Reich und naiv

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Blick aus Jürgens Küchenfenster

Unser Reporter besucht einen Berufstätigen, erlebt seinen Alltag hautnah mit, erlebt Situationen und stellt Fragen, für die viele sich zu fein sind. Eine investigative Interview-„Real Life“-Reportage

von PR♕-Hofberichterstatter Benjamin von Weissingherr

Für einen Moment bricht der Mond durch die grauschwarze Wolkendecke und taucht die Vorstadtsiedlung in ein fahlblausilbernes Licht. Es ist 6:45 Uhr, doch hier hat der Tag schon begonnen. Einige Autos bewegen sich in Richtung Stadt, hinter den Lenkrädern ihre Besitzer. Auch Jürgen K.* fährt selbst, aber jetzt noch nicht. Wir sind zum Frühstück verabredet. Um diese Zeit – so denke ich, als ich vor seiner Tür stehe – trinke ich den Sekt lieber mit Orangensaft. Ein gutgelaunter Junge öffnet mir und bittet mich freundlich herein. Er hat es eilig, muss den Omnibus erwischen. Er bindet sich die Schuhe selbst, als hätte er nie etwas anderes gemacht. In dieser Gegend werden die Kinder so furchtbar schnell erwachsen. Da erscheint Jürgen in der Tür zur Küche: „So, dann wollen wir mal den Tag miteinander verbringen. Ich bin gespannt.“

Die Begrüßung fällt herzlich aus, einfach, unverkrampft. Nur sein Händedruck ist zu fest und tut weh, das ist grob und unnötig. Machtspielchen. Es fällt mir sofort auf, daß er nicht müde wirkt. Dafür ist er wohl zu stolz. Mein Herz verkrampft sich in der Brust, ich spüre eine Mischung aus Respekt und Mitleid.
„Sie haben es aber schön hier“, lüge ich.
„Ja, aber zugegebermaßen sieht es hier morgens nicht immer so aus, ich wußte ja, daß ich hohen Besuch bekomme.“
„Zuviel der Ehre“, lüge ich weiter und schäme mich. Für ihn.
„Setzen sie sich doch“, sagt Jürgen. „Kaffee oder Tee?“
Ich nehme an einem Tisch mit billiger Wachsdecke Platz. Das unter einem Wandregal hängende Radio scheppert viel zu laut. Er wird es nicht leiser machen.
„Kaffee, bitte. Mit Milch und Zucker.“
„Wird gemacht. Und, ansonsten, bedienen sie sich!“

Auf dem Tisch: Zwei Sorten Konfitüre, Butter, Schokoladenaufstrich, ein Teller mit Schnittkäse und so etwas wie Streichwurst in einer Plastikschale. Ich hatte wenig erwartet, aber das? Ich bin enttäuscht, mir wird übel. Auf einem großen Brett liegt ein halbes Brot, daneben ein sehr großes, gezacktes Messer. Eine unangenehme Pause entsteht, in der meinem Gastgeber hätte klar werden müssen, wie außerordentlich unhöflich es ist, einfach so ein Brot mit Messer auf den Tisch zu stellen, als wäre das jedermanns Sache.
„Soll ich ihnen eine Scheibe abschneiden?“ fragt er schließlich, jedoch mit einem merkwürdig amüsierten, bald frechen Unterton.
„Gern“, sage ich reserviert, aber auch etwas erleichtert.

Wie können Menschen so leben?

Das Brot schmeckt überraschend gut, der Kaffee ist genießbar. Mir wird plötzlich warm ums Herz, ich komme in der Situation an, mein berechtigter Ärger verfliegt. Es ist urig und aufregend, mit einem Menschen wie Jürgen mitten in der Nacht dieses einfache Bauernfrühstück einzunehmen. Gerade als ich mir noch eine fünfte Scheibe abschneiden lassen will, wirft Jürgen einen Blick auf seine recht erbärmliche Armbanduhr und drängt plötzlich zur Eile. Er habe ganz die Zeit vergessen. Jürgen ist ein Sklave dieser Zeit, er gehorcht ihr. Wir müssen los.

„Sie können auch vorne sitzen“, sagt mir Jürgen, als ich darauf warte, daß er mir die Tür öffnet, und steigt ein. Da ist es wieder, das Gefühl von Abenteuer, das jeden Anflug von Ärger im Keim erstickt. Diese Menschen haben es nicht so mit Höflichkeiten. Und ich bin nun wirklich nicht hier, um mich zu bedauern. Wir düsen los. Ich versuche ins Gespräch zu kommen, Jürgen kennenzulernen, ihn zu verstehen. Doch Fragen wie die, warum er keine Sitzheizung habe, scheinen auf die Stimmung zu drücken. Über sein Alter spreche ich jetzt lieber nicht, denn er sieht furchtbar alt aus. Zu allem Überfluß stecken wir bald im Stau. Jürgen schimpft nun wie ein Rohrspatz.

„Die kommen mit den Baustellen einfach nicht zu Potte. Seit Monaten geht das jetzt schon so. Verdammter Mist.“
„Warum wohnst Du auch so weit ab vom Schuß“, schießt es mir durch den Kopf. Doch ich kann mich beherrschen. Es ist sein Leben und nicht das deine, Benjamin. Denke daran. Trotzdem rutsche ich zunehmend unruhig auf dem Beifahrersitz hin und her. Man hört immer wieder, dass gestreßte Menschen wie Jürgen Unfälle bauen und seine Rostlaube erweckt nicht gerade den Eindruck, als könne man einen Unfall darin überleben. Ein Stein fällt mir vom Herzen, als wir auf dem Parkplatz vor seinem Büro ankommen.
„Ich habe heute besonders viel zu tun, aber Sie können mir gerne ein bißchen über die Schulter gucken.“

Gefangen im Gleitzeituniversum

Nun bin ich doch etwas verärgert. Er scheint sich mir gegenüber zu verschließen, schottet sich ab. Prätentiös führt er einen Anruf nach dem anderen, während er gleichzeitig Formulare am Computer ausfüllt – als hätte das nicht Zeit. Doch bald überwiegt wieder das Mitleid. Er will eben Eindruck schinden. Um 9:30 Uhr werde ich furchtbar schläfrig. Um 10:00 Uhr beschleicht mich das Gefühl, daß Jürgen wirklich viel zu tun hat. Um 10:05 Uhr werde ich ungeduldig und frage, wann denn wohl Mittagspause sei. Jürgen schaut mich schrägt von der Seite an, lacht und rast weiter mit seinen Fingern über die Tastatur.

Es ist eine harte, laute Welt hier im Großraumbüro. Erneut verspüre ich Mitleid, aber auch Kälte und Befremden. Jürgen ist eine irre Arbeitsmaschine, die nur funktionieren kann, wenn sie sich Menschen wie mir gegenüber verschließt, ja, wenn sie Mitmenschlichkeit aufgibt. Mir wird klar, daß diese enthemmte Arbeitswelt ein großes Problem für unsere Gesellschaft darstellt. Und Jürgen ist nur ein Rädchen in einem System, das uns dazu zwingt, unsere Solidarität miteinander aufzugeben und schon aufzustehen, wenn es noch stockdunkel ist. Mir wird plötzlich flau und schwindelig, ich stürze ins Freie und verdrücke eine Träne. Ich bin so müde, Mensch. Als ich mir schon ein Taxi rufen will, reiße ich mich zusammen. Wie willst du den Onlinejournalismus retten, wenn du jetzt aufgibst?

Wenig später sitze ich wieder neben Jürgen, der unvermindert in die Tasten haut und laut mit irgendwelchen Kunden quasselt. Ich versuche zu verstehen, worum es geht, doch ich kann und will mich einfach nicht konzentrieren. Es ist alles so sinnlos. Minuten kommen mir vor wie Stunden. Blitzschlaf. Ist endlich Mittag? Nein, 10:32 Uhr. Jürgen schaut etwas genervt zu mir herüber. Habe ich geschnarcht? Es liegt eine unangenehme Spannung in der Luft. „Kann ich helfen?“ frage ich mechanisch und bereue es sogleich. „Vielleicht ist es am besten, wir treffen uns zum Feierabend wieder.“ Das war so nicht geplant, doch willige ich ein.

Jürgen hat mir ein Geschenk gemacht

Wie in Trance schwinge ich mich in ein Taxi und falle zu Hause in einen ohnmachtsgleichen Schlaf, der aber schon bald unruhig wird. Ich träume von einer düsteren Stadt voller grau gekleideter Menschen, die ihrer bedauerlichen Arbeit nachgehen, anstatt etwas Sinnvolles zu machen oder das Leben zu genießen. Im nächsten Moment träume ich, wie ich mit Jürgens furchterregendem Messer an der schroffen Rinde eines Brotlaibs abrutsche und mir eine klaffende Wunde am Unterarm zufüge. Schweißgebadet wache ich auf und sitze kerzengerade im Bett. Nach einem ausgiebigen Bad komme ich in einem gemütlichen Restaurant bei einigen raffinierten Tapas zur Ruhe. Als der Espresso kommt, denke ich wieder an Jürgen. Ich muß noch einmal hin, muß es durchleben, muß ihn bis ganz zu Ende verstehen, auch für die Community. Als er um 17:15 Uhr das Büro verlässt, warte ich am Auto mit einer urigen Idee auf: Einem Feierabendbier. Eine Dose für jeden. „Danke“, höre ich, doch Jürgen wirkt befremdet. Er müsse doch noch fahren. Mein Gott. Als könne man das Auto nicht auch mal stehen lassen. „Muß den Jungen vom Fußball abholen.“ Na gut, das verstehe ich.

Wir holen den Burschen ab. Jürgen steigt aus und winkt ihm schon von weitem zu. Die Sonne geht langsam unter, es ist eine friedliche Szene. Jürgen legt einem Arm um die Schultern seines völlig verdreckten Sohnes und erkundigt sich, ob es Spaß gemacht habe. „Ja!“ strahlt der Junge. Ich bin gerührt. Jürgen ist eben doch ein Mensch. Gleichsam verspüre ich Wut. Wut auf eine Gesellschaft, die Jürgen nicht versteht. Den niemand versteht. Wut auf meinen Jetlag, ohne verreist zu sein. Dunkelheit legt sich über den Ascheplatz. Am Horizont schimmern die Lichter der Großstadt. Wir verabschieden uns, lächeln uns an. Für einen kurzen Moment macht alles einen Sinn. Sie fahren, ich schaue ihnen gedankenverloren hinterher. Dann schlendete ich zur verwaisten kleine Tribüne der Kampfbahn, lasse mich auf der obersten Bankreihe nieder und öffne die Bierdose. Es schäumt kräftig über. Stören tut es mich nicht. Ich spüre eine Leere, doch auch Geborgenheit. Ich wanderte zwischen den Welten, die Zeit bekam Flügel, nun läßt sie sich bei mir nieder. Jürgen hat mich für immer verändert.

*Name geändert

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Dieser Beitrag wurde am 9. März 2015 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Gedanken zu „Reich und naiv

  1. Danke für diese sehr nahe gehende Reportage.
    6:45 frühstücken. Wie die Höhlenmenschen. Und doch sind es Menschen wie wir. Sie haben unserer Anerkennung verdient, dass sie unter so widrigen Umständen leben können.

    Ihr habt mir mit diesem Stück die Augengeöffnet, endlich die Realität abseits von Sektfrühstück und Taxifahrten gezeigt.

    Dafür gebe ich gerne mein Geld her!

  2. Erschütternd! Aber auch ein bisschen beschämend. Hat dieses erbarmenswerte Schattenwesen denn keinen Rest Zivilcourage, um freiwillig aus diesem „Leben“ zu scheiden? Ist es denn wirklich sooo schwer, die Streichwurst ein paar Wochen stehen zu lassen und die Plastikschale mitzuessen? Nein. Aber in Würde zu gehen, wenn es an der Zeit ist – wer vermag das schon?

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