Heidelberg verbietet Mai-Feier auf Nazi-Kultstätte

Eine Feier auf einer Nazi-Kultstätte zu verbieten, ist ja wohl selbstverständlich. Nein. Ist es nicht, sagt eine sehr traurige Gastprinzessin Sarah Hinney.

Ist das nicht eine schöne Überschrift? Das hätte Julian Reichelt kaum besser hinbekommen. Da kann man doch bedenkenlos „gefällt mir“ klicken, ohne auch nur einen einzigen Satz weiterzulesen. Leider nein. So einfach ist das nämlich nicht. Das Verbot dieser Feier ist nämlich doof.

Um zu verstehen warum, muss man etwas weiter ausholen.
Lieblich liegt er heuer da im satten Grün der Bäume – der Heiligenberg. Ein geschichtsträchtiger Ort, auf dessen Kuppe einst Mönche hausten, von deren Wirken Reste eindrücklicher Klostermauern zeugen. Auf halber Höhe verläuft der Philosophenweg. Und dann ist da noch die Thingstätte. Ein Amphitheater im Nazi-Style. Erbaut vom Reichsarbeitsdienst, eingeweiht im Juni 1935 von Propagandaminister Joseph Goebbels. „Er preist den Ort als lebendigen plastischen und monumentalen Ausdruck der NS-Lebensauffassung“, schreibt der SWR auf seiner Homepage. Diese Thing- sollte damals zur Kultstätte für Nazis werden. Funktioniert hat das nicht. So richtig voll war die Hütte lediglich bei der Einweihung.

Und im vergangenen Jahr. Da war nämlich Bombenwetter. 10 000 Menschen pilgerten auf die Thingstätte, um dort oben in den 1. Mai zu feiert. Ob da Nazis drunter waren, darf schwer bezweifelt werden.

Seit Jahrzehnten ist der Berggipfel in der Walpurgisnacht magischer Anziehungspunkt für Feiernde. Einen Veranstalter gibt es nicht, alles ist eigentlich schrecklich unorganisiert. Trommler, Feuerschlucker und Musikanten verwandeln die Thingstätte in dieser Nacht tatsächlich in einen kultigen, beinahe magischen Ort und Goebbels würde sich nicht nur  im Grabe herumdrehen, er würde rotieren, wäre er Zeuge der ausgelassenen Lasterhaftigkeit auf den steinernen Stufen des an sich geschmacklosen Monuments. Es ist ein bisschen so, als würde man den Geistern der Nazis von einst, sollten sie denn in der Walpurgisnacht über dem Berggipfel spuken, den ausgestreckten Mittelfinger zeigen.
Ein rundum schönes Gefühl.

Damit ist jetzt Schluss. Die Stadt Heidelberg verbietet die Feier und sperrt in der Nacht zum 1. Mai gleich den ganzen Berg. Ein Sicherheitsgutachten hat nämlich ergeben, dass die Veranstaltung nicht sicher ist. Das ist natürlich ziemlich albern, dass man einen Gutachter braucht, der einem sagt, was alles passieren kann, wenn ein paar tausend Menschen – größtenteils im Zustand gesteigerter Lebensfreude – im stockfinsteren Wald herumtapsen.
Meistens ging’s trotzdem gut. Nur letztes Jahr halt nicht, da fiel einer einen Abhang runter. Und irgendein Trottel zündeten den Wald an. Und dann sind da noch all die anderen Riesentrottel, die es seit Jahren nicht schaffen, ihre Bier-, Sekt- und Wodkaflaschen wieder mit nach Hause zu nehmen oder wenigstens in eine der Dutzenden von Mülltonnen zu werfen, die die Stadt seit Jahren extra für diesen Abend überall am Wegesrand aufstellt. Nein, als richtiger Obertrottel muss man seine Pulle natürlich in den Wald werfen. Bei tausend Pullen heißt das leider auch, dass der Wald tagelang ein Meer aus Scherben ist. Und 1000 Pullen kommen schnell zusammen, wenn sich nur 300 der 10 000 trottelhaft benehmen.

Und weil das alles schon seit Jahren so ist, ist die Feier, obwohl sie ja eigentlich völlig unorganisiert ist,  schon sehr lange eben doch sehr durchorganisiert. Straßensperren, Toiletten, DRK-Zelte, Polizisten, Feuerwehr –  rund 200 Mann, die für die Sicherheit der Feiernden sorgten. Feiernde, unter denen offensichtlich einige Wenige derartig unmündig sind, dass sie zu doof sind, um vernünftig zu feiern.

Und darauf hat die Stadt Heidelberg nun kein Bock mehr. Man kann das irgendwie verstehen. Aber doof ist es trotzdem.

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