahrheit.

  6. „Eine so krude Logik kennen wir in der Regel nur von Holocaust-Leugnern.“

    Der Satz ist ein noch viel größerer Skandal als die dumm-unreflektierte Verwendung des Ausdrucks „Halbjüdin“; diese dummdreiste Verteidigung enthält den unappetitlichen Schuldumkehrungsaffekt, der auch in jeder deutschen Israelkritik steckt, und es ist erhellend zu sehen, wie niedrig die Schwelle ist, ihn auszulösen: Da müssen keine Palästinenser „unterdrückt“ werden, damit man dem Juden/der Jüdin die „Selber-Nazi“-Keule überzieht, da reicht schon ein kleiner, freundlicher Hinweis auf eventuelle Ignoranz des deutschen Qualitätsjournalisten. Sehr sympathisch.

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