Ein Nachmittag mit Jessye Norman

Eine postume Erinnerung an den Opernstar Jessye Norman, der wie die Prinzessinnen schöne Dinge mochte. Von unserem Starreporter Harald Nicolas Stazol

Da hat ihr jemand, vermutlich einer der zahllosen Verehrer, wieder einmal etwas geschenkt. Eine kleine Schachtel. Noch verschlossen. Nach einer Schere wird gefragt. Doch sie sagt: „Nein, mit Kraft.” Und reißt die Verpackung, eine enge Verpackung, einfach auf. Geschenke sind immer von Peinlichkeit umwölkt, noch weiß sie nicht, was darinnen, der Konzert-Manager sagt, „Jessye, sie haben ein Parfum nach dir benannt, Jessye Norman”, und sie blickt auf, und gurrt, jetzt ist der Ton wirklich ganz hinten unten in ihrer Kehle, da, wo man lange den Sitz der Seele vermutet hat: „Ist das nicht gut? Ist das nicht schön? Sehen Sie, sehen Sie, ist das nicht schön?”

Sie hält die kleine, zerbrechlich durchscheinende Flasche in ihren Händen, ein paar Rosenblätter sind noch herausgefallen, links und rechts aus der kleinen Schachtel, und riecht daran und reicht es herum, gurrend, mit diesem wunderbaren Ton, dem reinen, gerührten Vergnügen: „Ohhh, ist das nicht gut? Ist das nicht schön?”

Dann holt sie einen eine Woche später, da singt sie Strauss-Lieder, die berühmten, die sie berühmt gemacht haben vor Jahren und ein bißchen auch Richard Strauss, holt sie im Atem des drittletzten Liedes — obwohl sie doch achtzig Meter entfernt auf der Bühne steht von einem roten Seidenschal umhüllt, wehend, wie ein Feuersegel — da holt sie einen dicht heran. Zoomt den ganzen, großen Saal zusammen zu einem ganz kleinen Kistchen. Man fühlt sich ganz nah an ihren Lippen und diesen unfassbar weißen Zähnen und den feingeschnitzten Zügen aus Ebenholz. Und vergißt sich. Vergißt, daß da wieder Huster waren. „Oh, die Leute müssen sich bemerkbar machen, neuerdings”, hat sie in London noch gesagt. Und dass man immer von der Vergangenheit spräche, immer vom Vergangenen.

„Als ich anfing”, das war im Dezember 1968, als sie ihr Debüt gab, „Elisabeth” im „Tannhäuser”, beginnt sie in ein Fauteuil gelehnt in einer Londoner Suite, nicht weit von ihrere kleinen Wohnung in Belgravia — „da habe ich das Glück gehabt, das Publikum von Fischer-Dieskau” — den habe sie sehr verehrt, sagt sie, sehr, sehr, sehr! — „das Publikum von Elisabeth Schwarzkopf und Hermann Prey, diese Leute waren noch da.” Man sieht sie jetzt gleichsam alle förmlich nicken, im ewigen Halbdunkel jenes unendlich weiten, unendlich stillen Konzertsaals. Jene Zuhörer von damals. Und warten. Leise, leise, warten, darauf, dass sie anhebt. Diesen unendlichen Ton. Den sie bedient, wie andere Menschen wohl nichts bedienen können in ihrem Leben: Mit der Leichtigkeit, wenn der Wunsch schon Gedanke war und sofort zum Tun wird. Wie man es von großen Künstlern kennt. Oder von ganz kleinen Kindern.

„Die Leute, die das alles verstanden haben. Die konnten einfach stundenlang sitzen und diese Lieder anhören”, sagt sie. Damals, als sie noch völlig unbekannt war und die Jury des Münchner Musikpreises einfach hinwegfegte, sämtliche Maßstäbe, so schrieb es die Süddeutsche Zeitung am 27. Oktober 1969, „über den Haufen sang”. Noch immer ist sie jetzt in Erinnerung versunken, sagt leise „ich habe das Publikum gefunden, zehn oder fünfzehn Jahre lang, und wir haben zusammen Musik gemacht. Aber jetzt!” Draußen, vor dem Londoner Hotel geht in diesem Moment ein Regenschauer nieder, es donnert, Jessye Norman sieht zum Fenster hinüber, kein bißchen überrascht, dass die himmlischen Mächte ihr Entsetzen über das heutige Konzertpublikum offenbar teilen. Der Widerschein eines Blitzes zuckt über ihr noch immer schönes — 55 Jahre alt ist sie nun, auch wenn Altersangaben bei Sopranistinnen Gotteslästerung gleichkommen — ja, ihr immernoch schönes Gesicht. Gerade ist man dankbar, dass sie dieses Publikum gefunden hat, unendlich dankbar. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie gerne Kunstpausen macht, von denen man nie weiß, ob, wann und wie sie zu unterbrechen sind. Noch eine Frage vielleicht? Einfach nur nicken? Oder den Kopf möglichst überhaupt nicht bewegen? Mit niedergeschlagenen Augen dasitzen und aufs Diktiergerät starren. Solange, bis sie wieder anhebt. Draußen zieht das Gewitter vorüber.

Wenn sie nicht gerade wie ein Glückskind wirkt, redet sie über Trauer und Schicksalsschläge, als hätten sie nichts Bedrohliches. Als müßte man sie hinnehmen, wie man eben ein Gewitter hinnimmt, Schwierigkeiten auf dem Walkürenfelsen zu Beginn des Dritten Aktes, und Blitzlichter während einer Arie: „Können Sie sich vorstellen, wie sehr das schmerzt, wenn sie auf der Bühne einen Blitz sehen! Die kommen mit Fotoapparaten und Mobiltelefonen — die wissen überhaupt nicht, was sie mit sich tun sollen!” Als sie die „Vier Letzten Lieder” zum ersten Mal singt etwa, im Jahr 1972 in Kopenhagen, ist gerade ihr Vater gestorben. Unmittelbar sagt sie das, und man blickt plötzlich tief in sie hinein. Unvermittelt, wie wenn man über eine Bergkuppe kommt und vor sich eine Schlucht hat.

Es muß diese Eigenschaft sein, die ihr Liedinterpretationen von großer Leidenschaft ermöglicht. Diese Art der Überraschung im Gespräch, die nichts Aufgesetztes hat und das Gegenüber wie nebenbei tief anrührt. Eine gewisse Unschuld liegt in ihren Worten, aber wenn sie ungewiss in die Ferne sieht und einen Satz nicht beendet, dann ist da plötzlich das unbestimmte Gefühl, einer Operndiva ausgeliefert zu sein, deren Realität nicht mit Gewitterregen einzuholen ist: „Und das war fast unmöglich, und natürlich hat das an dem Abend eine besondere Bedeutung für mich gehabt. Ich könnte diese Lieder jede Woche singen, das mache ich natürlich nicht. Aber ich finde jedesmal etwas anderes zu tun, eine andere Nuance. Ich glaube, sie sind lebendig.” Natürlich, wenn sie singt! Mit ihrer Stimme Töne wie Kleiderschränke abstellt mitten vor einem im Raum! Unendlich ziselierte Barockkleiderschränke mit winzigkleinen Schubladen, von denen sie manchmal eine aufmacht und manchmal, wenn sie keine Lust hat, sie einfach geschlossen läßt. Den Inhalt niemandem zeigt.

Ein Verdacht glimmt über allem: Dass die große Zeit ihrer Triumphe verklungen ist. Auch wenn es über sie heißt, sie habe „den Zenit ihres Könnens nach übereinstimmender Kritikermeinung noch nicht überschritten”. Dass sie selbst es ahnt und hinnimmt, weil sie zu klug ist, um lange dagegen anzukämpfen und sich zu wehren, diese starke Frau. Und vielleicht ist es ja auch deswegen, dass sie sich nun verstärkt neuen Projekten widmet. „What shall I do the rest of my life” heißt eines der Lieder von Michel Legrand, das die Norman gerade eingespielt hat: „Ich habe ihn vor fünf Jahren kennengelernt, und wir haben uns zusammengesetzt und erst mal nachgedacht, welche Lieder von den vielen ich eigentlich von ihm singen wollte. Das hat ein bißchen gedauert. Und ich wollte die ja auch nicht singen, wie eine Opernsängerin. Das ist doch uninteressant.” Schuberts Winterreise will sie machen, mit Robert Wilson in Paris, „auch so ein Genie, was der auf der Bühne macht, also, das gibt es gar nicht”. Und einen Film würde sie gerne drehen. Was für einen? „Einen guten!” Sie lacht, aber als Scherz war das gerade nicht gemeint.

Und dann ist da noch ein Lieblingsprojekt. Eines, dass sie ganz bewegt, ihr wirklich, wirklich am Herzen liegt: Duke Ellington! Wenn sie von ihm spricht, seinen „sacred concerts”, die er am Ende seines Lebens geschrieben hat, tief-religiöse Musik, geschöpft aus dem reichen Repertoire des Jazz, da flammt sie wieder auf. Mit diesen großen, schönen Augen. „Wie liebe ich ihn! Ich habe fast zehn Jahre lang darüber nachgedacht! Er hat ja drei verschiedene ´sacred concerts´ gemacht, das sind sechzig bis siebzig Melodien. Ich wollte daraus ein Programm machen und habe die Lieder ausgesucht, die Reihenfolge festgelegt.” Sie beugt sich vor in ihrem Sessel. „Mit wem? Mit Chor, mit Streichquartett – er hat Streichquartett nie gemacht – aber ich wollte zeigen: Für mich ist diese Musik so pur, so rein, so schön, so wirklich” – wieder eine dieser Kunstpausen, Atemzug — „schön, dass sie mit Cello genau so gut klingt wie mit Saxophon. Er hat so tief geglaubt. Für mich ist Ellington eine Klasse für sich.”

Sie ist nun ganz lebendig. Ein junges Mädchen von irgendwoher, die kleine Jessye, da sprudelt es aus ihr heraus: „Hören Sie, es gibt eine Melodie, die heißt ´The Majesty of God´, die klingt wie eine Tonfolge von Schönberg, ganz moderne Musik, die geht so:” Und dann singt sie ein kleines Lied, diese Jessye Norman. Nur für einen, hier in der Londoner Hotelsuite, ganz privat. Die Zeit steht still. Das also ist ihr Geheimnis. Sie singt, hält Ton und Pulsschlag einfach an. Ist das nicht schön?

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