Monsters of Chinese Dissidence: Ai Weiwei vs. Liao Yiwu in der Berliner Philharmonie.

Von Gastprinzessin Christian Y. Schmidt

Vor dem Fight

Vor dem Fight

Am 2. September traf in der nahezu ausverkauften Philharmonie der Berliner Lokaldissident Liao Yiwu auf den amtierenden chinesischen Dissidenzweltmeister im Schwergewicht, Ai Weiwei. Ein Kampf, auf den sich viele Fans der chinesischen Dissidenz schon jahrelang gefreut hatten, und in dem, um es vorweg zu nehmen, sich Liao Yiwu am Ende dem Meister geschlagen geben musste. Vielen der über 1.000 Schlachtenbummlern waren die Details des Kampfes allerdings entgangen, denn die meisten hatten wohl zum ersten Mal einen echten chinesischen Schlagabtausch gesehen, und waren deshalb mit den Feinheiten und Fallstricken dieses Sports nicht recht vertraut. Deshalb sollen hier die wichtigsten Stationen des Fights kurz nachgezeichnet werden.

Die beiden Dissidenz-Profis hatten auf den eigentlich eingeplanten Schiedsrichter der Veranstaltung, Wolfgang Herles, verzichtet. Dass kein völlig Ahnungsloser mässigend auf sie einwirken konnte, erwies sich als weise Entscheidung, und tat dem Kampf gut. Statt Herles stellte der Direktor des Internationalen Literaturfestivals Berlin, Ulrich Schreiber, die Dissi-Champions vor. Von Liao wusste er, dass er eine „Eigentumswohnung in Berlin-Charlottenburg“ besitze. „Ich bin ganz neidisch auf ihn, weil ich nur in Wilmersdorf wohne,“ über Ai las er interessante Sachen aus der Wikipedia vor.

Dann begann der Fight, auf den die Welt gewartet hatte. In der ersten Runde blieb es bei einem Geplänkel, in dessen Verlauf Liao mehrmals den Namen der Schutzgöttin der Dissidenten, Herta Müller, ausrief. Doch schon in Runde zwei ging der glatzköpfige Herausforderer zum Angriff über. Liao befragte Ai zu seinem Vater Ai Qing. Der war zwar zwanzig Jahre in der Verbannung gewesen, aber bis zum Ende seines Lebens überzeugter Kommunist, Parteimitglied und ab 1979 Vizepräsident des chinesischen Schriftstellerverbands. Ai duckte sich zunächst weg („Meine Erinnerungen [an meinen Vater] sind nicht verlässlich“), landete dann aber überraschend den ersten mittelharten Treffer: „Liao ist ein hervorragender Schriftsteller. Aber heute hat er wirklich Antipathien, und kommt deshalb nicht richtig zum Zug.“

Liao liess nicht locker. Er deutete zunächst eine kleine Unterwerfungfinte an, indem er seinen Gegner wiederholt mit „Lao Ai“ anredete („Ehrwürdiger Ai“), holte dann aber kräftig mit der Rechten aus. Offenbar entgegen vorheriger Absprache („Eigentlich wollten wir darüber gar nicht sprechen, aber die Leute wollen es gerne wissen“), wiederholte er die Frage zu den in China verhafteten Rechtsanwälten, die Ai bereits bei einem ersten Sparrings-Kampf gegen Mitarbeiterinnen des Magazins „Die Zeit“ in die Bredouille gebracht hatte.

Dieses Mal aber stand Ais Deckung besser. Stoisch wiederholte er die Antworten, die auch schon so in der „Zeit“ abgedruckt worden waren (Kurzfassung: Im Kontext der chinesischen Geschichte ist die Festnahme der Anwälte keine grosse Sache, aber natürlich bin ich mit ihnen nicht einverstanden), allerdings ohne dass er – wie beim „Zeit“-Interview – seinen Gegner am Ende zum Verlassen des Rings aufforderte. Dieser Einsatz brachte ihm den ersten grösseren Szenenapplaus der Schlachtenbummler ein, und auch der Kampfbeobachter der dpa kommentierte – offenbar in Unkenntnis des Vorkampfes – sofort begeistert, Ai habe die Aussagen, die er in der „Zeit“ gemacht habe, relativiert.

Anschliessend ging Ai dann richtig zur Sache. Er holte weit aus, und erklärte, dass er auch in China „nicht das Gefühl gehabt habe, dass ich komplett meine Freiheit verloren hätte“. Von dieser Auskunft leicht angeschlagen nahm Liao eine Auszeit, und trug ein Gedicht des inhaftierten Dichters Li Bifeng vor, das er selbst mit einem seltsamen Plingplong-Instrument begleitete. Das konnte Ai nicht, und brachte Liao beim Publikum immerhin ein paar Punkte ein.

In der zweiten Hälfte des Fights setzte Liao unverdrossen auf die bereits zuvor eingeschlagene Taktik: Anhand verschiedener Themen (Freiheit, Widerstand, 4. Juni 1989) versuchte er Ai radikalere Äusserungen zu entlocken und ihn so in diverse offene Messer laufen zu lassen, was aber Ai aufgrund seiner glänzend stehenden Metaphorik immer wieder souverän parierte. Als Liao schliesslich bei einem eher hilflos wirkenden Geplänkel von Ai das Bild eines notorischen Exhibitionisten zeichnen wollte – tatsächlich ist der gutgebaute Schwergewichtler ein grosser Freund der nackten Selbstabbildung –, holte jener zu einem gezielten Leberhaken aus: „Das, was Du mir unterstellst, das liegt daran, dass Du, bevor wir hierher kamen, zu viel Alkohol getrunken hast.“

In diesem Moment hielt das Publikum den Atem an. Wie würde Liao auf den Tiefschlag reagieren? Der setzte alles auf eine Karte und zu einer letzten Attacke an: „Ich bin ein politischer Flüchtling“ eröffnete er, und versuchte mit diesem Argument Ai dann auf offener Bühne das Riesenatelier am Pfefferberg abzuluchsen. „Wenn du nach China zurückkehrst, und dann nicht wieder rausdarfst: Soll ich dann dein Atelier managen? Vielleicht sollte man das in ein Flüchtlingszentrum verwandeln? ‚Ai Weiwei‘ Flüchtlingszentrum‘?“

Ai antwortete mit einer herrlichen Dublette. Schlag 1: „Du hast behauptet, dass du ein politischer Flüchtling bist. Ich sehe das nicht unbedingt so: Weil es Dir hier sehr gut geht, und Du dich von den Tantiemen Deiner Bücher gut alkoholisieren kannst.“ Schlag 2: „Angesichts der Flüchtlinge kann sich kein Mensch von seiner Verantwortung lossagen. Mein Atelier soll aber mein Atelier bleiben.“

Mit einem Riesenbeifall für Ai entschied das Publikum: Technischer K.O.-Sieg für Ai. Der amtierende Schwergewichtsweltmeister in chinesischer Dissidenz hatte seinen Titel eindrucksvoll verteidigt. Dem Herausforderer Liao Yiwu blieb nur eine linkische Umarmung des Meisters und der Schlusssatz: „Ehrwürdiger Ai. Ich mag dich, weil du ein so aufrichtiger Mensch bist.“

Dann rief er in einem jammervollen Schlussgesang noch einmal Herta Müller an. Möge die Göttin der Dissidenz dem Mann bei seinem nächsten Kampf gnädiger sein.

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