Revolution, Baby! (1)

Eine Gastprinzessinnenserie von Sibylle Berg

Folge 1 mit Antworten von Koschka Linkerhand

Das alte System ist am Ende. Prost!

Je deutlicher wird, dass die Erde eine begrenzte Ressource ist, die sich mit der Funktionsweise: Wachstum oder Krise nicht verträgt, erfasst der Wahnsinn des Untergangs Aktionäre, KapitalistInnen, PolitikerInnen und die Massen.

Alle suchen nach Auswegen, ihr Leben, ihr Vermögen, ihre Ideen zu retten, ohne alte Gewohnheiten aufzugeben. Aber.  Das wird nicht funktionieren. Weder ist die Bereitschaft der erschöpften Massen vorhanden, den Irrsinn des Wachstums, die Entkoppelung von Gewinn und realem Gegenwert weiterzutragen.

Noch kann selbst der dumpfste Shareholder verleugnen, dass der eingeschlagene Weg in Katastrophen enden wird. Und zwar bald.

Es ist keine Zeit mehr für kleine Schritte, kleine Erfolge, kleine Ergebnisse, die ein bisschen Gerechtigkeit, ein wenig Klimaschutz bringen könnten. Es braucht einen radikalen Schritt in eine neue Zeitrechnung. Das System, das den Kapitalismus ablösen wird, scheint im Moment eine Mischung aus Überwachungsautokratie und Neofeudalismus zu sein.

Linke Ideen beziehen sich auf alte Systeme, die auch immer an kapitalistischer Intervention oder schlicht an der Unverträglichkeit von Mensch und Macht scheiterten.

Es braucht vollkommen neue Pläne, die über die Träume von friedlichen Sharing Communitys hinausgehen.

Ich habe Autorinnen und Aktivistinnen gefragt, was Ihnen zum Thema Revolution einfällt. Einige habe ich in einem Magazin, das ich mit dem Künstler Claus Richter herausgebe, versammelt.

Es kamen erfreulicherweise so viele Texte, dass wir die Möglichkeit haben, an dieser Stelle einige exklusiv zu veröffentlichen. Als Anregung. Für die Vernetzung. Zum Weiterdenken.

Nicht aufgeben!

Sibylle Berg

Folge 1: Antworten von der Autorin Koschka Linkerhand

… die darum ringt, einen materialistischen Feminismus auf den Punkt zu bringen und auch in ihrer pädagogischen Praxis sowie in der schönen Literatur fruchtbar zu machen. Sie hält feministische Emanzipation für das glaubwürdigste aller Glücksversprechen, zumindest für Frauen und Lesben. Im März 2018 brachte sie den Sammelband Feministisch streiten – Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen heraus, im Herbst 2018 folgte der historische Roman Die Irrfahrten der Anne Bonnie.

Sibylle Berg: Deine Sicht auf die Welt?

Koschka Linkerhand: Feministisch-ungeduldig, in erster Linie.

Glaubst du ans System?

Ich glaube daran, dass es eine kapitalistische Totalität, ein kapitalistisches Patriarchat gibt, das auf Herrschaft und Ausbeutung beruht, Menschheit und Ökosystem fertig macht und deshalb weg muss.    

Wie klingt Revolution – für dich?

A) nach notwendigem Kritikhorizont, sonst kommen wir ja zu nichts, b) nach Popkultur, die sich diese Einsicht längst einverleibt hat, und c) weiterhin notwendigem Kritikhorizont, sonst kommen wir ja zu nichts.

Denkst du, dass es möglich ist, in der Gesellschaft (den Gesellschaften des Westens, in den anderen kenne ich mich zu wenig aus) wieder ein Gefühl für eine Klasse herzustellen? Die Klasse der Angestellten, der Selbstausbeuter, der Scheißjobber, der Kleinbürger, oder funktioniert der Plan der Kapitalisten – teile und herrsche – zu gut und wir verlieren uns noch mehr in Stellvertreterkriegen?

Ich hoffe, dass es möglich sein wird – auch hier wieder: Sonst kommen wir ja zu nichts. Das Klassenbewusstsein widerspricht schon sehr dem Selbstausbeuter*innentum: Am Ende suchen wir die Selbstverwirklichung noch als Revolutionärin. Diese neoliberale Scheiße muss doch mal aufhören. 

Wie wird die Welt in zwanzig Jahren ohne einen Systemwechsel aussehen?

Schrecklich. Gerade habe ich gelesen, dass der Golfstrom, der das Klima in Europa wesentlich beeinflusst, immer schwächer wird.

Und wie könnte so ein Wechsel funktionieren?

Ich kann ihn mir nur als eine globale Transformation der gesamten kapitalistischen Gesellschaft vorstellen – aus der Einsicht heraus, dass die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse, unter denen wir leben, sich komplett gegen die Menschheit gekehrt haben. Ich glaube, die Linke muss damit arbeiten, dass der Kapitalismus zum ersten Mal in der Geschichte das Bewusstsein eines uns allen gemeinsamen Menschseins hervorgebracht hat.    

Glaubst du an Gewalt?

Im Sinne des Glaubens ans System, ja. Insofern an die Notwendigkeit, diese kapitalistisch-patriarchalen Gewaltverhältnisse zu überwinden, die vor allem zu Lasten von Frauen, Queers, rassistisch Verfolgten, Jüd*innen und der Natur gehen. Aber ich mag auch über einen lustvollen, sinnvoll begrenzten, nicht-mehr-herrschaftlichen Umgang mit Aggressivität nachdenken, etwa in der Sexualität oder einem postkapitalistischen Tiere-Essen.

Woran sonst?

An den Feminismus als transnationale Bewegung, die einige kluge Antworten auf die umfassende Misere hat. Daran, dass eine sinnvoller eingerichtete Gesellschaft uns helfen würde, grundsätzlich freier, vernünftiger, liebesfähiger zu sein.

Glaubst du an die Intelligenz der Mehrheit?

Ja. Sonst wäre ich wahrscheinlich Stalinistin.

Müsste es, wenn es einen Umsturz gäbe, auch eine digitale Revolution geben?

Der völlig irre Glaube, die Digitalisierung werde uns retten, macht mich wütend. Was für ein unlauteres Heilversprechen, in dem die materiellen Voraussetzungen von Internet, Stromerzeugung und der Produktion entsprechender Geräte meist überhaupt nicht vorkommen! Die Leute tun so, als gehe es hier nicht um haarsträubende globalisierte Arbeitsverhältnisse und den Abbau natürlicher Ressourcen unter völlig menschenverachtenden Bedingungen, etwa in Afrika und Lateinamerika – sondern um eine Art freischwebender, aufklärerischer Energie. Aber Digitalisierung im Kapitalismus bedeutet zuallererst eine optimierte Elendsverwaltung. Natürlich hilft sie auch Linken und Revolutionär*innen in aller Welt, sich zu organisieren – aber die Staaten und Konzerne, die elektronische Informationen zu Herrschaftszwecken verarbeiten, sind dem Meilen voraus. Der Bundestag diskutiert gerade ein neues Bundespolizeigesetz, das Staatstrojaner auch in Verdachtsfällen z. B. auf Fluchthilfe legitimiert. Das Smartphone, eng am Körper getragen, dringt ohnehin in jede Pore neoliberaler Selbstverwaltung, es speichert jeden Schritt, den weiblichen Zyklus, jeden zärtlichen Gedanken, den die Leute an sonst wen verschicken.

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Dieser Beitrag wurde am 27. Juli 2021 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare

3 Gedanken zu „Revolution, Baby! (1)

  1. Pingback: Umleitung: Revolution, Baby! Die Qual der Wahl, der Pöbel, die Medien, die Olympiade, der Flugplatz in Arnsberg-Menden und mehr. | zoom

  2. Zum Thema Revolution fällt mir ein Zitat ein von Charles Bukowski (*1920 Andernach, † 1994 San Pedro) ein. Wörtlich kann ich es nicht wiedergeben, aber den Sinn hab ich verstanden. Darum meine Worte in seinem Sinne:

    Revolution? Kerlchen, stell dir das mal nicht romatisch vor. Revolution ist, wenn sie dich zugucken lassen, wie sie deine Freundin rannehmen. Und was sie danach mit dir machen … tja …

  3. Abseits meines gewachsenen Widerwillens gegen den Feminismus – schaun wir mal was die Dame zusagen hat. (Chinesisches Sprichwort: es gibt kaum einen Menschen von dem man nichts lernen kann. – Quelle fortune auf meinem Laptop. Sibylle Berg, go!)

    Glaubst du ans System?

    Ich glaube daran, dass es eine kapitalistische Totalität, ein kapitalistisches Patriarchat gibt, das auf Herrschaft und Ausbeutung beruht, Menschheit und Ökosystem fertig macht und deshalb weg muss.

    Ausbeutung als Quintessenz der Geschichte – Ökonomie.

    Wie klingt Revolution – für dich?

    A) nach notwendigem Kritikhorizont, sonst kommen wir ja zu nichts,

    Resultat vor Zielsetzung. Vorsicht mit den wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.

    b) nach Popkultur, die sich diese Einsicht längst einverleibt hat,

    Popkultur entspringt nicht dem Kopf, sondern den Bauch. Die Metapher „einverleibt“ trifft genau.

    und c) weiterhin notwendigem Kritikhorizont, sonst kommen wir ja zu nichts.

    Der „Kritikhorizont“ ist Metapher für die Niagara-Fälle, denen das Floß entgegen treibt.

    Glaubst du an die Intelligenz der Mehrheit?

    Ja. Sonst wäre ich wahrscheinlich Stalinistin.

    Sondern Feministin. Keine weitere Fragen.

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