Manowar – ein wahrhaft metalischer Konzertabend

Unser Märchenprinz unter Metalwarriors – von Sebastian Bartoschek.
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Es ist ein eisiger Wind, der durch Essen weht, an diesem Freitagabend. Noch zwei Tage, dann wird der erste Advent gefeiert. Die Stadt beginnt sich herauszuputzen bzw. hat es schon seit ein paar Wochen versucht, und ist kläglich daran gescheitert. Ein Gerippe von einem Tannenbaum ziert, einem unheilvollen riesigen Skelett eines amorphen Schreckens gleich, den Essener Weihnachtsmarkt. Es ist die apokalyptische Version einer Weihnachtstanne, selten wurde durch eine gesamte Stadtdekoration den Fell-Schwert-und-letzte-Schlacht-Musikern von Manowar so konsequent ein ganzes Stadtbild überlassen.

Die wirklich echten und wahren und konsequenten Verfechter des ”True Metal“ sind auf „Final Battle Tour“, und es wurde seitens der geschätzten Chefprinzession ein royaler Bericht zu diesem Ereignis erbeten. Nun denn. Meinen Elchtöter (im profanen Leasing) behellige ich nicht, um mich zur Grugahalle zu begeben, sondern nehme den Stahlwurm, der sich durch die Eingeweide des verfallenden Ruhrgebiets quält. Ich bin Teil des Wurms, bin in seinem Inneren. Bis zur Grugahalle. Als er mich ausspuckt, und ich wieder die kalte Luft in meinem Gesicht spüre, die bereits ein Versprechen auf sonntäglichen Schneematsch mit sich trägt, bin ich nicht alleine. Andere, Brüder und Schwestern, so sagt man bei Manowar, drängen mit mir die Stufen hoch, hoch, dem Ort der letzten Schlacht des True Metal entgegen.

Auf dem Weg dorthin bieten fliegende Händler ihre Waren feil. Aus dem fernen Orient kommen viele von ihnen, lachen uns entgegen, recken Glasbehältnisse voll Gerstensaft aus dem hohen Norden entgegen. Die Sterne. Sie halten die Sterne in Händen. Und wir ziehen über die Pflastersteine weiter. Per aspera ad astra. Zu Hunderten stehen sie dort. Die traditionellen Kutten aus blauen Baumwollstoff sind noch nicht zu sehen. Vielmehr haben sie alle Farben in sich eingefangen und in Schwarz vereint. Und auch ich trage schwarz, und doch bin ich anders als sie, die dort in der Kälte anstehen. Ich darf vorbei gehen, stehe auf einer Liste. Bin markiert. Auch durch mein Kurzarm-Hemd amerikanischer Tragart, auf dem immerhin der Schriftzug „Barbarian“ prangt – zugleich ein Verweis auf längst vergangene Gloria in Pixelschlachten, wie auf mein schlechtes Latein. Alle anderen, oder zumindest 95 von 100 tragen die Namen der Erlöser, der Band, die als einzige weiss, was true metal ist.

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Ich nehme Platz. Auf einem blaubezogenen Sitz. Viele andere stehen zu meinen Füßen. Am anderen Ende der Stuhlreihe sitzt ein Mann, vor mir sitzen zwei andere Männer. Die Brüder im Kampf um den true metal sind heute gegenüber den Schwestern in der Überzahl, wohl im Verhältnis drei bis fünf zu eins. Aber es geht hier eben auch um Brüderlichkeit, um Männlichkeitskult, um eine der letzten Zelebrationen des Machismo.

Brüder helfen einander. Im Kampf, in der Not, und auch im Suff. Und so helfe ich einem Bruder, der ans andere Ende der Reihe muss, aber zuviel des Gerstensaftes genossen hat, und fast über mich drüber fällt. Ich helfe ihm, über mich drüber zu steigen, hebe ihn hoch, als er zu stürzen droht, halte seinen Kelch, aus profanem Plastik, als er ihn mich halten heißt. Er läßt mich mit meiner Faust gegen seine Faust einschlagen zum Dank, hält mir seinen Totenkopfring – vielleicht vom Weihnachtsmarkt des Toten Baumes? – entgegen, gegen den ich mit meinem Zeichen des Bundes der ewigen Treue zu meiner Frau schlage. All das tue ich – insgesamt vier Mal an diesem Abend, weil der hörbar norddeutsche Bruder den Ort des Allzumenschlichen mehrfach besuchen muss, bevor er dann einfach in der Mitte des Konzertes geht. Wohin? Ich weiß es nicht. Ich frage nicht. Er sagt es nicht. Er würde es wohl auch nicht sagen können, selbst wenn er wollte.

Doch auch ich ziehe zum Ort des Allzumenschlichen. Erschaudere, ob der Feingeistigkeit. Si vis pacem para bellum. Für den Krieg rüsten, um den Frieden zu erhalten. Genau darum mag es wohl gehen, als ein anderer Bruder, hinter mir, in einer Kabine, ausruft: „Wer hat denn hier den Bello reingedrückt?“ Menschliches, Allzumenschliches eben.

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Dann beginnt die finale Schlacht auf der Bühne. Puristisch, klar, true metal. Vier Recken, die Giganten unter ihnen älter als meine Eltern. Alle in engem schwarzen Leder. Dabei wird es die nächsten zweieinhalb Stunden bleiben. Keine entkleideten Schwestern, keine Höllenräder. Einfacher, echter Metal. So sagen sie es immer wieder. Subtil versteckte Kapitalismuskritik bricht sich ihren Weg, als Recke Eric, mit der wunderbaren Stimme, deklamiert „Rich man, Posers, leave the hall!“. Niemand geht. Alle bleiben. Dabei sollten die meisten von uns aufstehen, oder bereits stehend, gehen. Denn 90 Euro zahlte man für das Recht hier zu stehen, 100 für das Recht hier zu sitzen. Doch vielleicht ist „reich“ sein ja auch eine Frage der inneren Einstellung. Wirklich reich ist, wer mehr Träume in der Seele hat, als die Realität zerstören kann. Wird es so nicht noch schlimmer, dass niemand von uns geht?

Es sind diese essentielle Fragen, die den Abend prägen. So überrascht es auch nicht, dass bei den verflossenen Mitstreitern der Band, die zum Beginn von „Herz aus Stahl“ eingeblendet werden, Richard Wagner nicht fehlt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – alle verbunden durch ein Element: Manowar. Donald Trump haben sie vorausgeahnt – zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn eine US-amerikanische Erlöserkapelle „Brothers I am calling from the valley of the kings
With nothing to atone – A dark march lies ahead, together we will ride“ anstimmte. Und das bereits vor fast 20 Jahren. Kann man Trump deutlicher voraussagen? Ja, man kann – wie der Refrain dieses epischen Stückes beweist: Hail, hail, hail and kill. Gänsehaut bahnt sich ihren Weg über meine Hände. Der norddeutsche Recke stolpert über mich. Ich helfe ihm auf. Er lächelt, umarmt mich, drückt meinen Bizeps – anerkennend. Ich bin ein Mann unter Männern.

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Genau diesen Männlichkeitskult thematisiert das Zentralgestirn, thematisiert Joey DeMaio selbst. Joey DeMaio, der einem Schreiberling einst die entscheidende Frage stellte, nämlich ob dieser auch bereit sei, für den True Metal zu sterben. Er könne ihn erschießen, auf der Bühne in Dortmund. Aber ob er auch selbst bereit sei, für den Metal zu sterben. Denn DeMaio sei es. Wirklich. Ehrlich. Ehrenhaft. Hat er gesagt. Nun aber thematisiert er Männlichkeitskult und deutsche Vergangenheit. Zunächst benennt er, dass er Geschlechtsverkehr mit der Holden eines jeden Bruders im Publikum nur dann haben wolle, wenn eben jene Brüder ihn darum bäten. Auch die Schwestern jubeln da. Doch dann komprimiert Joey DeMaio in einem Satz Dialektik und Klarheit. Botho Strauß schrieb sinngemäß, dass die Deutschen selbst im Moment der höchsten Lust, des Orgasmus, stets an die düsteren Momente der Deutschen, an Hitler, dächten. DeMaio sagt: „Ich habe einen Schwanz aus Kruppstahl.“ Die Kämpferinnen und Kämpfer des Publikum jubeln.

Bald, allzu bald, endet dann diese letzte Schlacht. Gegen wen, oder wofür, das weiss ich nicht. Ich gebe mich dem Rausch des Vergangenen, den Hymnen der epischen Schlacht hin. Plötzlich ziehen sich die ersten Mitstreiter zurück, dann, ist es zuende. DeMaio zerreißt die Saiten seines Basses, nornengleich sind so die Schicksalsfäden zerrissen, das Ende erreicht. Bis zur nächsten finalen Tour!

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Dieser Beitrag wurde am 4. Dezember 2017 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

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