Mes Souvenirs de Notre Dame

Pariser Erinnerungen von  unserem Beinahkorrespondenten Lord Harald Nicolas Stazol

 

Hinter Notre Dame ist – bzw. war – eine kleine Parkbank. Fast versteckt hinter Büschen, in einem kleinen Park, umflossen von der Seine. Dort konnte ich Atem schöpfen, nachdem es mir den Atem geraubt hatte – von der schieren Pracht der Kathedrale. Ich war, es war wohl 1994, so tief beeindruckt, von den überwältigenden Kunstschätzen, der Geschichte ohnehin, dass ich, obwohl damals Atheist, jetzt immerhin noch Protestant, so überwältigt war, dass ich vor einem Renaissance-Altar eine Kerze anzündete. Ausgerechnet Notre Dame.

Der Ausdruck „höhere Gewalt“ hat seit dem 15. April 2019 – einem Tag, den Europa, vielleicht die Welt, mit Sicherheit aber die Christenheit nicht vergessen wird – eine gänzlich neue Bedeutung erlangt. Wo war Gott, als sein Haus abfackelte?

Er war da. In den acht Jahrhunderten, die der Bau überdauerte – denn bei allem Ausmaß der Tragödie kann man, historisch betrachtet, eigentlich von Glück sagen, dass „Unsere liebe Frau von Paris“ nicht brannte, bevor moderne Löschmittel, Kräne, Autos, Wasserpumpen, überhaupt erfunden waren.

Das „Große Feuer von London“ im Jahr 1699, das vier Fünftel der Stadt vernichtete und bei erstaunlich wenig Verlust von Menschenleben doch 10.0000 Menschen obdachlos machte, ging von einer Bäckerei aus. Hätte das Pariser Gotteshaus im 16. Jahrhundert in Flammen gestanden, wer weiß, ob es die Île de la Cité überlebt hätte oder der Funkenflug auch den Louvre und andere Gebäude auf der anderen Seite der Seine erreicht hätte, womöglich auf ganz Paris übergreifend?

Dass Notre Dame bis ins 19. Jahrhundert schon einmal fast Ruine war, bis erst Napoleon gekrönt wurde und Hugo geschrieben hatte, ist auch ein Glücksfall. Denn aus dieser Zeit sind die Originalpläne  der Restauratoren erhalten, an denen sich nun der Wiederaufbau orientieren wird – schon wieder ein Funken Hoffnung. Ausgerechnet.

Mein absolut francophiler Anwalt Henri schreibt mir: „Der Geschäftsmann François-Henri Pinault kündigt in einer Mitteilung an, 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau zu spenden. Pinault ist Chef des Luxuskonzerns Kering, zu dem Modemarken wie Gucci, Brioni und Saint Laurent gehören, also auch dank Dir zu Geld gekommen.“ Gewissermaßen spende ich – durch jahrelanges „Boutique spending“ – mit.

Die Dornenkrone Jesu, eingelassen in Bergkristall, konnte gerettet werden, von Jesu Grabtuch weiß man es noch nicht, und auch der Zustand der berühmten Orgel ist noch nicht erfasst. Dass man überhaupt eine relativ große Anzahl der Kunstwerke retten konnte, ist schon ein kleines Wunder.

Dass die Struktur noch intakt ist, auch. Gerade kommt die Meldung, die Flammen seien nun endlich erloschen. Ganz ohne Tankflugzeug von oben, das der Irre im Weißen Haus empfahl, als wäre das Inferno eines Weltwunders ein Waldbrand in Wisconsin.

Ziemlich genau dort, wo der Löschkran stand, der die hohe, gotische Nadel zu retten versuchte, stand mal eine kleine Bank. In einem kleinen Park, hinter der Kathedrale, umflossen von der Seine. Ob man sie auch wieder aufstellen wird?

 

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