Rauchzeichen der Zivilisation

Auch Flüchtlinge haben ein Recht auf Rauch, von Gastprinzessin Bernhard Torsch.

Die Zigarette war mal das Rauchzeichen der Zivilisation. Bevor die technokratischen Berechner von Menschenkosten in Tateinheit mit von Todesangst besessenen Körperkultisten alles Übel, das dem Menschen widerfahren kann, auf das Verbrennen von Tabak schoben, galt es als zutiefst humane Geste, jemandem eine Zigarette anzubieten, und wenn´s die letzte vor dem Erschießungskommando war.
Aus. Vorbei.
Die Nazis, die ersten Nichtraucher-Aktivisten, haben ihren Krieg gegen alles Schöne und Wahre wenigstens auf dem Schlachtfeld der Volksgesundheit gewonnen. Wer immer noch raucht, gilt inzwischen als suizidaler Klotz am Bein der vorgeblichen Solidargemeinschaft der Krankenversicherten, als mutwilliger Beschädiger der Ware, die anzubieten ihn der Kapitalismus zwingt, seines Körpers nämlich. Der Mensch soll früh nützlich werden, es lange bleiben und, wenn der Verfall dieser Nützlichkeit nicht mehr aufzuhalten ist, rasch sterben. Am besten beim Paragliding oder durch Herzkasper beim Joggen, denn dies zieht keine, horribile dictu, Kosten für das Gesundheitssystem nach sich wie etwa Krebs oder COPD.

Eine Ahnung davon, was Zigaretten einmal waren und dort, wo noch nicht die Menschenoptimierer oder lebensfeindliche Fanatiker das Sagen haben, immer noch sind, gibt der Schlager „Ein Schiff wird kommen“. Im von Josefine Busch ins Deutsche übertragenen und von Lale Andersen gesungenen griechischen Lied, das von der Sehnsucht nach dem Geliebten und unterschwellig von der Sehnsucht nach dem wirklichen Leben handelt, haucht die Protagonistin an einer Stelle: „Und jetzt bist du da und ich halte dich in meinen Armen. Komm, gib mir noch nen Zug von deiner Zigarette! Schau, unter unserem Fenster, der Hafen mit den bunten Lichtern…“.
Zwei Menschen, die sich lieben und gerade geliebt haben, teilen sich eine Kippe und schauen auf den Hafen, das Sinnbild unendlicher Möglichkeiten und der Freiheit – das rührt etwas in Menschen, solange die noch nicht völlig zerstört und als Arbeitsvieh neu zusammengesetzt wurden, das erzählt von Dingen, die diejenigen nie verstehen werden, die das Leben nur als Tod auf Bewährung begreifen. Ganz sicher nichts damit anfangen können religiöse Eiferer wie der „Islamische Staat“ oder die Taliban, die in ihrem Wirkungsbereich das Rauchen streng untersagt haben.

Und dann kommen Menschen, die tausende Kilometer weit vor Krieg, Klerikalfaschismus und Zerstörung geflohen sind, und kaum jemand kommt auf die Idee, diesen Leuten, unter denen sich viele Raucher befinden, ein paar Kippen anzubieten. Wie es menschlich und zivilisiert wäre. Aber Genuss, der notwendigerweise irrational sein muss im armseligen Bezugsrahmen der Gesundheitspolitik, oder gar Sucht gesteht man Refugees nicht zu. Da wird selbst die netteste freiwillige Helferin zur gar strengen Erzieherin und hält lieber Predigten über die Schädlichkeit des Tabakkonsums, als ein paar Stangen Rauchware rauszurücken. Das Rauchen verschwindet zusammen mit einer Kultur, der trotz allem immer noch so viel vernünftige Unvernunft und Widerstandsgeist innewohnte, dass man dem Chef halt täglich einige Rauchpausen abringen konnte und der Chef das auch zuließ weil er wusste, es mit Menschen zu tun zu haben.
Heute herrscht in den Koben der Großraumbüros ebenso striktes Rauchverbot wie in den Todestrakten amerikanischer Gefängnisse, wo man inzwischen sogar den alten Brauch der letzten Zigarette abgeschafft hat, auf dass auch ja kein Henkersknecht gesundheitlichen Schaden davontrage.
Mit dieser neuen Unkultur müssen nun die Flüchtlinge neben Nazis und Kryptonazis auch noch klar kommen, obwohl so viele von ihnen tragischerweise annehmen, Europa sei ein Hort von individueller Freiheit, Kultur und Zivilisation.

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Dieser Beitrag wurde am 27. August 2015 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare

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