Heimatlose Transatlantiker in der Finsternis

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So, und was machen wir jetzt? Eine Antwort von Gastprinzessin Richard Volkmann.
Vor ein paar Tagen hat David Harnasch an dieser Stelle dargelegt, wie er auf die Wahl Trumps zu reagieren gedenkt. Quintessenz: Abwarten und Tee trinken, vorzugsweise im wirtschaftlich und/oder klimatisch befreundeten Ausland (Schweiz, Portugal, Israel). Meine Einschätzung deckt sich in vielerlei Hinsicht mit seiner, außer dass ich aus einer Reihe von Gründen eher zu Australien neige. Doch zunächst ein paar Worte zu meiner Entscheidungsfindung.

Am Tag nach der Wahl sah es schlimm aus. Jetzt, mit etwas Abstand, ist es noch schlimmer. Aus dem sphärischen Dunkel tritt allmählich eine Regierungsmannschaft hervor, deren Chefstratege die Finsternis zum Programm machen will. Von Focus Money über die EU-Kommission bis hin leider auch zu Teilen der proisraelischen Szene hat ein Überbietungswettbewerb eingesetzt, wer sich Trump am nahtlosesten zurechtrelativieren kann. Hart wie Kruppstahl feierten zum Beispiel viele Israelfreunde Trumps Ankündigung, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, während sie sich gleichzeitig beim Versuch, Steve Bannon und seine rundum sympathische Alt.Right-Bewegung von ihren für jedermann offensichtlichen protofaschistischen Ausfällen zu exkulpieren, zum menschlichen Möbiusband verbogen.

Aber diese Kinkerlitzchen sind nur das Vorspiel in diesem Theater. Viel schwerer wiegt, dass mit Trumps Sieg die bekannte Rolle der USA in der westlichen Nachkriegsordnung erledigt ist und sein muss. Tuvia Tenenbom hat leider recht: Amerika, wie wir es kennen, hat abgegessen. Eine ganze Generation von Transatlantikern auf beiden Seiten des Teiches wird politisch heimatlos, dieweilen Linke und Rechte ihr Trump Heil weiterhin in Moskau suchen. Eine sturmfeste Stellung im politischen Koordinatensystem besitzen nur noch Isolationisten, Protektionisten und was sonst noch so an Freiheitsfeinden herumläuft. Das „New American Century“, das uns Marco Rubio versprochen hat, droht jetzt endgültig zum unamerikanischsten Jahrhundert seit Langem zu werden.

Dass ausgerechnet die deutsche Kanzlerin als Leuchtturm stehen geblieben ist, hat etwas Tragikomisches. Angela Merkel, allein auf weiter Flur, und alle tragen ihr die Führung der freien Welt an? Das hat seine Logik, weil wir sie nicht einem Mann überlassen wollen, der derzeit damit beschäftigt ist, sich auf Twitter mit irgendwelchen Schauspielern anzulegen. Aber die deutsche Kanzlerin als Führerin (haha) des Westens? Weird. Und mit diesen Deutschen sowieso ein Ding der Unmöglichkeit.

So bleibt uns noch die Feststellung, dass die Zeit gekommen ist, schreiend im Kreis zu laufen. Die deutsche Panik vor Verantwortung für die Freiheit hat Tradition und der deutsche Pazifismus durchaus gute Gründe, aber wenn die Amerikaner jetzt auch so anfangen, sind wir erledigt.

Umso wichtiger ist es daher, dass wir alle klar bleiben im Kopf. Die Relativierungsmaschinerie läuft aktuell heiß, und jedem von uns stehen reichlich Gespräche mit dieser Sorte Person bevor, die zwar politisch von nichts eine Ahnung, aber irgendwo gerade aufgeschnappt hat, dass Trump ja so übel nicht sei und sich zwecks politischer Stromlinienförmigkeit jetzt in dieser Meinung festbeißt. Das zehrt aus. Wir werden irgendwann anfangen zu glauben, wir seien in der Minderheit, ja womöglich verrückt geworden, und dass die anderen vielleicht doch recht haben. So weit dürfen wir es nicht kommen lassen.
Die Botschaft unserer Zeit ist daher: Stay sane! Vertraut eurem Bauchgefühl! Lasst euch nicht mit hineinziehen! Verteidigt die Freiheit gegen die Horden der Finsternis!
Und for God’s sake, studiert Wohnungsanzeigen in Melbourne.

Richard Volkmann

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