„Endlich ist er weg,Trööt!“ : Sehr sehr gute Berichterstattung über Deniz Yücel

Die Verhaftung des Journalisten Deniz Yücel in der Türkei hat bei einigen Menschen Schräubchen gelockert, wenn es um den Schutz der Berufsgruppe der Journalisten und Medienschaffenden geht. Schräubchen, die nach der Wiedergeburt des „Lügenpresse“-Vorwurfes ohnehin bereits locker saßen.

von Samael Falkner

via Metropolico / Flickr unter CC

Deniz Yücel (via Metropolico / Flickr unter CC)

Es gibt vieles, was man über Deniz sagen kann. Zum Beispiel, dass er ein ehrlicher Journalist ist, der nur solche Meinungen niederschreibt, die er selbst vertreten kann, jemand der nicht herum rudert, sondern einen klaren Kurs für sich gefunden hat. Ein Journalist, der Fakten auswertet, prüft und dann erst verarbeitet. Ein guter Freund für viele, ein Held für manche, die nicht verstehen können, dass er sich freiwillig ausgeliefert hat und …

„Yücel liebt die Liebe der Türken zum Autokorso und die lauten Hupen.“

Bitte? Nein, das nun gerade nicht. Das muss man bestimmt im Kontext lesen.

„Die Türken lieben den Autokorso. Yücel liebt die Liebe der Türken zum Autokorso und die lauten Hupen. Yücels Journalismus ist immer auch ein ganz großes: „Trööt!“ „

Was.

Der Artikel in der Süddeutschen warf mehr Fragen auf, als er beantwortete. Unter anderem wurde hier verteidigt, wie sauber und freundlich man Deniz Yücel festgenommen habe. Man freut sich also, dass er nicht als Terrorist im Schlaf erschossen wurde, oder wie sollen wir diese Anmerkung verstehen? Die Süddeutsche war nicht das einzige Medium, das Deniz zurief “Selbst schuld, Idiot!”. Zwischen all den freundlichen Posts und Petitionen, dem Autokorso und der Profilbild-Änderungshysterie, die bei Facebook immer eintritt, wenn die Menschen für ein Thema brennen, gab es noch eine Handvoll anderer Stimmen, die das gar nicht so schlimm fanden, dass einer ihrer Kollegen festgehalten wird in der Türkei. Die FAS verteidigte es sogar. Und außerdem, so fand man da, solle die WELT halt keinen Türken in die Türkei schicken, sondern einen blonden Deutschen irgendwen, der sich erst mal zehn Jahre einarbeiten muss. Das sei dann mal richtige Gleichberechtigung, wenn ein Nicht-Türke in der Türkei arbeitet, nicht so ein … so ein … Migrantenkind. Ja, man schrieb Migrantenkind. Und “Haustürke”. Und damit ist alles über diesen Artikel gesagt.

Und dann gibt es da noch die Gruppe der Nicht-Kollegen, auch Leser genannt, die sich heimlich freut. Sie haben allerdings kein größeres Medium an ihrer Seite, das ihre Meinung in fünfhundert Worten und mehr aufgreift, sondern toben sich in den Kommentarspalten aus. Diese Leute, die gerade in allen Posts zur Verhaftung auftauchen und der Meinung sind, wer für die WELT, respektive den Axel Springer Verlag, schreibe, den könne man ruhig wegsperren, das interessiere sowieso niemanden – sind das die Gleichen, die sich über die Rechten beschweren, wenn sie “Lügenpresse!” skandieren, aber auf der „linken“ Friedensdemo dann doch Applaus spenden, wenn es gegen „die Systempresse“ geht? Ich habe ganz ehrlich keine Geduld mehr mit diesen Menschen. Es ist mir dabei auch völlig egal, aus welchem Spektrum der Hass auf die Presse im Ganzen (und das Gottvertrauen in Blogger und anonyme Quellen) aktuell kommt. Ich fürchte, für jeden der journalistisch tätig ist, ist bei diesen Menschen nichts mehr zu holen. Sie lesen Zeitung, sie lesen Onlinemagazine, sie schauen fern und am Ende des Tages legen sie alles beiseite und rufen “Das hätte ich denen auch sagen können” oder wahlweise “Als ob die uns die Wahrheit sagen würden”. Eine Nation voll alterssturer Rentner.

Und nein, liebe “witzige” Facebookkontakte, ich möchte auch nicht Promi XY gegen Deniz „eintauschen“. “Aber der Böhmermann ist eh nicht lustig, den könnte man doch …” Nein. Nein, könnte man nicht. Erdogans Regierung begeht in großem Stile – auch nach türkischem Recht – Verfassungsbruch mit der Inhaftierung mehrerer hundert Journalisten und der Forderung von teilweise mehrfach lebenslänglichen Haftstrafen für Oppositionspolitiker. Das ist kein Punkt mehr, an dem ich Witzchen mache, wem ich lieber als Deniz 120 Jahre Haft wünschen würde in einem der völlig überfüllten Gefängnisse. Ich würde es auch trotz völliger Ablehnung des Mediums nicht begrüßen, wenn etwa Julian Reichelt statt Deniz verhaftet worden wäre. Beide haben letztlich, natürlich auch von eigenen Zielen und Moralvorstellungen eingefärbt, nur ihren Job gemacht. Und ich muss die Berichterstattung der BILD nicht feiern, um zu wissen, dass kein Journalist für seine Arbeit hinter Gittern landen sollte, weil ihm unterstellt wird, er hätte die Fakten aus dem Artikel nicht von den angegebenen Quellen abgetippt, sondern praktisch persönlich vom präsidialen Computer erhackt. Das ist ein völlig absurder, konstruierter Vorwurf.

Man kann Journalisten für viele Dinge rechtlich belangen. Verletzung von Persönlichkeitsrechten oder Volksverhetzung zum Beispiel. In Deutschland sind dann Geld- oder Bewährungsstrafen vorgesehen. Manchmal werden Journalisten bei ihrem Hauptmedium entlassen, wenn sie eine Grenze übertreten. Das ist alles legitim. Die Erdogan-Regierung dagegen möchte die Todesstrafe wiedereinführen, um sie demonstrativ gegen jene einzusetzen, die vermeintlich an dem Putsch beteiligt waren. Also eventuell auch einige der 200 seit dem Putsch verhafteten Journalisten. Also möglicherweise auch Deniz, dem man vorwirft, er habe Regierungsdaten gestohlen und sei zuvor bereits Mitglied einer terroristischen Organisation gewesen. Nein, da gibt es keine Diskussion. Nicht mit Kollegen, die die Situation nutzen, um endlich mal den Artikel gegen Deniz zu schreiben, den sie schon immer publizieren wollten und auch nicht mit der Fraktion “Die Presse gehört geschlossen in den Knast – Verdammte Volksverräter / Staatsdiener”.

Hier bei den Prinzessinnen, einem kleinen Blog, das sich aus verschiedensten Meinungen zusammensetzt, deren Verfasser nur eines gemeinsam haben, nämlich dass sie auch außerhalb für verschiedene Medien journalistisch und publizistisch tätig sind, sind wir geschockt, dass es Menschen gibt, die diese Diskussion führen wollen. Wir wollen unseren Kollegen zurück, wohlbehalten und nicht durch ein Foltergefängnis traumatisiert. Und wir wünschen uns deutlich mehr Einsatz von einer Bundesregierung, die nun die Türkei verhalten auffordert, doch bitte bitte Rechtsstaatlichkeit walten zu lassen. Für uns gibt es hinsichtlich der Unschuld von Deniz Yücel keine offenen Fragen.

Weiterführend:

Deniz Yücel über die Beendigung seiner Arbeit bei der TAZ und Rückblick auf seine journalistische Arbeit bis 2015 https://www.taz.de/!5014546/

Alle Artikel Deniz Yücels als Türkei-Korrespondent bei der WELT https://www.welt.de/autor/deniz-yuecel/

Auszug aus „Taksim ist überall“ http://jungle-world.com/artikel/2014/12/49556.html

FreeDeniz-Facebookpage mit aktuellen Informationen https://www.facebook.com/FreeDeniz-219685875169966/

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10 thoughts on “„Endlich ist er weg,Trööt!“ : Sehr sehr gute Berichterstattung über Deniz Yücel

  1. Pingback: Deniz Yücels Verhaftung in deutschen Medien – eine Kritik von Samael Falkner – Europa Blog

  2. Leider wird in allen gutmeinenden Artikeln vermieden auch über Entgleisungen von Herrn Yücel zu berichten.

    In der taz (6.11.2012) wünschte er Herrn Sarrazin, dass ein nächster Schlaganfall sein Werk gründlicher verrichten solle. Ebenfalls in der taz (4.8.2011) schrieb er, dass der baldkige Abgang der Deutschen ein Völkersterben von seiner schönsten Seite sei und über den Stinkstiefel Gauck (20.2.2012).

    Insofern habe ich nicht so viel Verständnis mit den Lobeshymnen auf Herrn Yücel.

    Was die Pressefreiheit angeht bin ich auf jeden Fall auf ihrer Seite, unabhängig von der Person.

    • Vorausgesetzt, die Angaben zu den taz-Artikeln stimmen, wird man von Verstößen gegen den guten Geschmack sprechen müssen. So was fällt aber nun, wie einige Geschmacklosigkeiten des Herrn Böhmermann, unter den Schutz der Pressefreiheit. Diese Geschmacklosigkeiten nun aber in Zusammenhang zu bringen mit der Inhaftierung desselben Journalisten, dessen Leben möglicherweise bedroht ist, zeugt seinerseits nicht gerade von geistiger Unabhängigkeit. Herr Yücel steht pars pro toto für alle Opfer der türkischen Willkürjustiz – unabhängig von ihrer journalistischen Qualität.

    • Hat der nicht für die WELT geschrieben? Sie kreiden ihm seine taz Beiträge an, ich wollte ihm gerade mein Mitleid verweigern, weil er die bürgerlichen, konservativen bedient. Hahaha! Ironie des Schicksals. Letztenendes kräht kein Hahn nach Ihrer Meinung, nach meiner in diesem Fall auch nicht. Sehen wir es so: „Die Wege des Herrn sind unergründlich“

  3. Pingback: Türkei – Deniz Yücel – Rauhe Sitten

  4. Pingback: Verhaftungen – ein Berufsrisiko für Journalisten. Anmerkungen zur Berichterstattung über Deniz Yücel – Europa Blog

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