#Baseballschlägerjahre

Auch Prinzessin Gregor Mothes hat sie erlebt, die Baseballschlägerjahre:

1989 dachte ich an Aufbruch, ging auf die Montagsdemos.
Ich war 13 Jahre, begeisterter Linker, enttäuscht von der DDR aber gewillt, für einen besseren Sozialismus zu kämpfen. Ich stand dazu, sagte es laut und kleidete mich ein punkig. Wenige Wochen später wurden die Demos von Neonazis angeführt und in meinem Viertel, meiner Schule, überall, trugen die Gleichaltrigen nach und nach Bomberjacken.
Anfang der Neunziger: Im Park gegenüber meines Wohnortes traf sich die Naziclique. Wenn ìch das Haus verließ, dann nur über den Hinterhof, durch Zaunlücken und über die Parallelstraße. Abends ging ich möglichst durch den dunklen Park, um unsichtbar zu sein. Aber der Park endete an der nächsten Hauptstraße. Immer der Gedanke: Fährst du mit Fahrrad, dann können sie dich mit Autos jagen, fährst du mit der Straßenbahn, können jederzeit größere Gruppen Faschos einsteigen.
Oft wagte ich mich nicht aus dem Haus. An Wänden in der Umgebung Drohungen mit meinem Namen und „Wir kriegen dich“. Drohbriefe im Briefkasten. Bedrohungen mit Pistole auf offener Straße, im Berufsverkehr. Eingekreist von 10 Faschos auf dem Schulweg, Schläge in die Magengrube, Tritte an den Kopf auf dem Schulhof. Immer wieder nachts von Autos, vollbesetzt mit Faschos, gejagt, immer wieder entkommen, in Hauseingängen versteckt, jeden Schleichweg gekannt. Aber vor allem: die ständige Angst im Hinterkopf, begründete Paranoia an jeder Straßenecke, denn es gab immer neue Nachrichten von Freund*innen, die sie erwischt hatten.
Im Fernsehen liefen die Bilder von Hoyerswerda und Rostock- Lichtenhagen. Die Nazis tobten, die Antifas, die das Heim schützen wollten, wurden verhaftet. Bild und CDU wetterten gegen „Asylmissbrauch“ und die Regierung strich das Asylrecht.
Der Naziterror war Alltag, die Bürger applaudierten und die Politik setzte die Forderungen des rechten Mobs um.

Zum Glück gab es in Leipzig eine starke Antifa und viele Freiräume, vor allem in Connewitz. Ein Privileg, das viele im Osten nicht hatten. Dies, aber auch eine wachsende Zivilgesellschaft und später auch eine konsequente Linie der Stadtpolitik gegen rechte Aufmärsche haben dazu beigetragen, dass Leipzig heute eine kleine Insel ist in diesem Bundesland, das seit der Wende von einer CDU regiert wird, die die Sachsen als „immun gegen Rechtsextremismus“ bezeichnete. Die Saat der Neunziger ist aufgegangen.

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Dieser Beitrag wurde am 3. November 2019 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

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