Informationen aus dem Linkerland

Die Tarnung für den Undercovereinsatz

Vom Parteitag der Linken berichtet exklusiv unsere investigative Undercoverprinzessin Kuku Schrapnell 

Seit ich klein war, träumte ich davon investigative Journalistin zu werden. Irgendwo zwischen Beat, Wallraff und Mitten im Leben, wollte ich vom Leben, wie es wirklich ist, berichten. Viel Sex, viel drugs, viel irgendein angesagtes Musikgenre, halt immer am Puls der Zeit und immer mittendrin. Und wo ließe sich da besser debütieren als auf dem Bundesparteitag der Linken?


Mit irgendeinem scheinheiligen Infostand und einem am Vorabend ersonnenen Konzept stürze ich mich also in das Congress-Center der Leipziger Messe. Draußen wird unter den Parteifahnen eine Grundschulklasse in den Bus getrieben, nur ein kleines Mädchen bleibt sichtbar zurück, weil sie noch nicht herausgefunden hat, wie mit Gipsbein und Krücken eine Bewegung in die richtige Richtung möglich ist. Ich glaube, ich habe gerade meine erste bemüht bedeutungsschwangere Metapher gefunden, freu. Drinnen gibt es zur Begrüßung die junge welt und Katja Kipping läuft auf kleinen Fernsehern schon mal den Saal ab. Erstaunlicherweise lautet das Motto für diesen BPT aber nicht „Widersprüche aushalten“, sondern „Gemeinsam mehr werden. Gerechtigkeit ist machbar.“. Trotzdem liegt große Politik in der Luft und ich bin mittendrin.

Also fast mittendrin, wäre da nicht dieser Infostand, der natürlich in der hinterletzten Ecke steht. Nach noch nicht mal 15 Minuten, erzählt mir schon ein älterer Herr von seiner 5 in Militärgeschichte damals, aber heute weiß ja niemand mehr, dass das die beste Note bei den Sowjetfreunden war! Alles fühlt sich direkt heimelig an. Ich muss mir eine kleine Nostalgieträne verdrücken, da geht mein neuer Freund, nein, der Vater, den ich nie hatte, schon weiter und ich könnte schwören, dass er leise die Гимн Советского Союза summt. Aber auch wenn es scheint, der Kapitalismus habe gesiegt, die Partei ist getragen von einer Idee der Solidarität. Eine Frau vom taz-Stand tauscht einen meiner Äpfel gegen eine Ausgabe ihrer Zeitung. Solidarische Wirtschaft ist doch möglich. Esse, wer essen muss, lese, wer lesen kann. Ich frage mich, wie weit ich das treiben kann und ob das am Ende die Erfolgsgeschichte wird, wie ich mit einem Apfel angefangen habe und mich bis zum Parteivorsitz hochtausche?

Aber dafür müsste ich auch mal an die richtigen Leute ran. Gefühlt bin ich nur einen Blowjob auf dem Klo von einem Kontakt nach ganz oben entfernt. Ich lasse also den Infostand Infostand sein und stürze mich in das Getümmel. Schnell findet sich auch schon die erste Gruppe von Delegierten, die heftig diskutierend durch die Gegend läuft. Also reingemischt und mitgelaufen, aber nach drei Sekunden werde ich schon an der Tür vom Besprechungsraum rausgefischt. So einfach ist es wohl doch nicht. Da die Parteibonzen also nur untereinander rumbumsen wollen, versuch ich irgendwie an den Süßen vom Catering ranzukommen, aber er und sein Kaffeewägelchen sind ständig im Einsatz. Fairere Arbeitszeiten im Dienstleistungssektor? Nicht auf dem Bundesparteitag der Linken. Die Hälfte der Leute von der Cateringfirma sind entweder im Praktikum oder in einer Maßnahme vom Arbeitsamt. Gerechtigkeit ist machbar. Von irgendwem.

Auch an den Klowänden wird debattiert

Aber nicht nur in den Besprechungsräumen wird diskutiert, auch klassisch auf der Klowand. „Mehr Knechtschaft wagen – Sahra“, ist mein Favorit dabei. Gerüchten zufolge findet auf anderen Toiletten gerade eine Abstimmung statt, ob man mit “Die Stimmung kippt – Katja“ oder “It Riex in here – Bernd“ kontert. Gelebte Demokratie ist so spannend. Auch im Saal kochen die Diskussionen hoch. Manche sind für Russland, viele aber auch dagegen. Ein Genosse stellt fest: Wenn man wegen sechs Millionen Toten Solidarität mit Israel fordert, muss man bei zwanzig Millionen toten Sowjets auch solidarisch mit Russland sein. Mir fällt ein, dass ich ja einen Infostand habe, den ich betreuen muss.

Während ich die Schnaps-Tombola vorbereite, fällt mir auf, dass eh alle überraschend nüchtern sind. Klar, es gibt Gin Tonics und Bowle, aber ich dachte, hier gibt’s so große öffentliche Koksspender, immerhin wird hier große Politik gemacht. Wenn man sich aber den Personenschützer von Sahra Wagenknecht anguckt, stellt man sich dahingehend keine Fragen mehr. Schön ist aber, wie der Schnaps dann alle zusammen bringt: Die Kommunistische Plattform redet mit der Emanzipatorischen Linken, das Forum Demokratischer Sozialismus mit sich selbst und sogar das Saarland mit Sachsen, aber die verstehen sich von der Sprache her nicht.

So viel Einigkeit macht vor dem Vorsitz und der Fraktionsspitze nicht halt, schließlich ist man ja auch mal wieder angetreten, die innerparteilichen Streitigkeiten zu überwinden. Also bringt man gemeinsam am Samstag einen Antrag ein und was könnte da passender sein, als sich für den Atomdeal mit dem Iran auszusprechen. Also eigentlich fordert man die Bundesregierung auf, am Abkommen festzuhalten, da diese sich bekanntermaßen schon eifrig die kriegstreiberischen Hände reibt, um gemeinsam mit Trump die Region in den Krieg zu stürzen. Wenn ich mich nicht verzähle, gibt es ganze fünf Gegenstimmen.

Niemand will die Kopfhörer aufsetzen

Zeit den Saal doch wieder zu verlassen und stattdessen mal die Ausstellung „Gespräche/Assemblage – Den NSU-Komplex kontextualisieren“ anzugucken. Viele machen zwar eifrig Fotos von den aufgestellten Tablets, aber bisher hat sich noch niemand die Kopfhörer aufgesetzt. Immerhin gibt es trotzdem Applaus als eine Genossin die Abschaffung des Verfassungsschutzes fordert.

Aber genug der Anekdoten und Spitzfindigkeiten. Reden wir über die Stars der Partei, die großen Konflikte und streng geheimes Hinterzimmerwissen. Bei meinen Recherchen zu Sahra Wagenknecht finde ich dann sogar ein Linksjugendmitglied aus Bayern, das von Sahra angerempelt wurde. Wir reden lange, aber über das Enfant terrible der Linken erfahre ich trotzdem nichts. Also doch nochmal rein in den Saal zu ihrer Rede. Buhrufe und Applaus, als sie sagt, offene Grenzen würden den Hungernden in Afrika nicht helfen. Bundesparteitage aber anscheinend auch nicht.

Helfen Transpis? Ein Versuch der Linksjugend

Immerhin hat die Linksjugend ein „refugees welcome“-Transpi dabei und man will jetzt doch nochmal eine Debatte zum Thema führen. Diese Ankündigung verwandelt die Partei endgültig zum Schulhof. Überall klüngeln die Gruppen rum und lästern schön. Die Lehrerkinderstreber laufen wie immer hin und her und versuchen zu klären, werden aber auch nur ignoriert oder geknufft, wenn niemand hinguckt. Zwischendurch immer wieder Weinen oder ein gutes altes “Ich hab aber Hunger“. Manche rufen ihre Eltern an. Mit mir will keiner reden. Es ist wirklich wie in der Schule früher.

Die Debatte ist dann auch eher langweilig, weil alle immer sagen, dass man sich jetzt doch nicht streiten soll. Nur als Diether Dehm Samengut statt Saatgut sagt, muss ich ein bisschen kichern. Das gibt aber böse Blicke und mit einem fröhlichen „Die Tunte mit den guten Samen ist da“ mache ich mich auf den Heimweg. Auf dem Klo doch noch meine zweite große Metapher, die ein bisschen Hoffnung lässt. Weil alle Pissoirs belegt sind, merkt einer der Parteigenossen leise an, dass er sehr dringend muss, aber sein Zug auch jetzt gleich schon fährt. Auf der Stelle wird eingepackt und beiseite getreten.

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