Wie ich einmal Prinz William war

– Eine investigative Nachfühlreportage

von Benjamin Weissinger

Ganz groß in Mode ist ja mal wieder der journalistische Selbstversuch und anschließende Erfahrungsbericht. Hilfreich oder spannend ist das allerdings so gut wie nie. Wenn zum Beis
piel jemand herausfindet (und dann auch noch wortreich beschreibt), dass man von Junkfood fett, von Obst und Gemüse krank (ich sage nur Steve Jobs) und vom Marathon müde und dopingabhängig wird, kann man sich nurnoch fremdschämen. Notruf an Kapitän Offensichtlich, sagt man da wohl in der Jugendsprache. Oder auch sowas wie „eine Woche kein Internet.“ Und dann steht da so „nach zwei Tagen: uiii jetzt vermisse ich es aber wirklich sehr.“ Da denk ich nur so: Ja dann geh doch über Smartphone ins Netz und hör auf zu jammern. Aber da mir die Rettung des Journalismus immernoch sehr am Herzen liegt und das Genre nunmal vom Leser geschätzt und gefordert wird, habe ich mich breitschlagen lassen, nun auch sowas zu machen. Aber sinnvoll und wirklich neu sollte es sein. Nichts allzu Selbstdarstellerisches! Und trotzdem etwas, durch das meine journalistische Tadellosigkeit und charakterliche Einwandfreiheit zumindest durchscheint. Was mit Herz. Und sozialer Verantwortung in Gleichheit (auch als Demokratiebeauftragter). Und dann war mir klar, was ich machen muss: Prinz William sein.

Tag 1: Da ich von Natur aus Prinz William recht ähnlich sehe und noch dazu eine gute Freundin habe, die zu den führenden Maskenbildnerinnen der Szene gehört, setze ich diese verwegene Idee sogleich in die Tat um. Vernünftige Anzüge und eine gut gefüllte Börse sind nicht das Problem. Es zieht sich ziemlich hin im Schminkstudio. Geht das nicht schneller? Es ist ja fast schon Abend. Endlich strahlt mich im Spiegel der beinahe leibhaftige Duke of Cambridge an. Meine Maskenfreundin ist sehr zufrieden, gibt allerdings zu bedenken, dass dem Prinzen die Gesichtszüge üblicherweise etwas weniger affig entgleisen als mir. Dafür erntet sie einen strengen Blick und kühlen Abschied, doch leider hat sie recht. Ich muss mich jetzt auf meine Rolle konzentrieren, damit ich später auch authentisch berichten kann, wie es war.

Tag 2: Über Nacht wollte ich mir noch etwas über den Prinzen anlesen, aber ich habe lieber das Hollywood-Biopic „Die Queen“ gesehen. Ein wunderbarer Film. Die Königin von England ist ohnehin eine unheimlich unterschätzte Person, die ich sehr mag. Wer würde meinen, was für einen heißen Reifen sie fährt in ihrem überdimensionierten Land Rover. Außerdem beherrscht sie die Tierwelt mithilfe von hypnotischen Blicken, wie in der Szene mit dem gewaltigen Hirsch deutlich wird. Das wird sie wohl in ihrer Zeit in Indien gelernt haben. In Deutschland wäre es undenkbar, dass die Königin in einem Kinofilm sich selbst spielt, und dann auch noch so gut. Aber wer will auch schon einen Film darüber sehen, was die Merkel in ihrer Freizeit macht. Kartoffeln kochen und Wagner hören. Nein, danke.

Jedenfalls gehe ich nicht sonderlich gut vorbereitet auf die Straße, doch schon bald werde ich angesprochen, vor allem von Frauen. „I’t cant be you“, sagt eine Frau in gebrochenem Englisch. „But, it is me, Prinz William. I make holiday here in Germany while meine Frau is watching for the kids in the Buckingham Palace.“ Alle um mich herum lachen, manche wollen Autogramme. Ich hätte nie gedacht, wie schnell und glaubwürdig ich in diese Rolle schlüpfen kann. Begleitet von einer immer größer werdenden Menschenmenge flaniere ich in angemessener Langsamkeit durch einen Park, parliere mit einigen vorlauten jungen Männern, die das meiste wegen ihres schwachen Schulenglischs wohl garnicht verstehen und als Antwort immer nur johlen können, und habe schließlich ein Mikrophon vor der Nase. Ein Radiosender. Peinlich, wie kaputt der Journalismus ist. Ich flüstere meiner jungen Kollegin zu, dass ich nicht der echte Prinz William bin und setze mich dann nicht ohne Mühen in mein Hotel ab, in dem alle eingeweiht sind. Diese allseitige Aufmerksamkeit, ich will es garnicht verleugnen, ist berauschend. Es ist wie eine Droge. Irgendetwas tief in mir drin sagt „hör auf“, doch ich kann garnicht damit aufhören, wie ein Ritter von der Tafelrunde durch meine Junior Suite zu schreiten. Schließlich muss ich doch ins Bett und stelle mir vor, wie die Queen noch nach mir sieht und das Licht ausmacht.

Tag 3: Heimgesucht von wüsten Albträumen wache ich früh morgens auf. Schweißgebadet, versteht sich. Man lachte vergangenen Tags doch wohl aus einer allgemein freudigen Heiterkeit heraus, also mit mir und nicht etwa über mich? Meine Maskenfreundin hat mir eine Nachricht geschickt. In den sozialen Netzwerken meiner Stadt sei von einem Verrückten die Rede, der sich als Prinz William verkleidet habe. Ein typisches Sommerlochthema, so sei das in den lokalen Medien kommentiert worden. Das Smartphone fällt auf den Teppichboden des Hotelzimmers. Meine Klamotten habe ich mir vom Leib gerissen, die Perücke hängt schief an meinem Gesicht herunter. So starre ich stundenlang in den Badezimmerspiegel. Es ist eine starke Szene, doch sie ist kaum gespielt. Wie konnte ich nur auf diese saudumme Idee kommen. Es wird getratscht werden und ich bin das Gelächter der ganzen Stadt. Viele Gedanken strömen durch meinen Kopf. Du musst es durchleiden, jetzt den Schmerz zulassen, und dann die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Ich spüre instinktiv, wieviel auch die Leser daraus lernen können. Ja, jetzt lichtet sich der Nebel und vieles wird mir klar. Es war nicht ich, der verspottet wurde, sondern wirklich Prinz William. Jedenfalls der Prinz William, der abgehoben ist und ein Spiel spielt, und nicht ehrlich auf die Menschen zugeht. Darum geht es nämlich in einer Demokratie. Und der Schmerz, den ich empfinde, ist der Schmerz derer, die garnicht wissen können, wer sie gerne wären, weil sie wurden, was sie nie waren. Das eitle Lachen der Jungen im Park – bemitleidenswert. Denn ist es nicht gerade das, und habe ich das nicht durch selbstlosen Einsatz gezeigt, dass es das ist, worum es für jeden einzelnen, gerade auch alle zusammen in einer Demokratie gehen muss: Dass man gemeinsam „ist“. Das Sein im Eigenen und auch im Gesamten. Ein Gefühl tiefer Befriedigung durchströmt mich. Es werden nicht gleich alle verstehen und der eine oder andere wird sich trotzdem sein Schandmaul über mich zerreissen. Aber das ist das Schicksal aller großen Menschen, schon gar Journalisten. Jeder, der Barrieren durchbricht, holt sich eine blutige Nase. Ich werde sie mit Stolz tragen. Mein Name ist Benjamin Weissinger.

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