Kleine Mantelkunde

Unser Kolumnist im Mantel, Paris 2002. Photograph by Kathryn Millan

 

Bevor wir den Mantel der Geschichte bemühen wollen, wollen wir uns der Geschichte des Mantels widmen – denn steht nicht der Winter vor der Tür, meine Herren? Und da Sie ja auch im Winter irgendwann vor die Tür werden gehen müssen, hier ein kleines Brevier darüber, wie Sie sich zu diesem Behufe zu gewanden haben.

Von unserem Modezar Harald Nicolas Stazol

Dass ausgerechnet Harris Tweed zu den besten gewirkten Stoffen der Welt gehört, sehe ich fast schon als persönliches Kompliment. Zu einem ebensolchen, am besten sechsfach geknöpften, klassisch in schmaler Silhouette geschnittenen Tweedmantel in Grau oder Creme oder sogar rötlich gehalten kann nur geraten werden, schon aus dreierlei, auch Greta-gerechten Gründen: Tweed ist praktisch unzerstörbar. Es empfiehlt sich sogar, bei nassem Wetter darin auszugehen, denn die gewirkten Wollfäden ziehen sich wie ein Haute-Couture-Kleid wie maßgeschneidert auf dem Körper zusammen – um diesen Effekt des alternden, wettergegerbten Tweeds, meist in Fischgräte, hervorzubringen, sollen ihn manche Gentleman an einen Baum im Park in den Regen gehängt haben, aber der Effekt ist einfach nicht derselbe. Kurz: Ein guter Tweedmantel ist eine Anschaffung fürs Leben. Kurz? Nicht zu kurz sollte der Mann sein, wenn er etwa einen Blouson trägt, womöglich in hellen Farben, wattiert und kuschelig – allein: Blousons bergen die Gefahr, die Proportionen zu verschieben, was nicht immer schmeichelt, hier sei ein schwarzer oder dunkelblauer Kurzmantel empfohlen, nicht zu verwechseln mit dem ewigen Klassiker des Dufflecoats, der nicht nur alle Wetter mit-, sondern auch immer was hermacht.Einen taubenblauen, schmalen Kaschmirmantel von Montana konnte ich mir als Abiturient nicht leisten, einen knallgelben mit blauem Pelzkragen von Versace konnte sich mein Image mit 40 nicht mehr leisten; aber gerne erinnere ich mich des kamelfarbenen Kaschmir-Capes, das vorne nicht zu schließen war, die Sonderanfertigung eines Freundes, weit aufbauschend …
Dank gilt aber auch der Ärtzegattin hier im Hause, die mir einen niveablauen Kaschmirmantel von Eduard Dressler geschenkt hat. Und dann natürlich, die Königin der Wollen, Vicuna, aber so einStück kostet schon soviel wie ein Kleinwagen, dafür liefern die Vicunas, die gekämmt werden, nur etwa 300 Gramm ihres goldenen Vlieses. Aufsehen erregte ich am Neuen Wall, als ich im bodenlangen Operncape, einem Original aus dem frühen 20. Jahrhundert, die Juweliere abklapperte, wunderbarer Effekt, aber ich war damals auch nicht in Corpus Mentis. Einen innengefütterten Herrennerz meines Großvaters trug ich fast 20 Jahre lang, nun hat ihn ein junger Freund für sein Studium in Graz geerbt – allein der Wollstoff bis heute von so überragender Qualität, als hätte ihn Konrad Adenauer gerade erst abgelegt. Dass ich meinen Ziehsohn Vincent in einem langen, alten Zobel zur Schule brachte, sorgte dann doch für einiges Aufsehen: „Das ist nicht mein Vater“, schamkrähte der Kleine, aber die Hamburger Winter sind trübe und kalt und ich bin so ein Strich in der Landschaft, dass ich eben gerne zu Pelz greife, – also alten Pelzen, einen neuen würde ich niemals tragen! Winterjacken mit Kapuzen und Fellbesatz erinnern immer ein wenig an Reinhold Messner, aber ich weiß, wie die Jungs in meiner Klasse ihr Geld von ihren Ferienjobs sofort für eine überdimensionierte Stone-Island-Jacke ausgaben, ich denke, in dieserAltersklasse sollte man solche Tracht auch lassen.
A propos: Ein Lodenmantel wird auch ewig halten, sollte aber nur jenseits des Weißwurstäquators getragen werden. Und nun: Der Geheimtipp! Kostet allerdings um die 1000 Flocken, dafür öffnet sich die Glastür des Kaufhauses Printemps in Lyon wie von Zauberhand, samt strammstehendem Portier, und auch von wahrer Zauberhand sind sie gefertigt, diese Jacken, in unnachahmlicher, französischer Eleganz: Moncler heißt das Zauberwort, gesteppt und daunengefüllt, gerne auch im Schnitt eines wattierten Sakkos, das vom Schnitt dem eines Tweedsakkos gleicht … – womit die Geschichte nun eigentlich wieder von vorne beginnt. Spätestens, allerspätestens aber mit Sicherheit im nächsten Winter, meine Herren!
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