Ruf! Mich! Aus!

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Fortsetzung unseres Satzzeichen-Lehrgangs. Heute: Das Ausrufezeichen

Von Gastprinzessin Bernhard Torsch

Das Ausrufezeichen heißt in Österreich Rufzeichen, in der Schweiz Ausrufzeichen oder Ausrufungszeichen, sieht ein bisschen so aus wie ein Zauberstab und hat tatsächlich eine sprachmagische Wirkung. „Signum exclamationis“, ruft Harry Potter, und schon wirkt sein an die Wände von Hogwarts gesprayter Satz „Voldemort ist ein Schwein!“ viel lauter als ohne dieses Satzzeichen.

Das Ausrufezeichen ist der aufgedrehte Lautstärkeregler der Sprache. Oder wie Onkel Duden sagt: Es „verleiht dem Vorangehenden einen besonderen Nachdruck“. Es hat auch einen Hauch von Drill Sergeant. „Private Paula, sie weinerlicher Schwabbel, legen sie das Gewehr weg!“, waren seine letzten Worte. Rumbrüllen und Befehle erteilen liegt dem signum exclamationis im Blut, daher begegnet es uns gerne auf Verbotsschildern („Kein Rassismus nach 22 Uhr!“) und in Erpresserbriefen („Kaine Bolizei!“).

So wie die meisten Menschen ist das Ausrufezeichen aber nicht zu 100 Prozent ein autoritäres Arschloch, sondern hat auch eine freundliche Seite. Wer anderen zu Silvester einen „Guten Rutsch!“ wünscht, möchte diese Person meistens nicht schriftlich anbrüllen oder ihr etwas befehlen, sondern nur verdeutlichen, wie sehr er ihr einen angenehmen Übergang ins neue Jahr gönnt. Ältere Untertanen verwenden das Zeichen auch nach Anreden, zum Beispiel in Briefen. „Mein lieber Sohn! Wie mir zugetragen wurde, willst Du die Apotheke nun doch nicht übernehmen und Dich lieber als Aktionskünstler versuchen. Ich wünsche Dir viel Glück!“

Seit sich die Menschen immer öfter virtuell begegnen, statt zusammen ein Bier trinken zu gehen, bekommt das Ausrufezeichen zunehmend eine Funktion als Gestik- und Mimikersatz. In den Sozialen Netzwerken ist es vor allem ein Emoticon unter anderen und wird auch entsprechend inflationär und achtlos benutzt. Was das signum exclamationis für Twitterer und Facebooker so attraktiv macht, ist seine ökonomische Funktionalität, die Titelseitengestalter seit Jahrzehnten zu schätzen wissen. „…!“ ist platzsparender als eine Erläuterung, warum das eben Geschriebene wichtig sei. Das Ausrufezeichen weist auch den weniger Informierten darauf hin, gerade etwas von Bedeutung gelesen zu haben. Schreit eine Zeitungsüberschrift „Krieg!“, so könnte sich selbst der völlig apolitische Mensch fragen, ob das nicht vielleicht doch eine ernste Sache sei. Freilich korrespondieren Inhalt und Rufzeichen im Zeitalter der Massenkommunikation immer seltener, weswegen auch völlig belanglose Gegebenheiten damit beschrien werden, deren Relevanz sich allenfalls den Eingeweihten erschließt. Liest man „Sonja geht Schuhe kaufen!“, so ist das unterstreichende Ausrufezeichen nur jenen verständlich, die wissen, dass die gemeinte Sonja ein Problem mit Schuhkauf-Sucht hat und vermutlich gerade ihre Kreditkarte ausbrennen lässt. Wer diese spezielle Sonja nicht kennt, wird das Rufzeichen in diesem Fall so sehen, wie Adorno es 1956 in der deutschsprachigen Lyrik wahrnahm, nämlich als „Gebärde der Autorität, mit der der Schriftsteller von außen her einen Nachdruck zu setzen versucht, den die Sprache nicht selbst ausübt“.

Davon ableitend und den Gehalt der meisten Kommunikation in Sozialen Medien kennend könnte man sogar sagen, dass ein Ausrufezeichen ein Warnhinweis für die Nichtigkeit dessen ist, was es betonen soll. Ganz sicher trifft das zu, wenn ein Satz nicht mit einem, sondern gleich mit mehreren dieser Zeichen endet. „Odin ist endlich stubenrein!!!“ mag zwar ein verständlicher Ausdruck der Erleichterung eines Nazis darüber sein, dass er seinem Köter nach einem Jahr endlich beigebracht hat, nicht ins Wohnzimmer zu scheißen. Schön oder grammatikalisch korrekt ist das aber nicht. Die deutsche Sprache ist geduldiger, als viele befürchten, aber Satzzeichen-Kumulationen mag sie nicht. Kombinationen hingegen können durchaus sinnvoll sein. Mit einem Fragezeichen lässt sich das Ausrufezeichen beispielsweise gut verbinden, um einer Frage eine betonte Verwunderung beizumengen. So hätte Josef von Nazaret, wäre er deutschsprachig gewesen und hätte es schon die technischen Mittel dazu gegeben, telegrafieren können: „Maria ist schwanger?!“

Eine weitere erlaubte Kombi ist die von Ausrufezeichen und Klammer. Diese drückt aus, dass ein Sachverhalt besonders bemerkenswert, überraschend oder kritikwürdig ist. „Nachdem er 35 (!) Tequila-Shots getrunken hatte, zitierte er fehlerfrei (!) aus Adornos Noten zur Literatur“. Von allzu intensiver Nutzung rät die royale Sprachpolizei jedoch ab, da dergleichen das Schriftbild nicht zwingend schöner macht.

Tltr: Das Ausrufezeichen hat einen berechtigten Platz in der deutschen Sprache, aber von dessen inflationärem Gebrauch ist dringend abzuraten. Merkt euch das endlich!!

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Dieser Beitrag wurde am 6. April 2016 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Gedanken zu „Ruf! Mich! Aus!

  1. Verzeihung, aber im vorletzten Satz muss (!) es heißen: „…, aber von seinem inflationären Gebrauch ist dringend abzuraten.“
    Wir raten ja nicht vom Gebrauch des berechtigten Platzes ab.

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