Sprache und Freiheit

Großschreibung ist unfair!

Großschreibung ist unfair!

Wir Prinzessinnen sind alle sehr unterschiedliche Wesen. Auch was die Einstellung zur Orthographie, zur Grammatik und der allgemeinen und besonderen Zeichensetzung betrifft. Uns allen gemein ist allerdings die Liebe zu korrekt geschriebenen Namen. Aber alles, was nicht Eigenname ist, darf geschrieben werden, wo so wie es ich mir gefällt, findet zumindest

Buchstaben-Prinzessin Ramona Ambs

Ein Wort schreibe ich mit dreyerley Orthographie, und was die Unarten alle seyn mögen, deren ich mich recht wohl bewußt bin und gegen die ich auch nur im äußeren Nothfall zu kämpfen mich unterwinde….“ schrieb dereinst schon Goethe und legte in einem Gespräch nach: „Mir (…) war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig. Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an; sondern darauf, daß die Leser verstehen, was man damit sagen wollte! Und das haben die lieben Deutschen bei mir doch manchmal gethan.“

Goethe würde heutzutage im akademischen Milieu vermutlich verspottet werden. Denn nichts liebt und verehrt der Deutsche mehr als seine korrekte Rechtschreibung. Nach jedem Buch, nach jedem Artikel, den ich schreibe, fühlt sich irgendein Deutscher bemüßigt, mir mitzuteilen, wie das richtig geht, mit der Sprache:

„Da gehört kein Komma hin!“ schreiben sie oder „Leerzeichen nach Punkten darf man nicht!“ oder „Dieses Wort wird seit der Rechtschreibreform so XXX geschrieben!“ Meist wird diese Zurechtweisung eingeleitet mit den Worten „Bin ja kein Grammatiknazi, aber…“ -aber wir alle wissen, wie die Sprüche inhaltlich enden, die mit „bin kein Nazi, aber..“ beginnen.

Abgerundet werden die Ausführungen dann meist mit einem Ausflug in die eigene Bildung. Denn Bildung, -das ist der Schwanzvergleich der Akademiker. Und Rechtschreibfehler finden so geil, wie einmal ohne Viagra können…. Nu,-lassen wir das…

Georg Büchner hat jedenfalls großes Glück, schon tot zu sein. Seinen Titel  „Danton`s Tod“ würde man ihm nämlich heutzutage als Deppenapostroph unter die Nase reiben und Thomas Mann darf ebenfalls ruhig schlafen: Er ist etabliert UND tot, – zwei Gründe, weshalb das fleißige Feuilleton, nicht, ob seiner originellen Zeichensetzung beim Genitiv, kollektiv kollabiert.

Wobei nicht jeden der Tod  vor Sprachübergriffen schützt.

So wurden beispielsweise nach der letzten Rechtschreibreform in Robert Musils „Zögling Törleß“ mehrere Kommata rausgekürzt,- was die Sprachmelodie enorm verändert. -Goethe würde sich bei derlei im Grabe rumdrehen. Er hatte stets darauf bestanden, dass er „ausdrücklich wünsche, daß man das übersandte Exemplar genau abdruckte, nichts in der Rechtschreibung, Interpunction und sonst verändre, ja sogar, wenn noch ein Fehler stehn geblieben wäre, denselben lieber mit abzudrucken. Genug, ich wünsche und verlange weiter nichts als die genaueste Copie des nun übersendeten Originals.“

Aber der Wille des Autors ficht die Liebhaber der deutschen Orthographie nicht an. Den Deutschen ist ihre Sprache so heilig, dass sie sich in den letzten Tagen nach #Clausnitz mehr über den Spruchmissbrauch „Wir sind das Volk“ aufgeregt haben, als darüber, dass man mit dem Gebrüll desselben Menschen in Todesangst versetzt hat. Es ging ums Niederbrüllen. Das hätte vermutlich sogar mit „Haribo macht Kinder froh“ geklappt, wenn man es nur mit ausreichend Hass und Lautstärke als akustische Waffe eingesetzt hätte…
-Zurück zum Thema. Die Regelfixiertheit der hiesigen Leserschaft ist jedenfalls höchst unerfreulich. Andernorts ist man da schon weiter. John Green „erklärt“ in seinem Roman Paper Towns: „“I am a big believer in random capitalization. The rules of capitalization are so unfair to the words in the middle.“ Und damit Hat er Enorm recht. Man könNte sogaR noch weiter geHen und nicht nur den Wörtern in der Mitte, soNdern auch den bUchstaben in der MItte die Ehre der Großschreibung zuteil weRden lasSen. Zumindest, wenn man es mag. Denn eine Sache ist klar:
Die Buchstaben sind für den Autoren da, – und nicht der Autor für die Regeln.
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Dieser Beitrag wurde am 22. Februar 2016 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Gedanken zu „Sprache und Freiheit

  1. Wenn man Kindern ab dem sechsten Lebensjaar beibringt, dass die correcte Schreibweise der Wörther etwas ungemein wichtiges sey, und sie durch die Beherrschung dieser Nischencunst die Gunst ihrer Lehrerinnen erlangen, dann, sind diejehnigen die es können irgentwann bereit auf die anderen herab zu schauen. Ich bin selbst so ein Exemplar, aber auf dem Weck der Besserung. Und von Goethe kriehgen Schülerinnen Offenbar immer das falsche zu lesen. „Über allen Gipfeln ist Ruh‘ “ – meinetwegen, aber was der Mann sonstens zu sagen hatte scheint doch viehl interessanter.

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