Wider den tl;dr-Unfug

Warum Onlinemedien ans Ende von Artikeln mittlerweile vermehrt tl;dr (too long; didn’t read) oder „für eilige Leser“ genannte kurze Inhalts-Zusammenfassungen stellen, man ahnt es nicht. Denn im Grunde handelt es sich dabei um die Kapitulation vor der dusseligsten Leser-Art von allen, nämlich den „keine Ahnung und schon gar keine Lust haben, sich über ein Thema zu informieren, aber dringend mitreden wollen“-Knalltüten.

von Artikel unter 100 Zeilen fang ich erst gar nicht an zu lesen-Prinzessin Elke Wittich

1. Um einen Artikel zu verfassen, hat sich jemand normalerweise richtig Mühe gegeben, und zwar recherchiert, Leute interviewt, die Fakten gewichtet und anschließend alles Wichtige und Interessante nicht nur aufgeschrieben, sondern sich auch sehr große Arbeit bei der Formulierung des Textes gemacht.

2. Diese ganze Arbeit dadurch zu entwerten, dass der Inhalt des Artikels am Ende grob in höchstens zwei noch dazu nicht immer schön aufgeschriebenen Kurzsätzchen zusammengefasst wird, gehört sich nicht. Weil es, unter anderem, respektlos gegenüber den Autoren ist.

3. Kein Fernseh- oder Rundfunk-Sender käme auf die Idee, einen Film, eine Doku, ein Feature zusätzlich auch noch in einer einmütigen Version „für Eilige“ anzubieten. Weil man zu Recht arrogant ist und findet, dass Leute, die sich für den Film, die Doku, das Feature interessieren, sich halt alles gefälligst angucken oder anhören sollen. Und wer das nicht will und trotzdem wissen möchte, wie der Film ausgeht, was die wichtigsten Erkenntnisse der Doku sind oder grob der Inhalt des Features ist, schon selber aktiv werden und sich Angucker oder Anhörer suchen und fragen muss.

4. Menschen, die tl;dr erwarten, sind in aller Regel keine Personen, die durch wichtige Tätigkeiten wie die Rettung der Welt keine Zeit zu lesen haben, sondern bloß zu faul, sich vor dem Verfassen von Leserkommentaren oder ähnlichen Abscheulichkeiten wenigstens ansatzweise mit dem Thema zu beschäftigen. Oder sie haben Angst, auf Fakten zu stoßen, die sie bim Meinungshaben stören.

5. Daraus folgt: Wer nicht lesen möchte, soll es halt lassen. Und hat dann allerdings keinen Anspruch auf Extra-Service.

6. Schon gar nicht, wenn man sich mal überlegt, wieviele tl;dr monatlich auf der Welt verfasst werden und wieviele interessante Artikel in der dafür aufgewendeten Zeit geschrieben werden könnten.

7. Sollen sie halt Blogs lesen.

tl;dr bzw. für eilige Leser der Prinzessinnenreporter:
Geht weg

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Dieser Beitrag wurde am 20. Juli 2015 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare

6 Gedanken zu „Wider den tl;dr-Unfug

  1. Einspruch. Die wenigsten (20%) lesen online-Text komplett. Alle anderen überfliegen und entscheiden dann, ob sie einsteigen. Das hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern mit Relevanz. Den Inhalt auf den Punkt zu bringen in diesem tl;dr ist daher Service für Leserin. Also Liebe zur Leserin…

  2. Dass sich das nicht gehört und ähnliches, ist durchaus ein Argument, aber m. E. ein relativ oberflächliches. Viel wichtiger ist doch: Ein tl;dr; kann niemals eine Argumentation eines langen Artikels in ihrer Komplexität auch nur einigermaßen angemessen zusammenfassen. Dieses gewichtige Argument fehlt mir hier. Es geht Tiefe in der Debatte verloren, weil wir lange Texte nicht mehr lesen. Und das ist m. E. ein viel gravierenderes Problem als der mangelnde Anstand vor dem Autor.

  3. [..] Das hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern mit Relevanz

    motto: relefant ist nur, was ich eh schon weiss und mich nun in meiner meinung entweder 1:1 bestätigt oder worüber ich mich so richtig aufregen könnte.

    willkommen im hamsterrad und in der echo kammer gleichgesinnter auch „die filterblase“ genannt, in der alle heimisch sind, die unfähig sind, einen anderen gedanken als den eigenen zu denken.

    • @hardy. Das finde ich grade mal etwas böswillig. Relevant sind auch Dinge, die ein Thema, mit dem man sich beschäftigt, ergänzen. 50 mal die gleiche Info/Meinung zu lesen, eben da steigen Leute aus, weil nicht mehr relevant. Kennt man ja nun schon.

      Es ist halt prinzipiell die Frage: Was will ich, wenn ich was in dieses Internet schreibe? Den Leserinnen was bieten oder mich ausbreiten. Beleidigt sein, weil die Leute mein Zeug nicht oder nur halb lesen, das ist einfach unprofessionell und ziemlich kindisch.

      • lieber baranek,

        [..] Es ist halt prinzipiell die Frage: Was will ich,
        [..] wenn ich was in dieses Internet schreibe?

        nun ja, es gibt menschen, die wollen ihren ruhm und ihr ansehen steigern und schreiben furchtbar wichtige dinge in dieses netz, beglücken ihre leser mit weisheiten, die sie, die leser, auch andernorts in vielzahl und fast identisch auch hätten finden können.

        ich halte es da eher mit dem guten michel de montaigne

        http://hinterwaldwelt.blogspot.de/2015/05/die-blogverfassung.html

        ich kann ja niemanden zwingen, mein verschwurbeltes zeugs zu lesen und kann mich da im grunde nur dem teil der post hier, der nach dem tl;dr folgte, anschliessen: wenn’s irgendeinem leser nicht passt, soll er sich doch wo anders verlustieren.

        wenn alle in die mitte schielen und um lesbarkeit buhlen, brauchen wir ab einem gewissen punkt nur noch einen einzigen blog, in dem dann die „relefanten dinge“ stehen 😉

        mich selbst interessieren halt auch mehr die blogs, in denen der autor, wie das montaigne sich wünscht, am liebsten nackt vor ihr publikum träten …

  4. Einspruch. Ein tl;dr ist nicht per se Unfug, sondern nur, wenn es hinter dem eigentlichen Text steht und jemanden dazu zwingt, den Text zumindest zu überfliegen, während er zum tl;dr scrollt. Packt man das tl;dr aber VOR den Text, ist es durchaus hilfreich, weil ich dann entscheiden kann, ob ich den Text lesenswert finde, oder nicht.

    Und ob man dann vor den Auszug, Teaser oder what ever noch ein „tl;dr“ schreibt, oder nicht, ist doch im Grunde eine akademische Diskussion 😉

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