Der Zivilisation dritter Teil

 

 

Wir sehen beim jungen Vorstandsvorsitzenden auf einem Sofa, so groß wie meine Wohnung, nur viel staubfreier, SKY, eine Sendung, in der sich amerikanische Transsexuelle Brüste implantieren lassen, irgendwo im Mittelwesten. „Und in Syrien sterben Kinder“, sagt der Geschäftsmann, der sich immer im Griff zu haben scheint. Man sieht die Bilder vor sich, die ausgebombten Straßenzüge, die ausgebrannten Autobusse – während sie bei uns noch pünktlich kommen.

Ich erinnere Kriegskorrespondenten, die mich erstmals mit Kokain bekanntmachten, trotz fester Freundin durch die Reeperbahn rannten, so betrunken, dass sie auf den Kantstein knallten und mit blauem Auge zum Dienst erschienen. Sie hielten die Diskrepanz nicht aus zwischen unserem absoluten Wohlstand und den grauenvollen Kriegsgebieten. Einer wurde in Tschetschenien, zwei andere im Kosovo erschossen. Sie waren dort, wo die Zivilisation zerbrach.

Zu Zeiten, als ich ein dummer junger Spitzenverdiener war, klammerte sich vor einem Nachtclub auf Bali eine Bettlerin samt Kind an einem Brillantarmband an meinem Handgelenk fest. Einmal fuhren Klaus und Erika Mann im offenen Wagen über Land – sie trägt ein Sommerkleid und ein teures Halsband – und sahen einen Bettler am Wegesrand. Die Luxusgören halten an und geben dem Mann Schokolade, die jener sofort erbricht. Ich sah es in einer Dokumentation, und die Zeitzeugin, die davon berichtete, war ähnlich angeekelt. Ich erinnere mich auch an den Taxifahrer in Luxor, der mich anflehte, ihn bei meiner Rückkehr wieder zu beehren. Den Fahrer in Bali, der den ganzen Tag auf meinen Anruf wartete, weil ich in die Hauptstadt Denpasar wollte, mich dann aber doch für die Poolbar entschied. So kann man Familien vernichten oder zumindest in große Schwierigkeiten bringen. Ich schäme mich für derlei bis heute. Weil ich mich zivilisiert habe.

Der britische, viel zu früh verstorbene Autor und Weltreisende Bruce Chatwin schöpfte Hoffnung daraus, dass sich unsere Vorfahren zusammenschlossen, um einer Raubkatzenart etwas entgegenzusetzen zu haben, die ihre Kinder riss – zahllose Kinderköpfe weisen die beiden Löcher im Schädel auf, mit der die felinen Jäger sofort den Tod herbeiführten. Also könne “die dem Menschen innenwohnende Aggression ursprünglich nicht gegen seinesgleichen gerichtet sein, jedenfalls nicht von der Grundannahme her”, so Chatwin. Das tägliche Grauen straft seine Hoffnung Lügen.

Ich erfahre vom hundertfachem Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz irgendwo in Deutschland, einer der Hauptverdächtigen wohnte mit seiner Tochter in einem „vermüllten“ Wohnwagen, und vergleiche dies mit den zahlreichen „Law & Order“-Folgen, die ich „bingewatche“ und die die tiefsten Untiefen der menschlichen Verderbtheit beleuchten – irgendwo scheint es ja zu sein, das Gen, das die Belgier im Kongo Kinder hängen und ihren Vätern die Hand abschlagen lässt, wenn die Ernte schlecht ausfällt.

Ja, darauf ist der ganze Prunk des kleinen Despotenstaates aufgebaut, und ausgerechnet dort sitzt die europäische Regierung. Die ach so zivilisierten Briten haben in den 350 Jahren ihrer Ausbeutungsokkupation Indiens, „dem Juwel der Krone“, nach Berechnungen des Economist, wenn ich nicht irre, 7,3 Billiarden Pfund aus dem geknechteten Volk gepresst. Immer bin ich fast erschlagen vonden gewaltigen Ausmaßen des Parlamentsgebäudes, zu schweigen von der Gewalt des indischen Parlaments, das ja einmal der Palast des Vizekönigs war. Zweiflügelig, mit einer Petersdomkuppel, eine Gigantomanie des Erbauers des Empire, Edgar Lutyens, einer Art Norman Foster des Viktorianismus und Georgianismus. Die Regierungshauptstadt ließ man während des Sommers in Einzelstücken, vom Schaukelpferd bis zur Regierungsakte, von endlosen Trecks zu Fuß in die Berge schaffen, auch Konzertflügel, auf dem Rücken der Inder, in die Vortäler des Himalaya.

Seitdem ich für KONKRET schreibe, hat sich meine Sicht der Dinge ein wenig verändert. Seitdem ich weiß, dass die von mir so verehrten Briten ihre Landsitze nur ihren weltweiten Raubzügen zu verdanken haben – ein Filmkritiker meinte einmal süffisant, ein Film sei für mich nur relevant mit einem Rolls-Royce darin und zwei Butlern – nun sehe ich die Filme anders. Ich war als Sechzehnjähriger in London und suchte Oscar Wilde, seine Zeit, vertäfelte Zimmer und am Tisch flambierte Crêpes Suzette und Diener in Livree und schöne Männer im Frack.

Ich bewarb mich zunächst am Balliol College, Oxford, dann am Downing in Cambridge, auf der Suche nach dem England, dass ich aus Romanen kannte, „Jane Eyre“, „Wuthering Heights“, A. E. Housman, aber auch den Komponisten jener Zeit. „Mars – the Bringer of War“ heißt die erste Suite der „Planeten“, die der englische Komponist Gustav Holst komponiert hat – zu seiner Zeit, eben der Blüte des British Empire, sind nur sieben Planeten bekannt, und als ich das Werk als junger Cambridge Student zum ersten mal in der Queen Elisabeth Hall höre, am Embankment, dann hinüber über die knallrot gestrichenen Waterloobridge – man tut gut daran, nicht hinunterzublicken durch das Gitter hinab auf die starken Fluten der Themse, hier sah ich einmal einen Mann mit Elephantitis –, dann hinunter zum National Theater, vorbei an den Pappschachteln, in denen die Jugendlichen damals lebten, als Margarete Thatcher zum Gesetz werden ließ, dass 16jährige nicht mehr von den Eltern unterstützt werden müssen – da begann ich an der britischen Zivilisiertheit ein wenig zu zweifeln.

Ich weiß, dass die Sommerpaläste an der Krim von bis zu 6.000 aus Sibirien herbeiimportierten Leibeigenen mit primitivsten Mitteln aus dem Boden gestampft wurden und beim Bau eines Treppenhauses aus Marmor in einem der unzähligen Paläste Katharina der Großen sieben Maurer zu Tode stürzten.

Ich weiß aber auch, dass Friedrich der Große das Neue Palais in Potsdam nur errichten ließ, um das Handwerk, ja die ganze Wirtschaft des Landes nach dem Siebenjährigen Krieg zu beleben.  Der Alte Fritz nennt den Bau eine „Fanfanerei“ – aber das überströmende Gold auf Weiß allein des kleinen, prächtigen Hoftheaters spricht eine andere, sehr schöne Sprache. Und das Bauwerk hat symbolischen Charakter, die zwei Millionen Goldstücke, die der Spaß kostet, sind auch als Signal an ganz Europa, aber vielleicht am entschiedensten an seine ewige, Schicksalswidersacherin Maria Theresia, nahc dem Motto, Preußen sei finanziell noch lange nicht am Ende. Sicher hätte man da Geld auch sinnvoller anwenden können, wie der Historiker Wolfgang Venohr 1986 schreibt, in den glücklichen Jahren, in denen das Wort „Image“ noch neu ist. „Krieg den Hütten, Frieden den Palästen!“ rief ich als Teenager.

Und von diesem Friedrich dem II., dem Mann, dem damals womöglich der zivilisiertesten Europas, soll nun der vierte Teil handeln.

to be contd.

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Dieser Beitrag wurde am 28. März 2019 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

Ein Gedanke zu „Der Zivilisation dritter Teil

  1. das erinnert mich an die Aufregung über Bischof Tebartz van Elst. Wer hat eigentlich die überteuerten Rechnungen kassiert? Wo ist denn jetzt das angeblich veruntreute Geld? Wer hat denn tatsächlich abgezockt, wer hat das Geld denn jetzt? Im Prinzip bezahlt die Gemeinschaft den Prunk und abkassieren können dabei nur ein paar, die sich ne Goldene Nase verdienen. Dabei kann Korruption im Spiel sein oder nur ein weiteres Konjunkturpaket, wofür Merkel und laut Artikel schon Friedrich II weltweit bewundert werden. Guter Artikel! Hat mich inspiriert.

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