Das investigative Interview und der Radiokommentar

Eine Handreichung von unserer Qualitätsjournalistin Ilse Bindseil

  1. Thema: Das investigative Interview (Journalismus im Masterstudium, Aufbaukurs, externes Angebot: gebührenpflichtig (siehe Formblatt). Zur angebotenen Leistung gehört die Kontrolle der Hausaufgaben dazu (Hausaufgaben siehe unten).

Es geht darum, einige Grundregeln zu vermitteln, die nicht durch allzu große Ausführlichkeit der Lehrenden verwässert, vielmehr durch tägliche Wiederholung auf Seiten der Probanden, mindestens aber vor jedem anstehenden Interview geübt und angeeignet werden sollen. Je mehr jemand mit diesen Regeln vertraut ist, desto kursorischer darf die Wiederholung sein, so dass es nach einer Weile wie beim autogenen Training in der Kurzform heißt: Investigation ist investigativ. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg.

  • Bleiben Sie sachlich. Verschärfen Sie nicht unnötig den Ton. (Nicht der Interviewer ist scharf, sondern die Sache, um die es geht.)
  • Auch wenn es schwerfällt: Forcieren Sie die Analogie zum Gerichtsprozess nicht. Halten Sie keine Monologe. Meiden Sie Anklänge ans Verhör und – Gott soll schützen − auch ans Plädoyer. Kommt es zum Prozess, haben Sie sowieso nichts damit zu tun, da die Gerichtsreportage übernimmt (siehe Grundkurs Gerichtsreportagen, Ausführungsbestimmungen und gesetzlicher Rahmen). 
  • Begreifen Sie sich nicht als Richter, sondern als Historiker. Als jemand, der forscht, der mit den Tatsachen im Bunde ist. Vermitteln Sie den Eindruck: Die Wahrheit braucht keine Anklage, sondern Interesse.
  • Ziehen Sie die/den Interviewte/n in den Bann Ihrer Überlegungen. Bringen Sie sie/ihn dazu, sich zu engagieren. Zeigen sie: Investigation macht Spaß, selbst wenn sie sich gegen einen selbst richtet. 
  • Eiern Sie nicht herum. Springen Sie nicht vor und zurück. (Vermeiden Sie das rhetorische Wörtchen „nicht“: „Haben Sie nicht …“, „Waren Sie nicht …?“). Wenn Ihnen die Richtung zu halten schwerfällt, helfen Sie sich unter der Tischplatte mit einem Handzeichen. („Da geht’s lang“ oder „Vorne ist vorn“.)
  • Kritisieren Sie Ihr Gegenüber nicht. Denken Sie daran: Ein Interview ist kein Dialog mit Rede und Gegenrede (sondern ein Interview) und eine Antwort so gut wie die andere. Sie will akzeptiert und nicht in Zweifel gezogen werden. (Sie wollen etwas hören, nicht etwas diktieren.) 
  • Gehen Sie über Unsinn, auch über eine dreiste Lüge hinweg. Konzentrieren Sie sich auf die nächste Frage. (Halten Sie sich an die Regeln des Glücksspiels: Neue Chance, neues Glück.)  
  • Sagen Sie nur im Notfall: „Habe ich richtig verstanden, dass …“ Eher: „Lassen wir das so stehen.“ Am besten: Gar nichts. (Luft anhalten und bis sieben zählen.) 
  • Stellen Sie Ihre/n Gesprächspartner/in nicht. Sie sind nicht auf der Jagd. („Hab ich dich ertappt!“) 
  • Stellen Sie ihn/sie nicht vor eine Alternative. („Wollen Sie nun kandidieren oder nicht?“)
  • Verlangen Sie kein Geständnis. („Geben Sie’s doch zu, Sie wollen Kanzler werden.“)
  • Interpretieren Sie nicht. Fortschritte im Bereich der Interpretation, mögen sie sich noch so  interessant ausnehmen, bedeuten keinen Fortschritt in der Sache. („Sie sehen, meine lieben Zuhörer/innen, mögen tät er/sie schon wollen, aber ob er/sie sich traut?“)
  • Denken Sie daran, Sie bereiten nicht die Schlagzeile für die Sensationsblätter des kommenden Tages vor. (Dass der/ie Interviewpartner/in die Hände vors Gesicht schlägt, weinend zusammenbricht, kommt gelegentlich vor, ist aber kein explizites Ziel und kann auch nicht Teil des Curriculums sein). 
  • Machen Sie sich das Format des investigativen Interviews klar. (Interview: Sie führen eine gelenkte Unterhaltung. Investigativ: Sie arbeiten mit dem im Vorfeld Erarbeiteten. I. I.: Sie konfrontieren den/ie Interviewpartner/in mit dem im Vorfeld Erarbeiteten. Lenken, Konfrontieren, Unterhaltung: Vgl. „Die Wissenschaft vom Wort“, Sozialwissenschaftlicher Fachbereich, interdisziplinärer Einführungskurs ohne Entgelt, für alle. Als Buch: „Elementarkurs DWvW, mit praktischen Übungen, 223 S., 42 Euro.) 

Zusatz: Wenn Sie weiblichen oder diversen Geschlechts sind, versuchen Sie nicht, Eindruck zu schinden. Kämpfen Sie nicht um Glaubwürdigkeit. Verstärken Sie nicht unnötig das eine oder andere klassische Merkmal Ihrer Rolle. Verschärfen Sie insbesondere nicht den Ton (s. o.). Bleiben Sie individuell. Genießen Sie Ihre Arbeit. Freuen Sie sich, dass Sie in niemandes Nachfolge stehen. Machen Sie sich keine Gedanken über Ihr Geschlecht. (Andere tun es für Sie.) 

Hausaufgaben: 

  • Ändern Sie die Anordnung der Punkte. Machen Sie die Umstellprobe. Erstellen Sie eine sinnvollere Ordnung und erläutern Sie Ihr Gliederungsprinzip.
  • Fügen Sie nach eigenem Ermessen den einen oder anderen Punkt hinzu. (Lassen Sie gegebenenfalls den einen oder anderen weg. Begründen!)

Zusatzaufgabe (optional): 

  • Wählen Sie ein Tier als Totem/Maskottchen des/r investigativen Journalisten/in aus. Entscheiden Sie sich zwischen dem Mistkäfer (der seine Kugel rollt),  der Spinne (die ihr Netz webt) und dem Sperber (der sich auf seine Beute stürzt). Fügen Sie gegebenenfalls einen eigenen Vorschlag hinzu. Begründen Sie Ihre Wahl.

Weiterbildung: Kurs für Dramaturgie und Bühnentanz, Schwerpunkt Choreographie und Pantomimik (jeden dritten Donnerstag für Investigativjournalisten)

Kursbeschreibung (nach dem Vorlesungsverzeichnis): Die Konstellation des unsichtbaren Dritten wird erarbeitet. (Für das Publikum stehen der Interviewer und sein/e Partner/in einander gegenüber und im Wettbewerb. Der/die Interviewte soll aber seinen/ihren Taten gegenübergestellt werden). In einer ausgeklügelten Choreographie/Pantomime wird der Verhandlungsgegenstand auf die Bühne gebracht. (Er ist unsichtbar und soll sichtbar werden.) Die Teilnehmer üben die traditionellen Formen. (Sie fangen den Schmetterling. Halten ihn bei den Flügeln. Betrachten ihn von allen Seiten. Zeigen ihn dem Publikum.) 

2. Thema: Der Radiokommentar, Stichwort: Die Meinung (für Doktoranden)

Zu den Grundregeln wie oben, genauere Erläuterungen erübrigen sich hier, da das Thema sich an  Doktoranden wendet. Statt Hausaufgaben gibt es am Ende eine Videoperformance. (Die Kosten sind im Entgelt eingeschlossen.)

Negativa:

  • Spielen Sie nicht den Oberlehrer.  Spenden Sie nicht Lob und Tadel. Verteilen Sie keine Zensuren.  (Erinnern Sie das Publikum nicht an die Schule.)
  • Spielen Sie nicht den Experten. (Ihre Kompetenz ist Radio, nicht: Alles.) Ihre Hörer/innen haben ihren letzten und vorletzten Kommentar noch im Ohr. (Damals waren es Anabolika in der Schweinemast, heute ist es Bayreuth.) Halten Sie sich an Ihre Kollegen vom Fernsehen. Die sagen gar nichts. Sie halten nur die Stellung. (Im prasselnden Regen harren sie aus.) Sie zeigen: Wir sind anwesend (wenn auch ausgeschlossen). Seien auch Sie für Ihre Hörer/innen: anwesend. (Evtl. Weiterbildung: Yoga und Meditation)
  • Spielen Sie nicht den Regierungsberater. Ratschläge kommen nicht gut, und Supervision ist nicht Ihre Aufgabe. 
  • Spielen Sie nicht die Opposition. (Es gibt schon eine.) Seien Sie Demokrat, nicht Parlamentarier. 
  • Machen Sie sich nicht zum Sprachrohr des Volkswillens. (Spielen Sie nicht den Tribun.) Sie stehen nicht auf dem Forum (sondern im Studio), und verkörpern müssen Sie auch nichts. 
  • Ereifern Sie sich nicht im luftleeren Raum. (Machen Sie Work-out, aber woanders.) Denken Sie daran: Während Sie sich echauffieren, wird (am andern Ende) gelüftet, der Braten aufgeschnitten und der Tisch gedeckt. („Erhebet die Hände zum lecker bereiteten Mahle!“) 
  • Führen Sie sich das Setting vor Augen. (Denken Sie an den Braten.)
  • Zweifeln Sie an Ihrer Aufgabe. Der Zweifel ist schon ein Fortschritt. Er ist ein Elixier. Nicht nur der erste Schritt in die richtige Richtung, sondern eine Anwesenheit (cf. Religion). Halten Sie die Leerstelle, die Sie entdeckt haben, frei. Bearbeiten Sie sie. So arbeiten Sie am Profil des Kommentars. 

Positiva:

  • Stellen Sie sich Ihrer Meinung. (So finden Sie Ihr Thema.) 
  • Schämen Sie sich, dass Sie eine haben. (So schlagen Sie den richtigen Ton an.) 
  • Gehen Sie davon aus, dass sie geteilt wird. (So haben Sie den richtigen Ansatz.)
  • Nehmen Sie sie nach Strich und Faden auseinander. (Schon haben Sie Ihren Kommentar.)
  • Nehmen Sie sich Ihre Ansichten einzeln zur Brust. (So haben Sie die Gliederung.)
  • Führen Sie vor, dass sie falsch sind. Zeigen Sie es. (Keine lockeren Sprüche, keine voreiligen Urteile − Zeigen!)
  • Denken Sie (posaunen Sie nicht). Halten Sie sich an den Dichter und verfertigen Sie Ihre Gedanken beim Reden. (So haben Sie die richtige Geschwindigkeit.) 

Praktische Empfehlungen:

  • Wenn man Ihnen die Mitarbeit in einer Programmkommission anträgt, sagen sie ja. Verweigern Sie auch nicht das Nachdenken über eine Abschaffung des Radiokommentars. (Fühlen Sie sich nicht „herausgemobbt“. Betrachten Sie es als eine letzte Gelegenheit, seinen Sinn herauszufinden. (Wenn nicht per negationem, wie dann?) 

Zusatz: 

  • Sind Sie weiblich, dann trennen Sie sich von den erlernten Stereotypen Ihres Geschlechts (Fürsorglichkeit und Mütterlichkeit) und von der überkommenen Bindung an pflegerische und pädagogische Berufe. (Achtung: Trennen Sie sich nur, verdrängen Sie nicht!) Verzichten Sie insbesondere auf praktische Vorschläge, die nicht auf der Höhe der Problematik sind. (Praktische Vorschläge sind nie auf der Höhe der Problematik!) Sind Sie sich des Unterschieds nicht gewiss, machen Sie überhaupt keine Vorschläge. Wenn sich das Bedürfnis nach Lösungen in Ihnen staut, nehmen Sie sich eine Auszeit. (Machen Sie eine Analyse.)

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Dieser Beitrag wurde am 29. November 2020 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Gedanken zu „Das investigative Interview und der Radiokommentar

  1. Zum im Großen und Ganzen ordentlichen Artikel doch eine Anmerkung: er ist nicht gegendert – fast. Es wure zwei Stellen mit „Hörer/innen“ identifiziert.

    Wenn es nicht um konkrete, anfassbare Menschen geht, entwertet das Gendern den Text. Als ich zu Berufszeiten das betriebsinterne Gewerkschaftsblatt redigierte, korrigierte ich das Binnen-I konsequent raus. Allenfalls mal „Kolleg(inn)en“.

    Wenn das generische Maskulin Probleme bereitet, ausweichen auf die Kategorie. Also Auditorium (das); oder Zuhörerschaft (die).

    Danke.

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