Frau S. äußert sich … über ihre Gedanken

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… und zieht ein Resümee

6. und letzte Folge einer Miniserie von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Ihr sei nicht klar, ob sie mehr betrübt oder ernüchtert sei, sagte Frau S., vom Leben eher belehrt oder verstört, oder sollte sie sagen, vom Alter gezeichnet? Das fange schon damit an, dass ihre Gedanken zwar das Leben als Ganzes umfassten, aber womöglich nur ihr Alter ausdrückten. Alte Leute neigten nun einmal zu Sentenzen, wer habe als junger Mensch bei Jubiläen und Familienfeiern nicht darunter gelitten! Wer also jung sein oder scheinen wolle, der müsse konkret bleiben und sich ans Heute heften, als wenn es kein Morgen gäbe.

Sie bilde sich aber ein, dass es um mehr gehe als bloß um das Alter. Im Wechselspiel oder Kräftespiel  zwischen ihr und ihren Gedanken habe sich etwas geändert. Früher seien sie beide eins gewesen. Umso natürlicher der Abstand zwischen ihr und der Welt; in melancholischer Stimmung kam er ihr wie ein Abgrund vor, aber auch das war noch eine Art, wie solle sie sagen, ihr Wohlbefinden auszudrücken. Heute wüssten ihre Gedanken dagegen kaum noch, wer sie denkt. Wie Fledermäuse schössen sie ihr durch den Kopf, Abgesandte oder Ausgeburten einer Welt, in der sie früher gelebt habe wie die Made im Speck; solle heißen, die Welt ihr Speck.

Das habe mit dem Alter nichts zu tun; die Wahrnehmung ja, der Sachverhalt nein. Verzichte sie darauf, sich in der Welt auszudrücken, dann werde klar, wie verschieden sie und die Welt sind. Sich in ihr auszudrücken ging von einem Zusammenhang aus, der so gar nicht existiert!

Auch die Dinge hingen nicht in der Weise zusammen, wie sie das immer gedacht habe, sei sie doch davon ausgegangen, dass sie sich untereinander verknüpften. Einen Bezug herzustellen sei vielleicht nützlich, eine Übereinstimmung zu erkennen aber mache glücklich! Darum hatte ihr Zugang etwas Neugieriges, nicht etwas Eingreifendes, und die Freude an der Erkenntnis erwuchs aus der Betrachtung. Natürlich habe sie gewusst, dass man die Dinge so und so sehen kann, also konnten sie gar nicht so verknüpft sein, wie sie das in der Schule gelernt hatte. Aber die Abweichung fiel doch noch unter das Kapitel Variationsbreite und änderte nichts an der Grundvoraussetzung: dass ein Zusammenhang existiert. Jetzt sehe sie nicht nur, wie haltlos diese Annahme sei. Sie wundere sich vor allem, dass sie an sie geglaubt habe wie an das berühmte Amen in der Kirche. Die Dinge, recht betrachtet, hätten doch gar nichts miteinander zu tun, ihre Verbindung gehe auf das Konto dessen, der sich ihrer annehme. Ohne ihn seien sie – frei!

Sie könne sich ihre Blindheit nur damit erklären, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht deutlich genug von den Dingen unterschieden habe. Sie habe ihren Blick vom Bewusstsein beherrschen lassen, während sie ihn auf die Dinge richtete, so dass sie ihnen zuschrieb, was ihm zukam, und sie also „Bewusstseinsdinge“ sah, die waren nun einmal verknüpft. Wenn sie dagegen in einem unkontrollierten Augenblick von sich absah, dann kam es ihr vor, als wenn sie in den Sternenhimmel blickte. Ein Anblick, um sich zu verlieren – wow! Nicht ohne Bedauern habe sie sich abgewendet. Dem alten Menschen sei es zwar angemessen, die Welt einmal nicht durch die Brille der eigenen werten Person zu sehen, aber vor Ekstasen solle er sich hüten, und die Sterne ermüden.

Womit sich also beschäftigen? Doch mit den Erinnerungen? Aber unter dem zersetzenden Blick des Skeptizismus bekämen auch sie etwas – Skeptisches.

Unangenehm nur, sagte Frau S., dass auch ihre Verstandesfunktionen nicht so verlässlich arbeiteten, wie sie das immer geglaubt habe, glauben jetzt mal im religiösen Sinn aufgefasst: dass man davon ausgehen kann und nicht dahinter zurückgehen muss. Sie meine nicht das klassische Blackout, das ihre Lieblingsseite im Internet als die, sie deklamierte, „absolute Geistesabwesenheit und die daraus resultierende Erinnerungslücke“ bezeichne, sondern ein Moment von Willkür, man könne es wie gesagt auch Freiheit nennen. Ihr gehe es aber um, ach, wenn sie es nur ausdrücken könnte! Genau genommen handle es sich bloß um die verlorene Einheit mit sich selbst und den eigenen Irrtümern, die vor allem seien ihr lieb. Ans Herz gewachsen seien sie ihr, sie müsse mit ihnen ihr Herz herausreißen. Diese Einheit, nämlich, simple Voraussetzung eines unspektakulären Alltags, erlebe sie jetzt als Illusion. Es sei, wie wenn man bei einer Brille ständig das Gestell sieht. Man denkt, man sieht etwas, und dann merkt man, dass es das Gestell ist. Wie eine Mauer umrahmt es den winzigen Ausschnitt, rückt ihn in die Ferne. In guten Momenten verspüre sie sogar eine gewisse Befriedigung, immerhin weiß sie jetzt etwas, was sie vorher nicht wusste. In schlechten komme sie sich vor, als wäre sie nicht mehr imstande, in einen vernünftigen Bezug zur Welt zu treten, und gehöre entsorgt. Die Welt zerfällt, möchte sie sagen, wenn sie einen Augenblick nicht daran denkt, dass womöglich sie zerfällt. Dann denke sie doch wieder an das, was ihr und der Welt zugrunde liegen muss. Da sie mit der Schwärmerei, der Geisthudelei aufgeräumt hat, könne sie es sich nur sächlich denken. Prompt habe sie wenig damit zu schaffen, wenn auch, daran klammere sie sich, nicht nichts.

Frau S. lächelte, die Erinnerung trug sie davon. Sie müsse an ihre ersten philosophischen Lektüren denken, im Proseminar für Lehrerkandidaten. Gewollt anspruchslos war das nicht, da sie von engagierten Philosophen unterrichtet wurden. Sie wolle sich nicht vorstellen, was die über ihr Pflichtdeputat redeten! Sie, jedenfalls, habe Feuer gefangen. Dass man den Dingen auf den Grund kommen müsse, so habe sie die Botschaft verstanden, und sich den Vorgang als ein Ausmisten vorstellt, nicht als eine Anschaffung, eher wie eine Abmagerungskur. Es habe sie daher genervt, dass noch die größten Philosophen, kaum hatten sie des Rätsels Lösung gefunden, nichts Eiligeres zu tun hatten, als die Formel durch Nachsätze wieder aufzufüllen. Auch sie müsse ein Problem wieder aufleben lassen, das sie doch eingangs bereits gestreift habe in der Hoffnung, dass es damit gut sei. Aber so einfach sei das nicht. Es gebe nun einmal diese besondere Nähe des Alters zum Gehirn, und damit meine sie keineswegs nur, dass es versagt. Vielmehr die übertriebene Bedeutung, die es im Alter erlangt, wo es ein Gewicht erhalte, wie es unter normalen Umständen nicht möglich und auch nicht üblich sei.

Was sie mit normalen Umständen meine − sie lächelte −, wolle sie auf einen Nachsatz zum Nachsatz verschieben. Hier gehe es um den Hang zum Resümee, zum abschließenden Urteil oder, wie sie es eingangs ausdrückte: zur Sentenz. Auch zum Kalauer oder zum Aperҫu, das einem die Welt aufschließt.

Sie kenne diesen Hang von sich nur zu gut. Gern wüsste sie, ob er mehr einem Bedürfnis des Gehirns oder des Alters entspreche. Ob das Alter einen Schluss über das Leben zulässt oder nur über sich. Ob das Gehirn, ohnehin von eher zementartiger Beschaffenheit, im Alter unelastisch und bröckelig, nicht so etwas wie eine Notration sei, etwas, worauf man zurückgreife, und nicht einmal auszuschließen, dass es erst herstelle, was es sodann begreift.

Sie wüsste das schon gern. Denn das Alter sei zwar nur eine Randerscheinung des Lebens, aber leider eine invasive Randerscheinung. Auch das Resümee sei eine invasive Erscheinung, und sie wisse einfach nicht, was wichtiger sei, sich mit ihm zu befassen oder es ein für allemal aufzugeben. Auf die Abrisse und die letzten Worte zu verzichten, auch auf alles, was sich dazwischen ergibt an Thesen, Merksätzen und Testamenten. Ein vielleicht nicht religiöses, aber doch endzeitliches Gefühl sei ja immer dabei.

Für andere möge das anders sein, aber was sie betreffe, deute allein die Tatsache, dass das Gehirn sie enttäuscht habe, weder darauf, dass sie von ihm einen ganz und gar anderen Gebrauch machen oder aber sich an seiner Stelle auf ihre Hände und Füße verlassen solle. Im einen Fall spreche ihre Neigung, sich festzufahren, im andern ihre angeborene Ungeschicklichkeit und Tollpatschigkeit dagegen. In beiden Fällen müsste sie sich schon gewaltig umstellen, denn sie sei es nun einmal gewohnt, bei jedem Problem zuallererst ihr Gehirn zu befragen. Nicht, dass sie ihm immer folge, weit gefehlt, aber der erste Impuls ziele doch in die Richtung. Dieser Weg sei gebahnt. Dass es auch anders gehen könne, sei für sie eine schwierige Vorstellung. Da müsste schon etwas passieren, wovon sie nicht absehen könnte, ein Wink mit dem Zaunpfahl, sozusagen. Sich mit dem Verstand gegen den Verstand zu entscheiden, davon halte sie wenig. Das Angebot müsste von der Wirklichkeit kommen.

Vorschau: 2. Staffel „Frau S. äußert sich über ihre Gewohnheiten, Gewissheiten usw.“  in Vorbereitung, 3. Staffel „… über  ihr Getriebensein“ in der Planung.

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