Kant oder Sex

Macht hat in den heutigen Debatten den skandalösen Status von etwas, was nicht erklärt werden muss, und Sexualität – überhaupt keinen Status. Da ist unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil der alte Trieb lieber

 

Kant fällt mir ein. Wenn er die Ehe als eine vertragliche Übereinkunft zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge beschrieb, so diskreditierte er sich damit bei allen fühlenden Menschen – so nannte man sie in der hohen Zeit der Literatur −, die sei’s von der Ehe, sei‘s vom Sex mehr erwarteten als das, was ein trockener Vertrag oder ein sachlicher Gebrauch zu bieten haben.

Von der Ehe oder vom Sex? Solange letzterer im Rahmen der ersteren stattfand, brauchte die Zweideutigkeit gesellschaftlich nicht zu beunruhigen. Vertrag oder Gebrauch? Solange die Geschlechtswerkzeuge im schützenden Rahmen einer vertraglichen Vereinbarung wechselseitig gebraucht wurden, war das eine vom andern in seiner fatalen Wirkung kaum zu trennen. Denn das per Übereinkunft erworbene Recht legte sich wie der sprichwörtliche Tau auf die Lust. Der Gebrauch aber, wie alle Praxis, barg noch etwas nicht Vorhersehbares, einen sprengkräftigen Frust, auch eine überraschende Befriedigung. Letztere ging nicht vom vertraglich gezähmten Partner aus, sondern vom – Sex. Er war der Dritte, der in der Ehe wenig zu lachen hatte, aber, selbst noch vertraglich an die Kette gelegt, gelegentlich Laut gab, was Sigmund Freud zu der bekannten Schlussfolgerung trieb, dass der Mensch ein unermüdlicher Lustsucher sei.

Warum mir Kant, und ausgerechnet bei diesem Thema, einfällt? Weil  er auf die seltsamste Weise in die neueste Zeit zu reichen scheint, muss man an seiner Definition doch nur ein Wörtchen ändern, damit sie in die heutige Diskussion passt: Nicht die Ehe, die überholte, ist eine Vereinbarung zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge, sondern Sex. Also: Sex ist eine Vereinbarung. Passt doch.

Nur wenige Begriffe sind involviert, dennoch ist es schwierig, die Übersicht zu behalten. Um nur eine Frage u. a. zu stellen: Ist Sex tatsächlich bloß ein Verfahren, mit Kant zu reden, ein zu regelnder Gebrauch? Aktuelle Debatten könnten darauf hindeuten, allein schon dadurch nämlich, dass in ihnen die Frage, was Sex denn sei, noch weniger vorkommt als bei Kant, bei dem Sex immerhin der wechselseitige Gebrauch usw. ist. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass seine heutige radikale Reinigung von allem, was mit Macht und Manipulation zu tun hat – vergleichbar der christlichen Reinigung von allem, was nicht der Fortpflanzung dient −, nur durch eine ebenso radikale Abwendung von der Frage gelingt, was Sex eigentlich ist. Denn sonst würde man ja darüber debattieren hören. Aber davon in den Debatten kein Wörtchen. Um beim Umgang in Sachen Sex einen Fortschritt zu erzielen, muss man, so scheint es, auf die Anerkennung des mit dem Begriff zumindest behaupteten Sachverhalts verzichten. Vielleicht ist Sex ja auch eigentlich nichts, nicht mehr also als der wechselseitige Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge, und alles, was wir sonst mit ihm verbinden, ist jenes andere, Macht, nämlich, Männlichkeit, und so fort. Ist er aber auch nur ein Tick mehr als nichts, dann stellt sich die Frage, was, sowie die andere, was man mit ihm anfängt. Man tut so, als wäre er nichts, und regelt ihn dann?

Wenn man bei Kant und dem wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge gelandet ist, ist man hinter Freud zurück-, statt über ihn hinausgegangen. Wo heute eine Lücke klafft, da steht bei Freud Trieb. Wenn man nicht hinter Freud zurück, sondern über ihn hinaus will, muss man sich also mit seinem Triebbegriff auseinandersetzen. Grund genug gibt es sicher, ist er doch nicht nur eine gigantische theoretische Konstruktion, sondern muss auch ein Spiegel jener schlechten Zeit sein, die in den heutigen Debatten überwunden werden soll. Immerhin kann man diesen Begriff nicht an die Stelle der Ehe setzen und sagen: Trieb ist eine vertragliche Vereinbarung zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge. Also muss doch etwas an ihm dran sein, was über pure Technik hinausgeht. Natürlich könnte man mit Kant sagen: Die Ehe ist ein Vertrag zur Bändigung des Triebs. Das wäre, unter heutigen Gesichtspunkten, so richtig wie unerheblich, denn die Geschichte, zumal die neuestens aufgedeckte, hat ja gezeigt, wie wenig das klappt, und Freud hätte auch bereits gesagt, warum. Es geht also um den Trieb, denn er allein ist das Gegenteil von Vertrag, von einem ganz anderen Kaliber übrigens auch als der Geschlechtsakt, den er, deshalb ein wahrer Antagonist jeglicher christlichen Fortpflanzungsethik, nur als eine seiner möglichen Befriedigungsarten kennt. Aber, die aktuellen Aufarbeitungen von sexuellem Missbrauch deuten darauf hin, ist nicht auch Macht das Gegenteil von Vertrag und Manipulation, als Missbrauch jeglichen Vertrags, geradezu die rechte Hand des Teufels? Ja, wenn man der Macht einen Trieb-Status zuerkennt, denn sonst hat man sie nicht erklärt, und wenn man sie mit dem Trieb erklärt, müsste man ja als erst einmal den Trieb erklären. Freud erklärt ihn mit einer unkündbaren Verklammerung mit der Sexualität. Und womit erklären wir ihn heute? Wie mir scheint, hat Macht in den heutigen Debatten den skandalösen Status von etwas, was nicht erklärt werden muss, und Sexualität – überhaupt keinen Status. Da ist mir der alte Trieb lieber. Man kann ihn nicht weg erklären, aber man kann ihn erklären.

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Dieser Beitrag wurde am 17. März 2020 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

Ein Gedanke zu „Kant oder Sex

  1. Die Ehe ist ein Institut des Privateigentums. Klingt wie böse-böse, aber eine Geschichtsauffassung als reine Abfolge von Unterdrückung ist als ein Erratum der 68er-Generation anzusehen. – Was nicht heißt, es gebe keine solche. Nur ist eben nicht Unterdrückung, sondern die Ökonomie das treibende Moment.

    Lesetipp, Joachim Fernau: Und sie schämeten sich nicht, siehe dort insbesondere das Mittelalter. Entgegen seinem Ruf recht liberal.

    Was den Sex anbetrifft: er beherrscht uns, so oder so, no way out – fügen wir uns also ins Unerbittliche und vögeln entspannt weiter.

    Zu Freud und Kant sag ich nix, bin weder Philosoph noch Psycho. Ich ehre und achte sie, aber gehe eigene Wege.

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