Die cleane Karenina

Es gibt Momente an diesem Abend, die vergisst man nicht. Ein Leben lang. Ganz zum Schluss zum Beispiel, als sich der schwarze Vorhang noch einmal hebt und die Primaballerina Assoluta, Mayo Arii, zierlichst und wie ein Juwel in der Mitte der weißstrahlenden Bühne steht (beleuchtet von meinem Freund Henning, der gute Junge hat mir und meiner eleganten Begleitung die heißbegehrten Karten besorgt) : im schwarzen Dior-Kleid – überhaupt, die Kostüme heute Abend! Magnifique! Die engen Anzüge der Tänzer schon im ersten Akt Spahn-verdächtig geradezu in ihrer topmodischen schmalen Silhouette – aber wir haben die Ballerina erzählerisch auf der Bühne stehen lassen. Also sie nimmt den Beifallssturm entgegen und bekommt denn auch von John Neumeier einen kleinen Wald von hellblauen Blumen fast anbetend überreicht.

Wir befinden uns in einer Wahlkampfsituation, komplett mit Plakaten und Sprechchören: Karenin kandidiert, und Anna Karenina (Anna Laudere) ist bezaubernd schöne Politikergattin, sie haben einen Sohn. Das Juwel der Mutter, von einem Élèven derart hinreissend gesprungen, dass es eine wahre Freude ist.

Über seinem Kinderbett hängt denn auch eine kleine Ikone, die Muttergottes segnet die Szene, die ganze Tragödie, die da kathartisch abläuft, aber auf Annas Ehe liegt schon lange kein Segen mehr. Einmal wird sie von ihrem Gatten, dem überragenden Carsten Jung (die Geheimwaffe der späten Demokratie: der schöne Politiker …), aus dem Stand vollends in die Höhe gehoben, ein bemerkenswerter Kraftakt des Grafen, dessen Pas des deux mit seiner Frau besonderer Bemerkung bedürfen, ja sie verdienen.

Noch vor einer Dekade murmelte man von Neumeiers Formtief, er sei zu repetitv. Er triumphierte mit der Vertragsverlängerung, was ein Glück für Hamburg ist, wie auch Kent Nagano, aber dazu an anderer Stelle. Heute Abend jedenfalls sind die Zweifler glänzend widerlegt.

Selten war eine Rolle besser besetzt als die des Offiziers Vronski (Edvin Revazov): Jenem baldigen Geliebten, für den Anna die Trennung von ihrem Sohne und die gesellschaftliche Ächtung gleichermaßen in Kauf nehmen wird – bei dem Vronski würde ich das auch! – und dem Laudanum verfällt, bei Neumeier trinkt sie auch noch.

Die Kadettenanstalt wird zu eine Lacrossemannschaft, es ist ja der schnellste allen Sports, die Bälle werden auf bis zu 200 Stundenkilometer beschleunigt, aber dynamischer können sie auch nicht sein als dieses wohl schönste Team der Welt, das beeindruckend elegant und in den durchaus sexy wirkenden Outfits tanzt.

Überhaupt, an Homoerotik ist kein Mangel – aber erhöht nicht immer Schönheit Schönheit? Die Jünglinge sind die szenenübegreifenden Tableaux für die wunderschönen Frauen! Man hört, John Neumeier verlese mit den Hand. Was auch die Anwesenheit älterer Paare von Herren in hoher Anzahl im Parkett erklärt, internationales Publikum, man hört ein amerikanisches „Thank you“, als man einen Herrn in die Stuhlreihe lässt – doch diesmal überstrahlt die Eleganz der Ausstattung und der Geschmack, das Styling auf der Bühne die „Eleganz“ des Publikums wieder einmal bei weitem! Wie man sich in Strickjacke oder mit ungewaschenen Haaren – vielleicht  einem Teenager verzeihlich, Protest vielleicht?… – in die Staatsoper bewegen kann, entzieht sich meinem Verständnis.

Entgegengeschnitten ist auf das Entzückendste die glückliche Liebe – die kleine Prinzessin Kitty (Emilie Mazon) nimmt, als Vronski sie nicht will, einen Bauernjungen, (in seiner Unbeholfenheit in der Rolle schier nicht zu übertreffen!), dem sie ein Kind schenkt.

Die dann bald folgende Ernteszene, über zwanzig junge Bauern mit Sensen, von hinten angeleuchtet: Da waltet gar Leni Riefenstahl, etwas Mapplethorpe, gewürzt mit einer Prise Tom of Finland? Epochal.

Und natürlich der zerquetschte Bahnarbeiter im St. Petersburger Bahnhof: Hier fällt schlicht eine Puppe in orangen Bauarbeiter-Anzug aus zwölf Metern Höhe zu Boden – jener Tote schleppt, nein, zieht auf dem Boden entlang in weißem Müllsack sein schweres Los, so ganz entgegengesetzt der Lacrosse spielenden Oberschicht.

Weite Teile der Inszenierung werden von Tschaikovsky beherrscht, ja, einmal leuchtet Eugen Onegin auf, auch ein Drama der Gefühle zur Unzeit – wir hören einen seltsam erleichternden Cat Stevens, aber eben auch ultramoderne, fast sphärische Klangmalereien. „Man wundert sich, wie das Orchester solche Töne erzeugen  kann“, heißt es denn auch in der Pause, die erschöpfend spät folgt. Die musikalische Leitung hat Simon Hewitt, wir werden seine Karriere mit Interesse verfolgen.

Ich weiß nicht, ob der Orchestergraben für die manchmal, selten zwar, blecherne Akustik des Hauses zur Verantwortung zu ziehen ist – jedenfalls ereignet sich das, was Marcel Prawy mir einmal in Wien zur Oper sagte, hier und heute gilt es in Gänze für das Ballett: „Eine wundersame Einheit von allem, eingeschlossen auch das Publikum.” Ein unvergesslicher Abend.

 

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