Diana revisited

Ich traf sie als junger Mann bei einem Besuch des Prinzenpaares bei MBB, der bayerischen Waffenschmiede. Machte meinen Diener und verliebte mich sofort.

Eine Erinnerung an die Princess of Wales

Wer beschreibt Dianas Einsamkeit?

Seine Lordschaft HARALD NICOLAS STAZOL, wer sonst.

Auch das ist ihre Tragödie. Man muss sie lieben. Ihr normannisches Erbe, ihre Größe, ihr Haar, ihre Figur, ihren Charme. Sie kann ihn aus- und anknipsen. Wann hat zuletzt die ganze Welt eine Frau geliebt? Shy Di, da ist sie, ihre Seele, zurückhaltend bis zur Selbstaufgabe, und damit wird sie alle verzaubern. Beim Empfang in der Villa Hammerschmidt wagt eine Journalistin, ihr ein Kompliment zu ihrem Abendkleid zu machen. Kalt wie ein Gletscher sagt die Prinzessin – damals ist sie es noch –: „What do you care?“, was geht Sie das an, und sie hat recht. Das ist unsere Tragödie. Die Journalistin sah aus, als bräche sie gleich in Tränen aus. Von solcher Art ist Dianas Macht. Ansonsten ist sie machtlos.

Wir alle wollen jemanden lieben. Und geliebt werden. Bei meiner, wie ich glaube, guten Freundin Lady Diana war das nicht anders. Wer erinnert sich nicht an ihre Worte: „A relationship of three is a bit crowded?“ – drei in einer Beziehung seien einer zuviel? Nun, bei diesem Interview vergisst sie die 80 Millionen Briten und die 2 Milliarden, die sie als die berühmteste Frau der Welt verehren. „A relationship with 2 Billions is a bit crowded“, könnte man sagen. Aber was heißt hier Frau? Machen wir keine Umschweife: Sie ist eine Göttin. Nur für einen nicht. Den Thronfolger. Prince Charles. Der einzige Mann, der nicht in sie verliebt ist, ist ihr Mann. Das ist ihre Tragödie.

Man erinnert sich an das blaublutjunge, bezaubernde, schüchterne Mädchen, die Kindergärtnerin, die, schon belagert von den Journalisten, in ihren rostigen Renault flüchtet. Und die Szene, als sie im Garten neben dem Thronfolger sitzt, und dann die Frage: „Are you in love?“, und Charles sagt nüchtern: „Whatever in love means“, „was immer Liebe ist“ – da ahnte ich es schon, und die Welt hätte es wissen können: Es gibt keinen Märchenprinz. Und auch kein Märchen. Aber Diana will es nicht wissen. Und Rupert Murdoch auch nicht, die Sun nicht, die Daily Mail, nicht einmal die Times. Darauf komme ich noch zurück. Aber ich bin nur ein kleiner Lord. Und dann gibt es eben die Weltpresse.

Jahrelang hat man die passende Frau für den Thronfolger gesucht, dessen Rolle im Schatten seiner Mutter keine dankbare ist. Er spielt lieber Polo und im Garten. Er hat nur eine Aufgabe. Eine Frau zu finden.

Diana Spencer ist „of good stock“, sie stammt aus dem richtigen Stall. Es ist wenig bekannt, dass das Haus Spencer, urkundlich erstmals erwähnt 1469, seit 1601 zum Hochadel gehörend, schon seit zwei Jahrhunderten wetteifert, in die Nähe des englischen Throns zu gelangen. Womöglich sogar auf ihn. Es ist das erklärte Ziel des gesamten britischen Adels: Eine Prinzessin aus einem europäischen Haus lässt sich nicht finden, sie sind zu jung, zu alt oder schon vergeben. Das japanische Kaiserhaus hat das gleiche Problem, aber das nur nebenbei. Es ist nicht bekannt, wo der Prince of Wales Diana zum ersten Mal begegnet, die Debütantinnenbälle hat man schon in den Fifties abgeschafft, Prinzessin Anne sagte schon damals, jede Kaufmannstochter würde dort tanzen. Es wird wohl eine Gartenparty gewesen sein, im Haus ihrer Schwester, oder als Diana bei Hof vorgestellt wird. Sie ist sicherlich bezaubernd. Und irgendwann glaubt sogar Charles, nur zwölfmal hat er sie gesehen, er habe sich verliebt. Und wir alle glauben, dass wir uns verliebt haben. Populus vult. Das Volk will es.

Die Hochzeit, die Hochzeit des Jahrhunderts, sehen 500 Millionen Menschen im Fernsehen, die gesamte zivilisierte Welt. Die Schleppe ihres Kleides ist 15 Meter lang. Jeder Meter für ein Jahr Ehe.Von 1981 bis 1996. Aber das weiß jetzt noch niemand. Hätte es man damals gesagt, man wäre für verrückt gehalten worden. Über Nacht wird Diana zur begehrtesten Frau der Welt. Und zur schönsten. Ihre Kleider werden Teil der täglichen Berichterstattung, Millionen Frauen auf dem Globus nehmen sie sich zum Vorbild. Die Tragödie, noch ahnt es niemand, nimmt ihren Lauf.

Ein Kind muss her, am besten zwei, Söhne bitteschön: „One heir and one to spare“, ein Erbe und einen auf Vorrat, könnte man das übersetzen, eine Maxime, die noch aus der Zeit stammt, in der tödliche Reitunfälle auf der Tagesordnung stehen. Es ist Dianas Hauptrolle, sie nimmt sie mit Bravour. Damit ist eigentlich, wenn man ihre Position als Kronprinzessin des Vereinigten Königreichs bedenkt, die Pflicht erfüllt. Jedenfalls für die Windsors. Und dann kommt die Leere.

Nächtelang wird sie im Kensington Palast sitzen und nicht wissen, was sie jetzt noch zu tun hat. Und dann geht sie kotzen. Was lange Zeit niemand weiß und die königliche Familie, „The Firm“, wie sie sich nennen, nicht zur Kenntnis nimmt, und als sie es doch tut, erntet sie dafür nur Spott. Da hat Charles Camilla, der alten Liebe, schon aufs Handy gestöhnt, er wolle am liebsten ihr – nun, man muss es sagen, und es ist auf Band – sehr intimes Wattebäuschchen sein, und auch das kommt raus. Noch immer jubeln die Menschen der Princess of Wales zu, sie ist der neue Star, und Charles geht das langsam auf die Nerven, und, so munkelt man, ihrer Majestät, der Königin auch. Michael Jackson gesteht ihr vor seinem Konzert in Wembley, er habe aus Respekt „Dirty Diana“ nicht gespielt. „But I would have loved it“, sagt sie.

Langsam wird der Blick Dianas angespannter, wenn sie mit ihrem Mann erscheint, und dass die Ehe bald in den letzten Zügen liegen wird, man erwartet es schon, aber die Plebs will es nicht wahrhaben, populus non vult – es will träumen, träumen. Diana aber bleibt weiter das Aushängeschild, und nicht zuletzt durch ihre Juwelen, oft Leihgaben der Schatzkammer des Palastes, will, man ahnt es, bald jede Frau solchen Schmuck, und auch, man sieht es im Straßenbild oft zu der Zeit, ihre Frisur. Jede Frau wäre am liebsten Prinzessin, außer Alice Schwarzer vielleicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Wer beschreibt Dianas Einsamkeit in diesen Tagen? Ich, wer sonst. Nächtliche Telefonate, ihre Stimme flach und verzweifelt, doch damit genug. Und, wie tausende, Millionen andere, glaube ich, sie zu kennen, diese Frau, weil sie inzwischen keinen Schritt mehr außerhalb ihres Parks und Hauses tun kann, ohne dass sich die Weltpresse auf sie stürzt, sie wird zur Göttin, mit einem Unterschied: Sie kann keine Blitze schleudern. Als ihr und ihren Kindern sogar in Gstaad auf Skiern aufgelauert wird, blitzen ihre Augen hinter der Sonnenbrille, sie herrscht die Paparazzi an, doch ach! Es nützt alles nichts: Es ist eine Presse, wie es sie heute nicht mehr gibt, die Presse, die vierte Gewalt als Weltmacht, eine Presse, die Geschichten erzählt und Geschichte macht – und die heute nur noch Bits and Bytes an obsoleter, ja, lächerlicher Informationszerstückelung betreibt, doch auch das ist eine andere Geschichte… Nun also, es ist Dianas Tragödie: Rupert Murdoch, die Sun, die Mail, die Times, alle, alle wollen ihre Bilder – nie vorher werden Bilder höher bezahlt, an Diana definiert sich ein mediales System – und ja, insgeheim wollen wir sie auch. Denn wir lieben sie, und ja, am Ende, ganz am Ende, lieben wir sie zu Tode.

Da ist der Reitlehrer, rothaarig, eine Affaire? Der Ton wird schneidender. Die Göttin, die Mutter, die Prinzessin, sie soll heilig bleiben, damit wir sie anbeten können. Und dann, die Ehe mit dem Prinzen mit den abstehenden Ohren, dem Mann, der eigentlich nur im königlichen Wartezimmer sitzt. „Ich dien“, steht imWappen der Prinzen of Wales. Wer fragt schon nach seinem Herz? Er hat sie unglücklich gemacht, die Ehe liegt in Scherben, und dann das Interview. Und da ist sie wieder, die Verletzliche, die Einsame, ja, die Frau. Lord Snowdon nennt sie im Fax für einen Fototermin nur „the subject“. Und als Mario Testino sie portraitiert, ich glaube, für Harpers Bazaar, ist es wohl ihre Apotheose. Sie sieht wunderschön aus. Sie lächelt wie früher. Da gibt es von ihr schon mehr Bilder als von der Jungfrau Maria. Auch ist es wohl kein Zufall – ich jedenfalls glaube daran -, dass dieses wunderschöne, wundervolle Menschenkind den Namen der Jagdgöttin trägt, doch ach! Sie hat keine Pfeile mehr im Köcher.

Sie sucht Heiler auf. Nein, die kommen in den Kensington Palast, den sie kaum noch verlässt. Wenn, dann in schwarzer Perücke. Sie verliebt sich in einen Pakistani, einen Kardiologen, Hasnat Khan. Sie begegnet ihm im Lift des Royal Brompton Hospital. „Ist er nicht hinreißend?“ soll sie gesagt haben. So erzählt es der neue Film. Aber wer ist schon Naomi Watts. Diana fliegt in der Boeing 757 der Goldsmiths nach Islamabad. Sie will, so heißt es, Hasnat heiraten. Sie trifft seine Großmutter. Die ist unbeeindruckt. Diana will heiraten. Hasnat nicht. Er fürchtet die Geliebte von 2 Milliarden Menschen. Das ist das Ende.

Außerdem ist da plötzlich der Araber, er hat, den Herrn, Allah, auf seiner Seite. Die hungrige Presse fürchtet er nicht. Er ist der Mann, der ihr alles bieten kann. Man kennt das Motiv von Jackie Kennedy und Aristoteles Onassis – Dodi Al-Fayed kann Diana Privatheit und Sicherheit bieten. Ein Flugzeug, sie lacht sich tot über die goldenen Falken an den Sitzen, den Brokat an den Fenstern, den tiefen, roten Teppich, den orientalen Prunk. Und eine Yacht (man erinnere sich, wie sie allein auf einer langen Planke am Heck des Schiffes sitzt, auch dieses Foto geht um die Welt). Und ja, da ist das Ritz in Paris. Vorher hat sie die Presse wie ein Reh durch die Abflughalle gehetzt, sie hält sich den Tennisschläger vors Gesicht, doch nun nützt alles nicht mehr.

Die Eingangshalle des Ritz ist ein Albtraum in Blau und Gold, die Betten sind tief und vor den goldverzierten Wannen im Marmorbad ist man versucht, sich zu verbeugen, bevor man ein Bad nimmt. Elegante Pariserinnen entsteigen vormittags schwarzen Rolls-Royces, um im Pool des Hauses zu schwimmen. Die Betten sind weich und wie geschaffen für Liebende, ich weiß, wovon ich spreche. Aber vorne liegt die Place Vendôme, und da lauern sie jetzt, die Pressehyänen. Deswegen flüchten die Prinzessin und ihr Liebhaber aus dem Hintereingang an diesem 30. August, kurz vor Mitternacht, hinein in den Mercedes-S-Klasse, der einem Leichenwagen ähnelt und der zu ihrem Leichenwagen wird, aber erst in zehn Minuten. Noch neun, noch acht, noch sieben, der wohl angetrunkene Fahrer rast, hinter ihm die Meute auf Motorrädern, nun rechts, in den Tunnel – der Rest ist Geschichte. Als man des Nachts den britischen Botschafter aus dem Bett klingelt, ist die Göttin tot. Ich höre erst von einem Unfall im Radio, ich fahre durch die Sommernacht in Begleitung irgendeines Beau. Diana, tot? Es kann nicht wahr sein. Als ich mein altes Büro der dpa London erreiche, ist es Gewissheit. Sie hat uns verlassen.

Die Liebesheirat ist ein bourgeoises Konstrukt. Der Adel konnte sich nie damit abfinden. Alle verbliebenen Königshäuser der Welt wollen sich mit ihm schmücken. Ob das gelingt, wissen die Götter.

Am Tag der Beerdigung, schon der Lufthansa-Pilot hat im Landeanflug auf die schwarze Masse dort unten hingewiesen, ich steige Green Park aus der U-Bahn, und – wundersame Welt – es herrscht Stille. „A man who is tired of London, is tired of life“, sagt Samuel Johnson einmal, und nun, an einem heißen Sommertag, da ist es still in London, ganz ganz still. Ich kämpfe mich durch eine trauernde Ansammlung von leisen Menschen bis an die rot-weiße Absperrung, bis die Lafette, von einem Gespann gezogen, vorbeizieht, man wirft Blumen auf die Straße, gestandene Männer, „the beef of England“ hat sie der Herzog von Wellington einmal genannt, sie weinen wie Kinder. Auf dem Sarg ein einziger, weißer Umschlag, „Mummy“ steht darauf, ihr Bruder, Charles, William, der kleine Harry, Prince Phillip schreiten gemessenen Schrittes dahinter. Sie reihten sich am Buckingham Palace ein. Die Queen VERBEUGTE SICH! Die Königinmutter steht am Tor des St. James‘ Palace, und nun, ich gebe es zu, weine ich auch. Daimler voller trauender Töchter blaublütigster Dynastien in phantastischen Hüten rauschen vorbei, vor Westminster Abbey werde ich von einer jungstrahlendschönen Baronesse erkannt, sie hat mit mir in Cambridge studiert (ihr Name soll unter meinem Herzen ruhen). Ich darf sie begleiten, ich sehe Tom Cruise und dann singt Elton John und Dianas Bruder, der 9. Earl Spencer, hält eine Rede, ach was, eine Rede! Er klagt alle an, die Reporter, die Presse, und dann, ein Raunen geht durch den Hochadel in den ersten Reihen, die königliche Familie selbst. Als der Applaus aufbrandet vor der Abbey und über Kilometer bis an den Hyde Park anlangt, sieht die Queen sehr, sehr verloren aus. Tausende säumen den Weg, als der Leichenwagen langsam, ganz langsam seinen Weg nimmt durch die Suburbs von London, durch Blumenmeere, der Motorway ist gesperrt, nach Althorp, dem Landsitz der Spencers, die Kinder, die Waisen, der Witwer, sie nehmen den königlichen Zug, Diana soll nun im engsten Kreise beerdigt werden, auf einer Insel, mitten in Althorp Park, in einem kleinen Tempel. Und da liegt sie nun, unsere Göttin, auf ewig schön, vom Mann verlassen, von der Queen verachtet, vom Volke geliebt wie keine andere. Von der Presse gejagt, bis aufs Blut gehetzt, zerrissen, aus Liebe, ach, aus Liebe …

Yet each man kills the thing he loves by each let this be heard, some do it with a bitter look, some with a flattering word,

the coward does it with a kiss, the brave man with a sword!

Some kill their love when they are young, and some when they are old;
some strangle with the hands of lust, some with the hands of gold:

the kindest use a knife, because the dead so soon grow cold.

Some love too little, some too long, some sell, and others buy;
some do the deed with many tears, and some without a sigh:

for each man kills the thing he loves, Yet each man does not die.

(Oscar Wilde)

 

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Dieser Beitrag wurde am 17. September 2019 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

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