Ibiza – eine kleine Presseschau

René Martens vorm Plöner Schloss

Das Ibiza-Video mit HC Strache und Joschi Gudenus hat wieder einmal gezeigt: Die Berichterstattung über Rechtsextreme ist immer dann am effektivsten, wenn man dokumentiert, wie sie reden, wenn sie glauben, dass sie ungestört sind. Siehe auch die Veröffentlichungen von Chat-Protokollen bei „Westpol“ (WDR) im März, von Stern und Correctiv im vergangenen November – und allen voran von Kontext vor rund einem Jahr.

Bei Chats kann man ja immer noch versuchen, sich herauszureden – „Diese Äußerungen stammen nicht von mir, mir wurde das Handy geklaut“; das hat man so oder so ähnlich ja tatsächlich gehört/gelesen -, aber wenn man gefilmt wird „beim feuchtfröhlichen Feilschen um millionenschwere Deals“ und dabei agiert „wie Zechkumpane in Urlaubslaune“ (Spiegel Plus), geht das natürlich eher nicht.

Zum Video

Der Blog Kontrast, der im Besitz des „SPÖ-Parlamentsklubs“ ist, schreibt:

„Strache offenbart in der Ibiza-Villa auch einen Medienplan: Die ‚russische Oligarchin‘ soll sich bei der ‚Kronen Zeitung‘ einkaufen. Wenn sie 50 Prozent der Tageszeitung hätte, würde die Krone vor allem FPÖ-PR machen – und Straches Partei zum Wahlsieg verhelfen. Dieser Teil ist fast gespenstisch: Erzählt er doch eine Geschichte voraus, die genauso gekommen ist. Die Russin sollte sich nämlich um die Dichand Anteile kümmern – das ist nie passiert. Aber ein zweiter Eigentümer soll Anteile an der Kronen-Zeitung über die deutsche Funke-Gruppe übernehmen. Und Strache wusste offenbar bereits im Juli 2017, dass René Benko vor hatte, die Funke-Gruppe zu übernehmen“

Der Mosaik-Blog schreibt zur Sache mit der Krone:

„Den Rechtsextremen reicht die weitgehende inhaltliche Übereinstimmung zwischen Parteiprogramm und Chefredaktionen bei den Boulevardzeitungen aber nicht mehr. Sie wollen den direkten Durchgriff. Während die Kurz-ÖVP das einigermaßen elegant erledigt – Hallo, Chefredakteurin Salomon! Good Bye, Claus Pandí! – muss die institutionell schlechter aufgestellte FPÖ brutaler vorgehen. Deshalb die permanenten Attacken auf Armin Wolf. Und deshalb auch der Quasi-Samenerguss von Strache im Video, als er eine Möglichkeit sieht, die Krone zum FPÖ-Hausblatt zu machen.“

Die Rücktrittsrede des „Hasspredigers“

Die Formulierung „Hassprediger“ stammt in dem Kontext von Nils Minkmar (Spiegel Online), der schreibt:

„Vor allem (…) erging (…) sich (Strache) in Andeutungen. Netzwerke und Gruppierungen nannte er, sodass es schön ominös klingt, ein Horizont voll dunkelgrauer Wolken, in denen jeder ihm geneigte Zuhörer etwas anderes erkennt. Die alle Regeln verändernde, ja sprengende Macht, die die extreme Rechte fasziniert, ist auf solche Projektionen angewiesen. Es muss ja ein Grund genannt werden, weshalb das System zu stürzen ist, und der findet sich am besten in der behaupteten Opferrolle (…) Nach dem Ersten Weltkrieg erfüllte die Dolchstoßlegende diese Funktion, wonach der Erste Weltkrieg von Deutschland gewonnen worden wäre, hätten nicht im Inland linke Presse, Politiker und die Juden die Soldaten verraten. Über Jahrzehnte waren Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten in den Augen der Rechten die Agenten einer in ihren Augen stets unterschätzten Bedrohung (…) Heute sind die Zeiten und die Bewegungen andere, aber die Muster, um radikale Haltungen zu begründen, sind sich ähnlich geblieben.“

Ich, ich, ich – der Kurz-Auftritt

Dazu fällt der FR auf:

„Wer sich anhört, wie Sebastian Kurz am Samstagabend der Öffentlichkeit den Bruch mit den ‚Freiheitlichen‘ verkündete, muss eigentlich zu dem Schluss kommen: Gerade jetzt hat sich der Kanzler von der „Volkspartei“ erneut selbst als Rechtspopulist erwiesen. Das trifft zunächst auf die Form der Selbstdarstellung zu, die Kurz in seinem Statement zum Koalitionsbruch wählte. Da war die Wiederholung der Versprechen, die er im Wahlkampf abgegeben hatte: „Ich werde mir selbst treu bleiben“, „Ich werde Wahrheiten aussprechen“, „Ich werde tun, was richtig ist“: Ich, ich, ich. So ist er, der klassische Rechtspopulist. Legitimiert nicht durch schwierige Mehrheitsentscheidungen nach langen Debatten, sondern durch persönliche Integrität bis zur Heldenhaftigkeit sowie durch den Vorzug, im Besitz der „Wahrheit“ zu sein und zu wissen, was „richtig“ ist.“

Rainer Nikowitz kommentiert die irgendwo zwischen Scheinheiligkeit und Selbstheiligsprechung oszillierende Rede des Kanzlers Kurz fürs Nachrichtenmagazin Profil folgendermaßen:

„Jetzt fiel es Basti wie Schuppen von den Augen. Der Mann an seiner Seite war also nicht nur Neonazi. Schon allein das hätte Basti ja nie und nimmer für möglich gehalten – wie denn auch? Es hatte ja die ganze Zeit über null Hinweise gegeben. Aber nicht genug damit: Strache war auch noch korrupt!“

Wer kannte das Material seit wann? Beziehungsweise: Ist Böhmermann ein Blödmann?

Torsten Hampel und Christian Bartlau (Tagesspiegel) schreiben:

„Wer hat etwas davon, es nicht vor den damaligen Nationalratswahlen zu veröffentlichen, sondern zwei Jahre lang für sich zu behalten und es dann – vor Europawahlen – der Presse zu geben? Wofür ist das Video in der Zwischenzeit benutzt worden?“

Dass Jan Böhmermann bereits vor mehr als einem Monat auf die Existenz des Videos hingewiesen hat, sei völlig bescheuert gewesen, meint Jutta Ditfurth bei Twitter – weil Strache und Gudenus somit die Möglichkeit gehabt hätten, sich auf die Veröffentlichung vorzubereiten.

Am aufschlussreichsten ist, was Falter-Chefredakteur Florian Klenk in einem Gespräch mit dem Sender Puls 4 sagt (das am Samstag kurz vor dem Kurz-Auftritt stattfand): „Seit einem Jahr“ wisse er, „dass es eine Person gibt, die behauptet, so ein Video zu besitzen und diese Person mit uns in Kontakt treten möchte“, sagt Klenk. Man habe die Person eingeladen in die Redaktion aber: „Diese Person ist nie gekommen. Kurz darauf habe ich von einem Journalisten erfahren, dass er dieses Video gesehen hat, aber nicht bekommt.“ Er erwähnt auch einen weiteren Kollegen, der das Video lange vor der Veröffentlichung kannte.

Dass unter Medienleuten Dinge kursieren, bevor sie dann tatsächlich veröffentlicht werden, ist im übrigen überhaupt nicht neu. Auch die Titanic-Redaktion dürfte das Ibiza-Video vor der Veröffentlichung gekannt haben. Noch am Freitagabend hat sie selbst ein Video online gestellt, in dem sie Szenen des Films aus der Ibiza-Villa neu – und mit Deutschland-Bezug; Stichwort: Bahlsen – interpretiert hat. Eher unwahrscheinlich, dass das innerhalb weniger Stunden improvisiert wurde.

Von Bären und Messies

Weil das Erste Programm der ARD die Übertragung des ESC nicht unterbrechen wollte, gab es am Samstag, am Tag also, als Strache in den Sack haute und Kurz sich fast heilig sprach, bei tagesschau24 ein „Tagesthemen Extra“ und eine 15-minütige reguläre „Tagesthemen“-Sendung um 22.20 Uhr. In beiden Sendungen als Experte interviewt: der Österreich-Korrespondent Michael Mandlik, der Anfang des Jahres die Kategorie „Dokumentationen zum Fremdschämen“ mit einem zumindest teilweise hagiographie-ähnlichen Kurz-Porträt bereicherte. Zum Glück wird der Film aufgrund der aktuellen Ereignisse niemals wiederholt werden, deshalb sei hier noch einmal an den epochalen Einstiegssatz erinnert:

„Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Wien schlafen vermutlich noch, wenn Sebastian Kurz frühmorgens seine Wohnung in einem Reihenhaus in Wien-Meidling verlässt.“

Vor dem „Tagesthemen Extra“ lief übrigens „Das Messie-Haus“ (ein Film von 2017 aus der WDR-Reihe „Menschen hautnah“), danach ein Gespräch über Messies und danach wiederum „Ordnung ist das halbe Leben – Von Schlampern und Pedanten“ (ein Film aus der SWR-Reihe „Betrifft“ von 2009). Und was lief, als Österreich „brannte“ (um noch einmal Böhmermann aufzugreifen) bei Phoenix? Ab 20.15 Uhr zunächst der Dreiteiler „Alaska – im Land der Bären“ – und im Anschluss daran um 22.30 Uhr Auf der Spur des Gobibären.

 

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Dieser Beitrag wurde am 20. Mai 2019 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare

2 Gedanken zu „Ibiza – eine kleine Presseschau

  1. Die Geschichte war vor allem eins: teuer. Eine Wohnung gezielt zu verwanzen – womöglich erst, nachdem Strache sie bezogen hatte – erfordert qualifizierte Fachkräfte. Im Zivilleben kaum zu finden. Etwa in D ist das Verwanzen von Privatbereich ein Straftatbestand.

    Dann die „Nichte“. Zur Stunde unbekannt. Ob sie es für ein Vergeltsgott getan hat? Kaum.

    Sodann: organisiert – und vor allem finanziert – 2017, aber keine umgehende Verwertung, sondern EU-Wahl abgepasst. Und überhaupt, SZ und Spiegel geben an, nichts ǵezahlt zu haben.

    Da ist irgendwer motiviert und wohlhabend.

    So, liebe Kinder, schlaft schön ein. Ich dreh mich jedenfalls auf die andere Seite (an der Stelle die Lautmalerei „ratzipüh“).

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