Griechische Morgenröte

von unserem Gastautor Benjamin Weissinger,
der sich mit diesem Text zum royalen Demokratiebeauftragten qualifiziert hat

Wenn ich am heiligen Sonntag schon vormittags aufstehe, dann nur aus einem Grund: Um zu wählen.  Die Wahl ist nicht nur ein Grundrecht.  Wenn ich mir überlege, wieviele Wahlberechtigte es gibt, die absolut keine Ahnung haben, wo sie ihr Kreuz machen sollen oder um was es überhaupt geht, müssen gerade Menschen von gewissem Stand und gewisser Bildung, also mit entsprechenden Einblicken in die Mechanismen unserer Gesellschaft, Verantwortung übernehmen und die nötigen Entscheidungen erzwingen.  Das ist ihre demokratische Pflicht, und somit auch und vor allem meine. Als ich vor einigen Tagen nebenbei im Radio hörte, es gehe dieses Mal um die Frage, ob Griechenland überleben solle oder nicht, fiel mir die Entscheidung noch leichter. Ich weiß garnicht, wie man dagegen sein kann, dass ein so geschichtsträchtiges Land wie Griechenland überlebt.

Im Fußballsport spricht man ja von Traditionsvereinen. Griechenland ist eindeutig ein Traditionsland. Sokratis, heute Fußballspieler beim BVB, war vor vielen tausend Jahren einmal ungefähr der Name eines der bedeutendsten Dichter und Denker der Weltliteratur. Die Spartaner haben Europa einst – und das müssten sogar Menschen wissen, die keine Bücher lesen, sondern nur Filme schauen können – vor dem Durchmarsch der Perser bewahrt und dafür mit ihrem Leben bezahlt. Alexander der Große ritt mit Elefanten über die Alpen, als wäre es nichts. Ein Brad Pitt spielte Achilles. Die Griechen schenkten uns die Olympiade und die Philosophie, Salome und Antigone, Alpha und Omega. Natürlich soll und muss Griechenland leben. Ich werde für ein klares „Ja“ aus Deutschland sorgen.

Umso verärgerter bin ich, als ich vor der Grundschule, in der hier immer gewählt wird, vor verschlossenen Türen stehe. Auch mehrmaliges Rütteln, Klopfen und Rufen hilft nicht. Niemand reagiert, niemand fühlt sich verantwortlich. Es hängen auch keine Bekanntmachungen mit etwaigen Erklärungen aus, oder Hinweise auf Notwahllokale, auf die man ausweichen könnte. Nichts. Zwei Kinder fahren mit Freizeitkleidung über den Schulhof und verwandeln ihn in eine Rennbahn.

Ich rufe laut: „Wird hier heute nicht gewählt?!“

Die Kinder glotzen zu mir rüber und antworten nicht. Das ist unerhört.

„Fahrt ihr bitte mal sofort nach Hause und fragt eure Eltern, ob hier heute gewählt wird, und wenn nicht, wo man da sonst hin muss?“

Es wird weiter wie irre im Kreis gefahren, ohne dass einer antwortet. Sie schauen sich nur keuchend an und rasen dann plötzlich vom Hof. Ich habe das Gefühl, dass sie überhaupt nicht fragen werden, bin aber auch froh, dass sie weg sind. Auf der Suche nach einem ansprechbaren Passanten gehe ich durch eine vollkommen verlassene Straße. Ich kann das alles nicht glauben. Ist den Deutschen denn völlig egal, was mit Griechenland passiert? Steifen Schrittes gehe ich in einen Bäckerladen. Drei-vier Kunden vor mir. Hier steht man also an in diesem Land, aber nicht vor den Wahlurnen. „Entschuldigen Sie bitte“, meine Kinderstube trotz meines berechtigten Zorns nie vergessend, „dürfte ich fragen, wo hier heute über Griechenland abgestimmt wird.“ Die Leute drehen sich um und schauen mich fast genauso an wie diese Kinder. Nach einer äußerst unangenehmen Pause sagt die vierschrötige Bäckersfrau hinter der Theke mit ausdrucksloser Miene: „Also hier nich.“

Ich stürme aus dem Laden und bin so wütend, dass ich eigentlich nur noch nach Hause will. Vielleicht kann man ja auch am Montag noch per Briefwahl abstimmen. Oder es gibt eines dieser Televotings, wie bei dem Song Confest. Der ist ja auch europäisch. Eine junge, nett aussehende Frau kommt mir entgegen. Ich starte einen letzten, verzweifelten Versuch.

„Entschuldigung, Sie wissen doch von der Griechenlandwahl?“

„Ja, sicher.“

„Ja, eben, gut. Und ich suche verzweifelt das Wahllokal.“

„…achso…ja, nee. Da stimmen ja heute nur die Griechen ab. Nur für Griechenland.“

Ich kämpfe dagegen an, wie mir die Röte ins Gesicht schießt und tausend Gedanken strömen mir durch den Kopf. Hab ich da was falsch verstanden? Was für eine Blamage. Das ganze Viertel wird bald darüber lachen. Ich könnte wegziehen. Aber ist das überhaupt meine Schuld? Wie kann es eigentlich sein, dass ich bzw wir Deutschen bei einer so wichtigen Frage nicht mitstimmen dürfen? Das ist mir unbegreiflich. Da höre ich die junge Frau noch etwas sagen.

„Aber wenn ich hier mitstimmen dürfte, würde ich auf jeden Fall ‚Nein‘ stimmen.“

Jetzt wird mir richtig übel. Ich wackele ohnmächtig mit dem Kopf, empfehle mich und gehe schnurstracks nach Hause. Mit „Nein“ würde sie stimmen. Mal eben so aus der Ferne, über die Köpfe der Griechen hinweg, gegen das Recht auf Fortexistenz des großen Griechenlands. Wenn alle jungen Leute so denken, ist es vielleicht doch besser, wenn bald überhaupt nicht mehr gewählt wird. Für viele ist das einfach nichts. Aus der Geschichte nichts gelernt. Für heute habe ich genug von Politik und Gesellschaft. Ich schaue aus dem Fenster in die flirrende Ferne. Es ist warm in Kaltland.

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