Airport Paranoia

Gedanken an zwei Taschen – Flughafen Prag.
Von unserem Reisereporter Sebastian Bartoschek

Da lagen sie nun. Alle beide. Alleine. Einzeln und gemeinsam. In Prag. Und ich sitze da, und schaue zu ihnen herüber. Neben mir meine Frau. Ich schaue zu den beiden. Meine Frau auch. Unbeaufsichtigtes Gepäck, im Boardingbereich.

Einfach so, da liegend. Zwei Taschen vor leeren Sitzgelegenheiten. Die eine steht aufrecht, die andere liegt fast senkrecht. Sehen nach Strandtaschen aus, und lassen meinen Blick nicht mehr los. Machen mir klar, was anders geworden ist – bei mir? – in der Welt? Wie auch immer.

Man lässt sein Gepäck einfach nicht mehr einfach so liegen. Die Ansage sagt es andauernd. In Düsseldorf, in Berlin, in Palma – und eben in Prag. Unbeaufsichtigtes Gepäck ist nicht gut. Es ist gefährlich, und zu meiner tatsächlichen Überraschung: Es macht mir Angst.

Was tun? Der Dame am Eurowings-Schalter Bescheid sagen? Wie ein guter deutscher spießbürgerlicher Denunziant? Und dann? Ärgern sich Menschen, weil sie ihre Flüge verpassen, weil der Bereich abgesperrt wird; und sich dann herausstellt, dass in den Taschen einfach nur Zigaretten und Handtücher sind, vielleicht noch Schnaps. Und die Finger gehen auf mich: Ich werde belächelt. Der da war es. Klar. Ein Deutscher. Wie peinlich. Der kann auch einfach nicht mal die Fresse halten.

Oder: ich weise darauf hin, jemand geht hin, will es absperren, und es macht Boom. Einfach so. Ich tot, meine Frau tot. Tut es weh, bei einem Bombenattentat zu sterben. Wir sitzen ca. 3 m von den Taschen entfernt. Ist es wie im Comicfilm, wenn die Hitze sich in Sekundenbruchenteilen die sich zur Ewigkeit dehnen das Hirn zerfrisst? Das Hirn hat keine Schmerzrezeptoren; die Kopfhaut aber. Mein Genitalbereich auch – aber bis dahin ist das Eiweiß des Hirns denaturiert, oder? Macht es Sinn, das jetzt noch zu googeln? Löst googeln den Zünder aus?

Und meine Frau? Könnte ich mich noch vor sie schmeißen? Wie schnell breitet sich das Feuer aus? Und macht es irgendeinen Unterschied, ob ich mich vor sie werfe oder nicht? Vielleicht ja für die Kameras. Das kann mir dann auch egal sein. Kameras. Die haben auch nicht verhindert, dass die Taschen da stehen. Ole. Sicherheit.

Kurz hinter uns ist ein Pfeiler. Da könnte ich meine Frau hin bitten und dann selbst nachsehen. Oder denen am Schalter Bescheid sagen. Und dann? Wieso nicht einfach wegfliegen, und dann kann der Flughafen explodieren. Wir sind ja auch Menschen.

Was ist das? Die Hysterie der letzten Jahre, Restalkohol, Prag? Muss ich hier eine Remineszenz auf das Erwachen aus unruhigen Träumen einbringen, einen Brückenschlag zu 9/11 basteln? Wieso hat eigentlich der Scheißflug verspätetes Boarding? Wenn wir auf dem Rollfeld wären, wäre die Bombe wohl zu weit weg. Wir werden dann meckern und entsetzt sein. Aber vor allem sein.

Riecht Semtex? Wie soll das überhaupt durch die Sicherheitsschleuse gekommen sein. Und wieso all diese Paranoia? Und müsste das nicht Geräusche machen und blinken – oder irgendwas? Vermutlich nicht. Vermutlich ist es alles ganz anders.

Ich mache ein Foto. Nein, besser zwei. Vielleicht verbrennt mein Handy ja nicht. Apple. Wer weiß. So wie die Persos. Dann hat man zumindest ein Bild von den Taschen. Wieso ist der Vollidiot nicht einfach zu den Damen am Schalter gegangen, sondern hat nur ein Foto gemacht – weil was? Weil er nicht spießbürgerlich wirken wollte, und dafür einfach den Tod seiner Frau und der ganzen Leute herum im Kauf nahm?

Wieso sagt denn sonst keiner was? Die gehen einfach daran vorbei. Sehen die das denn nicht? Oder wollen die einfach so wirken wie ich. Also so, naja, unauffällig und unbesorgt. Teilen wir gerade das Ende und tun so, als teilten wir es nicht?

Wenn ich hier wegkomme, dann schreib ich über die beiden Taschen.

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