Die neue Ära Strauss

Von unserem Modetrendscout Robert Friedrich von Cube

Die gute Nachricht: Die Hegemonie der Outdoor-Bekleidung ist vorbei. Die schlechte Nachricht: Jetzt regiert Engelbert-Strauss. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, achten Sie bitte ab jetzt auf den kleinen weißen Strauß auf rotem Grund, der an vielbetaschten Hosen, wetterfesten Jacken, Mützen und Stiefeln prangt. In der Fußgängerzone von Bad Orb, der nächstgrößeren Stadt neben dem Firmensitz Biebergemünd, liegt (nach höchst subjektiver Schätzung, fahren Sie mal hin) die Quote von Engelbert-Strauss-Bekleidung schon bei über 90 %, aber auch im Rest von Deutschland wächst sie unaufhaltsam.

Die Outdoor-Welle war Ausdruck einer elitären Natur-Verehrung, war ein Stück am Leib getragener Himalaya-Urlaub, atmungsaktive Zivilisationsverachtung, war die paradoxe Verkehrung urbaner Überflussmentalität in natur-religiöse Symbolik, denn schließlich stehen technischer Aufwand und Preis in keinem Verhältnis zum Nutzen (auch mal bei Regen auf die Straße zu gehen). Als könnte man durch die anhand der Kleidung zur Schau gestellte Liebe zur Natur bereits jene Macht besänftigen, die sie zu zerstören droht.

Doch in Zeiten, in denen „Gutmensch“ ein Schimpfwort ist, weil man lieber ein Schlechtmensch ist, in Zeiten, in denen Fahrradfahrer nicht mehr die moralische Krönung der Verkehrswelt darstellen, sondern Leute immer noch größere SUVs kaufen, in denen Gemeinden die Stromversorgung des ganzen Landes blockieren, weil sie keine Windräder auf ihren Äckern sehen wollen und in denen statt Weltoffenheit wieder Gartenzäune im Trend liegen, in diesen Zeiten trägt man nicht mehr Expeditions-Ausrüstung, sondern Arbeitskleidung.

Der Engelbert-Strauss-Träger ist kein Mahner, sondern ein Macher. Der Zollstock ragt ihm noch aus der Seitentasche, der Baustaub hängt in den Kniepolstern. Diese Menschen sind immer am Bauen. Ihnen gehören mehrere zusammenhängende Höfe mit Anbau und dann noch ein Haus hinten im Neubaugebiet. Sie kaufen und vererben und errichten Häuser am laufenden Band. Sie leben noch in den Großfamilien, die der Outdoorjacken-Träger nur in seinen Paläo-Fantasien kennt. Der Cousin ist Elektriker und macht die Verkabelung. Dafür hat man bei ihm das Bad gemacht.

Der Fjallräven-Radler kennt solche Leute nur, wenn sie seine Heizung reparieren. Dann ärgert er sich, dass sie Dinge sagen und können, die er nicht versteht, dass sie wie selbstverständlich dieses Ding auseinandernehmen, das Gas in Umweltgift verwandelt (und in etwas Wärme für die Altbauwohnung). Oder wenn er seinen Volvo in die Werkstatt bringt. Dort schrauben sie ölverschmiert an dem Euro-6-Motor herum und drehen ihm eine kostenlose Achsvermessung an, aber erkennen gar nicht, dass Autos weg müssen und er, der Fjällräven-Mensch, wann immer es geht, mit dem Fahrrad fährt.

Und er hat Recht: Diese Leute denken gar nicht daran, auf ihr Auto zu verzichten. Der Engelbert-Strauss-Gekleidete hat gleich mehrere. Den Traktor braucht er nur noch ab und zu, es gibt ja noch ein Feld mit Kirschen. Aber er hat auch einen SUV und er fährt damit sogar wirklich über Feldwege, aber natürlich vor allem auf der Straße und weil er ein Mitglied des Mittelstandes ist, kann er sich stets das neueste Modell leisten und tut das auch und er steht auf PS und dann hat er noch den alten Opel, den er selbst reparieren kann, Öl an der Arbeitshose, Öl an den Händen und mit diesen Händen hält er keine Bücher sondern er schaut Trash-Fernsehen, auf einem riesigen Gerät (der Radler hat auch ein riesiges Gerät, aber er guckt nur Ausgesuchtes aus der Mediathek).

Die Leute in der Arbeitskleidung, die mit dem kleinen weißen Vogel auf rotem Grund Einzug in die allgemeine Mode hält – kostspieliger Kleidung, wohlgemerkt, der Leiharbeiter aus Osteuropa kann die sich nicht leisten –, in Strauss-Kleidung also, die sie jetzt immer öfter und immer selbstverständlicher auch in der Innenstadt tragen, diese Leute zweifeln nicht. Die sprechen ihren Dialekt und lachen über Hochdeutsch. Die bauen noch ein Haus und brauchen keine Mietpreisbremse. Die fahren ihre riesigen Autos ohne schlechtes Gewissen. Die sorgen für das Wohl ihrer Familie, die sorgen für Geld und reparieren den Zaun und bauen an und notfalls bauen sie größere Zäune und Mauern mit Stacheldraht oben drauf und wählen die AfD und vielleicht sind sie noch nicht mal böse, keine Schlechtmenschen, aber sie sind ganz sicher auch keine Gutmenschen und für sie zählt, was gut für sie selbst ist und nicht, was gut für die Menschheit ist. Das ist jetzt der Trend, meine Damen und Herren, gucken Sie sich nur um.

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