La Situation en France

Der royale Reporter undercover in Lyon

Ein Besuch in Lyons gehobener Mittelschicht. Von Harald Nicolas Stazol

Gabrielle steht unter der hohen Decke des Lyoner Loft ihres Freundes auf einer Leiter, gestern ist die Französin 30 geworden, ihr Mann Ruben, ein Osteopath, hat mich samt Flug als Überraschung eingeladen. Auf die „Gilet Jaunes“ ist man nicht gut zu sprechen. Auf Goldfolie schon, deswegen hilft Künstlerfreundin Sabinne, die Decke für die Party am Abend vorzubereiten, wie einen kleinen Spiegelsaal.

Gestern haben sie mal eben frische Ente aus dem Supermarkt geholt und blutig gebraten „au sang“, so wie man sie im Le Canard nicht bekommen könnte, morgens gibt es allerfeinste Marzipancroissants – Mittelschicht in Frankreich. „Die Mittelklasse verschwindet, sie verarmt“, meint Sabinne gerade über einen Café au lait hinweg, in der tiefen Couchgarnitur, die Oper von Jean Nouvel ist nur einen Steinwurf entfernt. Bei der Morgenzigarette am Fenster sehe ich die Geschäftsleute, drüben an der Ecke öffnet der Juwelier Histoire dÓr, gestern abend schallte das Lachen noch nach zwölf die Gassen hinauf – Frankreich, wie geht es dir?

Na gut, da unten sind die grauen Betonklötze, die die Fußgängerzone vor Terrorattacken schützen sollen, aber hier, an der Rhône, in der viertgrößten Stadt des Landes, hat man die Ruhe weg. „C´est loin, Paris“, sagen sie hier, Paris ist weit weg. Lyon, berühmt für seine Seiden, Hauptstadt der Provinz Gallien im römischen Reich, ein Amphitheater zeugt davon, Tempelanlagen, es gibt Empire-Promenaden und die Kathedrale. Äh, naja, eigentlich zwei, aber davon später. Da ist die Pâtisserie in der Avenue Théodore Roosevelt, wo man eine Tarte chocolat President bestellt, für sechs Personen, und der kleine Frankreich-Korrespondent einen Mini-Florentiner auf die Hand bekommt, sehr zur Freude der Dame á la Caisse. Die Jungen rasen mit ihren Elektrorollern durch die Gegend, es liegt eine eigenartige Plaisir über der Stadt, selbst die in der Nacht einem entgegenwirkenden Clochards sind gutgelaunt.

Lyon ist das bessere Paris: Ein Café Frappé kostet 3,50 Euro im Touristenviertel, die Boulevards sind auch von Baron Hausmann, die gotische Kathedrale steht noch.

 

Und dann gibt es Grenoble. Es liegt 160 Kilometer weiter in einem tiefen Talkessel, umgeben seit Jahrzehnten von einer Dunstglocke. „Wir können die Kinder ab 16 Uhr nicht mehr aus dem Haus lassen“ sagt mir die Cousine der Comtesse, Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Der Junge sieht aus wie eine Barockputte, weigert sich aber zu sprechen. Die Eltern mussten ihn bei der Großmuttter zur Pflege geben (einer Frau, die Kinder hasst), weil beide arbeiten gehen mussten.  Das hat sich nun geändert, selten fand ich ein liebevolleres Paradies für Kinder vor, hier, in der Altstadt von Grenoble, sieben Treppen hinauf, unterm Dach, ohne Aufzug, „l´apartmenet est pas isolée“. Dafür hat man in der Mansarde einen phantastischen Ausblick auf die Festung, nun ja, man hätte ihn: Unter einem grauen Schleier lässt sich nur das untere Bollwerk erkennen. Was man denn mache wegen der Kinder, frage ich. „Plein Air á la Montaigne, le Swimming-Pool“. Die Stadt, weltführend im Teilchenbeschleunigen und der Nanotechnologie, ist in den Händen verschiedene Mafiaclans, „einer davon gibt jedes Jahr ein Privatfeuerwerk“, während die Geschäfte verfallen und es in den Unterführungen und Tiefgaragen nach Pisse riecht.

Man lässt die Mutter und ihren Freund und die Kinder, den Engel, der nicht spricht, in dem Respekt, den sie verdienen, zurück. Ich habe gebeten zu erfahren, wann der Engel spricht, und kann sein erstes Wort kaum erwarten.

Auf nun zu Chateau Noir-Gibier-Rioux, wo uns die Eltern der Gastgeber erwarten. Von der dreckigsten, umweltbelastesten Stadt ganz Frankreichs auf eine Burganlage des 13. Jahrhunderts, der Graf wartet schon am Torhaus, „ich darf vorangehen“, und nun folgt in seiner Verwunschenheit und romantischen Pittoresque ein Weg, wie er mir bislang kaum begegnet, im Thatcher-England auf Little Thakeham vielleicht, aber nun genug solcher Gedanken, es gilt, die Treppe zu erklimmen, Jahrhundert um Jahrhundert hinter sich lassend – so, wie ganz Frankreich vielleicht -, um oben in einer modernen Suite mit hohen Deckenbalken und weitem Raum anzugelangen, wo man erstmal ein Bier eingeschenkt bekommt. Da packt man fast den Smoking ein für das Abendessen, tatsächlich geht es zum besten Vietnamesen im Dorf zu Canard lacqué, 9 Euro, natürlich mit Vorspeisenplatte für alle und diesem Phänomen der französischen Tafel: Eine Flasche Wein, aus der für sechs Gäste zweimal ausgeschenkt wird, „pour le gout“, des Geschmacks wegen, „betrinken werden wir uns nachher mit Champagner!“ Und so geschieht es.

 

Der Graf und seine Gattin, sie sieht aus wie eine kleine Brigitte Bardot, kennen den Vietnamesen seit 25 Jahren, die Gräfingroßmutter sagt freundlich, „Bonsoir Monsieur“ und steht dann wie selbstverständlich in einer blauen Steppjacke bei ihren Kindern, die eine rauchen. Später wird sie dankbar auf die Frage antworten, ob denn, wenn es nun den Berg hinauf aufs Schloss geht, zwei Wagen bereitstünden – „Oui, on a la voiture, merci!“ – es sind diese Gesten der Höflichkeit, auf die man in Deutschland warten kann, bis Elsass-Lothringen wieder deutsch wird, was nie gesehen wird.

Der Graf wollte gerne alle einladen, man ist im Kreise der engsten Familie, deswegen nahm er dieses kleine, feine, preiswerte, wunderbare vietnamesische Restaurant. Und dann, nochmal die Treppen hinauf – besser für die Fitness als jede Gesundheitsreform, und als man der alten Gräfin ein Kompliment machen will, sie sei trainierter als man selbst, sagt man „Sie sind eine größere Hure, als ich, Madame“, was mit einem huldvollen Lächeln bedacht wird, erst als sie sich zurückzieht, bricht man in schallendes Lachen aus, während der Herr des Hauses den eisgekühlten Lallier nachschenkt, als gäbe es keine Gilets Jaunes. „Sofort trinken, wem nützt warmer Champagner?“ Und dann heben Durchlaucht an zu einer Kapitalismuskritik, die sich gewaschen hat, und die vernichtenden Urteile über den Zustand der Welt – „Wir haben in 2.000 Jahren den Planeten vernichtet, das können wir gut, noch ein Glas vielleicht?“ Gern! – seine schonungslosen Urteile perlen geradezu im Takt mit denen in den Gläsern: „Wir haben einen König geköpft und völlig unnötigerweise eine Königin. Und natürlich Tausende andere. Nun haben wir eine Oligarchie.“ Und bei einem schnell getrunkenen Glas eiskalten Champagners ist man sich einig: Die russische Revolution war ein Fehler, für die Erschießung der ganzen Zarenfamilie lag kein Grund vor, zudem ermordete man 300.000 Aristokraten, um jetzt von 300.000 Oligarchen besessen zu werden, deren oberster Autokrat unanfechtbar ist, wie es die Romanows in ihrer 300jährigen Geschichte nie waren.

Noch ein Glas? Wenn da nur nicht diese Treppen wären … – Gabrielles Vater vertritt zahnmedizinisches Zubehör in drei Départments, er hat es sich selbst aufgebaut, nachdem ihn eine deutsche Firma trotz Rechtsstreit ausboten wollte, er habe Respekt vor den Deutschen. „Aber wir hier, wir stehen kurz vor der Prohibition! Paris hat verfügt, dass man in Frankreich nicht mehr rund um die Uhr Champagner kaufen kann.“

Es ist offenbar üblich, bei einer Party eine Art „Open House“ zu halten, ein wenig, wie Fürst Karenin dem Offizier Wronski fatalerweise sagt, „wir empfangen am Donnerstag“: Man klingelt zwanglos, bedient sich am Buffet, und am Morgen danach wird erörtert, dass Lucien und Jérôme wirklich „unmöglich waren: Mit einer Flasche Bier zu erscheinen!“

„Lyon ist unbezahlbar geworden, ich suche für mich allein, ich habe mich von meinem Partner getrennt“, sagt Aurélien. Er balancierte gerade sieben Stockwerke hoch auf der Balustrade, „keine Sorge, in zwei Stunden mach ich das nicht mehr“ – Und natürlich täuscht auch ein wenig der Eindruck aus dem Fenster einer wohlsituierten Arztwohnung mitten im zwieten Arrondissement – die Banlieues dieser Großstadt sind öde und grau, aber mit interessanten brutalistischen Einflüssen, manchmal recht gelungene, hohe Sozialwohnungsbauten, viele mit Balkon, man sah es auch in Grenoble, das ja seine Blüte zur Winterolympiade in den Sechzigern hatte. – ich erinnere ein Kapitel in meinem Französichbuch, „Grenoble, Ville d´Avenir“, Stadt der Zukunft, das die Zuversicht der Franzosen der Epoche symbolisierte, in der Sprache der Anpreisung, dass man als mittelbayrischer Gymnasiast sich dahin träumte. Nun ist der Traum geplatzt.

Sagte nicht der Graf, „Haben Sie Paris gesehen?“ und bekam diesen träumerischen Blick, der auch die Gräfin einschließt, eine gertenschlanke Blondine immer noch, und man sieht sie fast vor sich, sie ganz in Pierre Cardin, er im lockeren Sporthemd, die beiden Hand in Hand die Champs-Elysées hinunter, den Tuilerien entgegen, noch bevor die Comtesse das Licht der Welt erblickte, vor über 30 Jahren.

Am Samstag stand minutenlang ein Hubschrauber am Himmel, „wegen der Gilets Jaunes“, die Polizeimannschaften sind dreimal größer als die Gruppe der Demonstranten, „nur, damit sie hier keine Dummheiten machen, wie in Paris, ćest un peu ridicule“ sagt Arnault, der aus Lille ganz im Norden kommt, sein Jungengesicht hinter einem gepflegten Rauschebart versteckt und Philosophie studiert – mit solchen Mannen kämpfte also Vercingetorix gegen die Römer, kein Wunder, dass die Angst hatten.

Wer sich hinaufbegibt zur Kathedrale auf dem Berg, sieht dahinter ein atemberaubendes Panorama der Stadt tief unten, die von der alten römischen Heerstraße definiert wird, der Verlauf ist an den hohen Baumkronen an der größten Avenue zu sehen. Den besten Eindruck aber hat man von der tiefen, geschichtlichen Verwurzelung der Bevölkerung hier, wenn man die Krypta der Notre Dame de Fournière mit ihren unfassbaren Mosaiken besucht, oben, im Hauptschiff wird eine Messe gehalten – hier nun also, in einem Kellerraum, ach was: einer Kirche unter der Kirche – eines der Mosaiken ist besonders erwähnenswert ob seiner Herkunft: Es wurde 2007 bei einer wohl überragenden Künstlerin in Auftrag gegeben, es zeigt den Erlöser und verschiedene seiner Lebensstationen – und man liest andächtig, dass allein das Material, die Halbedelsteine, über und über verwandt, 50.000 Euro gekostet haben. „Keine Sorge, die Steuererleichterung liegt bei 40 Prozent – und die für Notre Dame au Capital, sogar 90 Prozent. Da läuft doch irgendwas schief“, meint Ruben.

Und dann, nach der kontemplativem Krypta, eben hinaus, zum himmelweiten Panorama, und dann die hängenden Gärten hinab, wieder zur Stadt, wo die Reserve-Renaissance-Kathedrale sich erhebt. An einem Sonntag ist die Eleganz der Lyonnaises bemerkenswert; die Kinderliebe aber aller, der liebevollste, treusorgendsde, zärtlichste Umgang mit ihren, eigentlich allen Kindern, ist schlicht anbetungswürdig, und weit, weit entfernt von dem Umgang, den die Deutschen mit ihrer Brut so haben.

 

Ruben zeigt mir ein Fünf-Sterne-Hotel, in dem er manches Mal Patienten unterbringt, die extra anreisen, um sich von ihm behandeln zu lassen. Die Chefconciérge empfängt uns mit einer leichten Verbeugung – so ein „Bonjour, Monsieur“, „Au revoir, Monsieur!“ hebt die Stimmung. Wir dürfen den spektakulären Dachgarten besuchen, über den Dächern Lyons. Unten im Foyer, da ist es, das reiche und schwerreiche Frankreich, und dann geht es über den schweren Teppich unter einem Arkaden-Innenhof, mit einer Glasdecke überdacht, wieder hinaus in die Gassen und in Rubens piekfeines Büro in der Rue de Petit Collège, und dann „une surprise pour toi: les passage secret, les traboulle“ – Geheimgänge, die es den reicheren Lyonaises erlaubte, fernab des Trubels des Pöbels ungesehen die Stadt zu durchqueren, „es gibt unzählige davon“, und man fühlt sich wie ein italienischer Spion in den Zeiten der Borgias.

Wer das alles erbaut hat? Die Festung von Grenoble, die Viadukte, die beiden Kathedralen? Die Franzosen!

Auffallend sind die vielen zärtlichen Paare, an einem Tag zähle ich 32 Küsse zwischen den Gastgebern. Auf der Fahrt vom Flughafen Genève die Berge hinauf und hinab spricht mir Ruben von Gabrielle, wie ich keinen Deutschen jemals über seine Beziehung habe sprechen hören. Irgendwann sage ich ihm, ich wüsste kaum einen Deutschen, der sich ähnlich rührend um seine Geliebte kümmert.

„Einmal wollte ein Deutscher das Schloss kaufen“, erzählt der Graf, spät am Abend, im Kamin prasselt das Feuer. „Er fragte meinen Großvater“ (der sich heute Abend natürlich nicht zeigt), „wo er seine Möbel gekauft hätte.“ Da warf der Graf den Deutschen hinaus“. Man kann eben nicht alles kaufen. So geht es Frankreich.

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Dieser Beitrag wurde am 20. Juni 2019 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

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