Der royale Journalistenfragebogen der Prinzessinnenreporter (24)

thomas blumHeute ausgefüllt von Thomas Blum

Der Journalist – das unbekannte Wesen. Wir wissen zumindest: Journalisten sind vielbeschäftigte Leute. Dennoch baten wir ausgewählte Exemplare, sich einen Augenblick Zeit zu nehmen und unsere Fragen zu beantworten. Es ist schließlich zu ihrem Besten. Denn um den Online-Journalismus zu retten, brauchen die Prinzessinnenreporter ein paar Daten zur Evaluation. Und wir lassen nun mal auch gern andere für uns arbeiten.

Die Prinzessinnenreporter bedanken sich huldvoll bei allen Teilnehmer/innen und veröffentlichen die Antworten in loser Folge.

Thomas Blum ist Feuilletonredakteur des „neuen deutschland“ und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (u.a. „konkret“, „Jungle World“, „Berliner Zeitung“, „Stadtrevue Köln“).


1) Gerüchteweise achten eigentlich nur Journalisten auf die Autorennamen über oder unter einem Text – wann hast Du Dir zum ersten Mal einen Autorennamen gemerkt und warum?


In der trostfernen Gegend, in der ich aufwuchs, war und ist die
am weitesten verbreitete und meistgelesene Zeitung das Lokalblatt „Heilbronner Stimme“, das seit Jahr und Tag den üblichen Schmarren wegdruckt: liebedienerische Ranwanzartikel zu Ehren einflussreicher Lokalpolitiker, nur schlecht als redaktionelle Beiträge getarnte Reklame und der übliche Lokaldreck (Freiwillige-Feuerwehr- und Karnickelzüchtervereinsjubiläen usw.), sprachlich und stilistisch alles auf einem absolut unterirdischen Niveau. Weil ich mich jedoch schon in meiner Jugend sehr fürs Kino begeisterte, las ich meist beiläufig die Filmrezensionen, bei deren Lektüre mir ein allwöchentlich schreibender Rezensent besonders auffiel. Seine Texte unterschieden sich deutlich von den anderen in der Zeitung: Es waren häufig harsche Verrisse oder überschwengliche Lobeshymnen, geschrieben offensichtlich von einem leidenschaftlichen Filmenthusiasten, eloquent und originell formuliert, ganz ohne die inflationär verwendeten Pressephrasen („spannend“, „atemberaubend“). Der Wunsch des Autors – im Vergleich zu den anderen Schreibern –, dem Leser mit Worten Vergnügen bereiten zu wollen und nicht nur eine Filminhaltsangabe hinzuschludern oder aus dem Pressematerial abzuschreiben, war für den Leser deutlich zu bemerken. „Von Thomas Klingenmaier“ lautete die Autorenzeile. Fortan suchte ich allwöchentlich in der Zeitung mit schweißfeuchten Fingern nach seinen Kritiken. Kann gut sein, dass zu jener Zeit der Wunsch, Journalist bzw. Filmkritiker zu werden, in mir keimte. Eine Tätigkeit, die ich mir seinerzeit als die traumhafteste überhaupt vorstellte (man geht den ganzen Tag ins Kino, ohne zu bezahlen, und abends schreibt man lustige Texte über das, was man gesehen hat, in der Folge wird man reich und berühmt und die Frauen laufen einem scharenweise hinterher), von der ich aber annahm, dass die Chance, sie auszuüben, mir niemals zufiele.
Durch irgendeinen Zufall (wohl weil ich selbst zu jener Zeit in den Heilbronner Kinos als Kartenabreißer und Schaukastenplakataufhänger jobbte) lernte ich den Herrn Klingenmaier, der mir überaus freundlich schien, irgendwann oberflächlich kennen und gestand ihm meine innige Bewunderung für seine Filmrezensionen. Als ich ihm später irgendwann einmal abends über den Weg lief, das muss ca. 1988 gewesen sein, schenkte er mir Eintrittskarten für ein Gastspiel des bekannten DDR-Schauspielers Eberhard Esche, der Heines „Wintermärchen“ rezitierte, in der Heilbronner Festhalle „Harmonie“. Klingenmaier selbst hatte wohl keine Lust, sich das anzusehen.
Bis heute werde ich seither nicht die Angewohnheit los, sämtliche Zeitungen selektiv nach bestimmten Autorennamen zu lesen, die ich mir automatisch merke, insbesondere dann, wenn ich einen besonders gelungenen oder abgründig schlechten Text gelesen habe.

2) Wie lautet Deine Lieblingsschlagzeile?

Zwei Tage vor dem in England ausgetragenen Fußball-EM-Halbfinale 1996, Deutschland gegen England, erschien die britische Boulevardzeitung „Daily Mirror“ mit der Titelschlagzeile: „Achtung! Surrender! For you Fritz, ze Euro 96 Championship is over.“ Abgebildet waren die damaligen englischen Fußballer Paul Gascoigne und Stuart Pearce, auf deren Köpfe britische Army-Helme aus dem Zweiten Weltkrieg montiert waren. Um die ganze Titelseite (Zeitungskopf, Fotomontage, Schlagzeile) zog sich eine gestrichelte Linie, die auch mit dem Piktogramm einer Schere versehen war und dem Schriftzug „CUT OUT AND HANG IN YOUR WINDOW“. Leser sollten also die Titelseite gut sichtbar für andere in ihre Fenster hängen und so die deutschen Fans verhöhnen. Leider gewann Deutschland damals den Titel.
Ein zweiter Favorit von mir ist die Schlagzeile, die auf Seite 1 einer linken Tageszeitung erschien, als eines Tages (irgendwann Mitte der 90er Jahre) mehrere Politiker/innen von Bündnis 90/Die Grünen, die aus dem Osten stammten, also der ehemaligen DDR, kollektiv zur CDU übertraten. Sie lautete: „CDU recycelt Ost-Flaschen“.

3) Dein peinlichstes Erlebnis auf einer Pressekonferenz?

Als ich während meines Praktikums bei der oben erwähnten „Heilbronner Stimme“ Unverständliches stotternd mit einem Notizblöckchen in der Hand vor der „Lindenstraße“-Darstellerin Marie-Luise Marjan stand (Autogrammstunde in der Heilbronner Kaufhof-Filiale, 1990). Nun gut, das war keine Pressekonferenz. Grundsätzlich warne ich denkende und fühlende Menschen vor dem Besuch von Pressekonferenzen.

4) Wie kann der Journalismus auf keinen Fall gerettet werden?

Das Letzte, was gerettet werden sollte, ist der Journalismus. Denn er ist wie eine unheilbare nässende, juckende und schmerzhafte Hautkrankheit. Und wir sind die Furunkel. Die Prinzessinnen natürlich ausgenommen, versteht sich. Die sind das heilende Balsam (rosa) bzw. Puder (mit Glitzerpartikelchen).

5) Wenn es einen speziellen Himmel für Journalisten gäbe – auf wen da oben würdest Du Dich freuen?

Die Vorstellung, dass es einen „Himmel für Journalisten“ gibt, ist so beängstigend wie die, dass es einen für Militärs und Politiker, insbesondere Sozialdemokraten, gibt. Obwohl: Da wären dann alle beisammen und würden einander ununterbrochen tagein, tagaus zu Tode langweilen, wenn sie nicht bereits gestorben wären. Diese Vorstellung wiederum ist reizvoll.

6) Und wem auf Erden würdest Du am liebsten den Stift klauen?

Vielen. Eigentlich fast allen. Und nicht nur den Stift. Auch alle anderen Gerätschaften, mit denen man Buchstaben aneinanderreihen oder in die man hineinsprechen kann.

7) Welchen anderen Beruf hättest Du Dir noch vorstellen können?

Prinzessin.

8) Dein Wunschinterviewpartner/in?

Ich nenne der Überschaubarkeit halber mal nur 16. Von den Verstorbenen: Bettie Page, Wolfgang Herrndorf, Gisela Elsner, Thomas Bernhard, Dieter Roth, Jan Vermeer, Heinrich Heine, Oskar Panizza. Von den Lebenden: Gerhard Polt, Ror Wolf, Mark E. Smith, Erwin Wurm, Ulrich Seidl, Elfriede Jelinek, David Cronenberg, Prinz Kasimir.

9) Wie würde eine Zeitung aussehen, bei der Du ganz alleinige/r Chefredakteurkönig/in wärst? Und wie würde sie heißen?

Sie wäre ein telefonbuchdickes Magazin, würde „Müllabfuhr“ heißen, wöchentlich im Coffee-Table-Book-Format erscheinen und ausschließlich ausgesuchtes Phrasengestammel, Stilblüten und unfreiwillig komische Textpassagen aus sämtlichen deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen enthalten. Illustriert wäre der kiloschwere Ziegelstein mit unvorteilhaften Nacktfotos der Autor/inn/en der zitierten Texte und Textauszüge. Journalist/inn/en bekämen die „Müllabfuhr“ unverlangt kostenlos zugeschickt.

10) Wenn Gott Journalist wäre, für welche Zeitung tät er schreiben?

Für keine.

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Dieser Beitrag wurde am 1. Oktober 2015 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

Ein Gedanke zu „Der royale Journalistenfragebogen der Prinzessinnenreporter (24)

  1. Alle Achtung. Frage 1. ist ja sehr ausführlich und wohl auch ehrlich beantwortet worden. Leider fällt es bei 4., 7. und 8. dann leider auf das Niveau der Hofberichterstattung der „Heilbronner Stimme“ ab. Wobei Antwort Nummer 9. aber davon zeugt, dass der Befragte sich wohl in der Vergangenheit schon intensiv mit der Materie beschäftigt hat. Also Gesamtnote: Ausreichend.

    Meine Frage: Was ergibt 86+86 ?

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