Revolution, Baby! (2)

Eine Gastprinzessinnenserie von Sibylle Berg

Folge 2: Ein revolutionärer Vorschlag von Cornelius W. M. Oettle

Das alte System ist am Ende. Prost!

Je deutlicher wird, dass die Erde eine begrenzte Ressource ist, die sich mit der Funktionsweise: Wachstum oder Krise nicht verträgt, erfasst der Wahnsinn des Untergangs  Aktionäre, KapitalistInnen, PolitikerInnen und die Massen.

Alle suchen nach Auswegen, ihr Leben, ihr Vermögen, ihre Ideen zu retten, ohne alte Gewohnheiten aufzugeben. Aber. Das wird nicht funktionieren. Weder ist die Bereitschaft der erschöpften Massen vorhanden, den Irrsinn des Wachstums, die Entkoppelung von Gewinn und realem Gegenwert weiterzutragen.

Noch kann selbst der dumpfste Shareholder verleugnen, dass der eingeschlagene Weg in Katastrophen enden wird. Und zwar bald. Es ist keine Zeit mehr für kleine Schritte, kleine Erfolge, kleine Ergebnisse, die ein bisschen Gerechtigkeit, ein wenig Klimaschutz bringen könnten. Es braucht einen radikalen Schritt in eine neue Zeitrechnung. Das System, das den Kapitalismus ablösen wird, scheint im Moment eine Mischung aus Überwachungsautokratie und Neofeudalismus zu sein.

Linke Ideen beziehen sich auf alte Systeme, die auch immer an kapitalistischer Intervention oder schlicht an der Unverträglichkeit von Mensch und Macht scheiterten.

Es braucht vollkommen neue Pläne, die über die Träume von friedlichen Sharing Communitys hinausgehen.

Ich habe Autorinnen und Aktivistinnen gefragt, was Ihnen zum Thema Revolution einfällt. Einige habe ich in einem Magazin, das ich mit dem Künstler Claus Richter herausgebe, versammelt.

Es kamen erfreulicherweise so viele Texte, dass wir die Möglichkeit haben, an dieser Stelle einige exklusiv zu veröffentlichen. Als Anregung. Für die Vernetzung. Zum Weiterdenken.

Nicht aufgeben!

Sibylle Berg


Folge 2: Die Wirtschaft, das bin ich

Von Cornelius W. M. Oettle, Satiriker / Kapitalist, Vermieter, Aktionär

Das Problem ist, dass ihr Schlauköpfe alle genau wisst, wie das Leben nach der Revolution aussehen soll, ihr aber keine Ahnung davon habt, wie man eine Revolution anzettelt.

Ich meine: Schaut euch doch an! Wie lange schreibt ihr jetzt schon clever und gewitzt und logisch über die Absurdität des Kapitalismus? Und was machen die Leut? Wählen kapitalfreundlich wie eh und je.

Wer wirklich eine Revolution anzetteln will, der sollte sich nicht der Linken anschließen, sondern der FDP. Bitte ruhig bleiben! Ich hole zwecks Erklärung wohl besser ein bisschen aus:

Weil ich täglich eure intelligenten und kritischen Texte lese und mich die Ungerechtigkeit der Welt dann immer so aufregt, habe ich mir irgendwann zum Schutz meiner Psyche eine zweite Persönlichkeit geschaffen: eine gelassene, liberale. So wuchs in mir neben dem Satiriker eine zusätzliche Identität als Kapitalist, Vermieter und Aktionär heran. Ähnlich wie bei Edward Norton in „Fight Club“ oder Jim Carrey in „Me, Myself & Irene“ – beides Filme, die nicht allzugut gealtert sind wegen überkommenen Männlichkeitsidealen, stereotypischen Darstellungen und so.

Dass derlei Streifen kritisch gesehen werden, beweist: Gesellschaftliche Fortschrittchen, ein bisschen Feminismus, Antirassismus und Queer-Rights, kleine kulturellen Revolutiönchen, das alles ist gerne machbar. Solange eure Umsturzfantasie lediglich bedeutet, ein wenig mehr Diversity in die Chefetage zu bringen – nur zu! Das Kapital lässt sich in einer aufgeklärten Demokratie auch von einem asiatisch gelesenen biloving muslimischen Trans-Non-Binary of Colour verwalten, kein Problem. Da sind wir Börsianer sofort dabei. Ihr merkt: Meine Kapitalistenidentität hat jetzt das Schreiben übernommen.

Nur am gottgegebenen Normalzustand, in dem Menschen, die ohne Geld geboren werden, ihr Leben lang für andere (für uns: Arbeitgeber, Vermieter, Aktionäre) arbeiten gehen und zum Dank am Ende in Altersarmut sterben müssen, soll eure Revolution bitte nicht rütteln.

Man wird von den Leuten ohnehin viel mehr gemocht, wenn man ihr Leben nicht dauernd verbessern will. Wenn mein linkes Loser-Ich bei seinen Trinkerkollegen in der Kneipe mit Klassenkampf anfängt, sagen sie mir immer, ich solle sie damit in Ruhe lassen, es sei schließlich Wochenende. Schlüpfe ich aber in meine Zweitidentität als Aktionär und bezahle ihnen ein Bier von meinen frisch eingegangenen Dividenden, dann lieben sie mich, obwohl meine Trinkerkollegen mit ihren Angestelltenjobs diese Gelder unter der Woche selbst erwirtschaftet haben.

Zynisch, nicht wahr? Oft hasse ich meine zusätzliche Persönlichkeit. Aber sie hat mir gezeigt, wie das klappen könnte mit der Revolution.

Wenn man in Stuttgart und Umgebung aufwächst, stehen die Chancen gut, dass man jemanden kennt, der beim Autobauer Daimler schafft. Diese Angestellten sind in der Regel keine Kommunisten, sie halten sich sogar für privilegiert. Ihre Gehälter sind überdurchschnittlich. Ihr könnt denen noch so oft mit Marx kommen. Ihr könnt anschaulich erklären, dass ein Arbeitnehmer in einem börsennotierten Weltkonzern immer ausgebeutet wird, weil es sich sonst ja nicht lohnen würde, ihn als Arbeitnehmer anzustellen. Ihr werdet aber nicht zu ihnen durchdringen. Ihr werdet keine Wut auf den Daimler, den großen Geber der Region, schüren können. Im Gegenteil: Die schwärmen noch davon – so toll der Job, so spannend die Projekte.

Deshalb müsst ihr es anders angehen. Der Trick besteht darin, den Fokus und damit den revolutionären Zorn nicht auf ein Abstraktum wie „den Konzern“, „die Börse“ oder „den Kapitalismus“ zu richten. Sondern auf euch selbst. Niemanden kann man so leidenschaftlich und nachhaltig hassen wie die Menschen aus dem direkten Umfeld. Die Börse macht genau das möglich: Kauft euch ein paar Aktien des Konzerns, bei dem eure Bekannten, die von revolutionären Ideen nicht allzu viel halten, angestellt sind. In meinem Fall also Daimler.

Seit meine zweite Persönlichkeit diese Aktien besitzt, danke ich bei jeder Gelegenheit meinen Bekannten für die großzügige Ausschüttung und die satten Kursgewinne, die sie auch in diesem Jahr wieder für mich erarbeitet haben. Ganz egal, ob ich sie auf dem Straßenfest, beim Weihnachtsessen oder während des Sonntagsspaziergangs treffe. Manchmal fordere ich auch ein bisschen mehr Leistung.

Wenn meine fleißigen Bienchen dann im Gespräch wegen Arbeitsstress, Kunden, Zulieferern, Chinesen, Kollegen und sonstigen Verhandlungen kokettierend stöhnen, weise ich darauf hin, dass ich ihren Einsatz durchaus zu schätzen wisse, mir aber als Aktionär die Hände gebunden und dies nun mal Aufgaben der Belegschaft seien, bei denen ich nicht helfen könne. Ich streiche nur die Gewinne ein.

Als ebenjenen Bekannten mit der Zeit schließlich aufging, dass sie jeden Morgen auch für mindestens einen faulen Sack wie mich aufstehen und acht Stunden schuften, verloren sie zusehends die Freude an ihren vorher so wundervollen Anstellungen. Auch den konservativ-liberalen Lieblingssatz „Wir müssen die Wirtschaft retten“ habe ich von ihnen seither nicht mehr gehört, weil er ja immer auch bedeutet, Typen wie mich zu retten. Die Wirtschaft, das bin jetzt ich.

Bei Ausnahme- und Härtefällen habe ich die Saiten sogar noch etwas straffer gespannt. Nach Neuanschaffungen wie Rolex, Ferrari oder Privatpool teilte der Aktionär in mir den Emsigen immer wieder per Foto und direkter Whatsapp-Nachricht mit: „Schau mal, hab ich komplett von dem Geld bezahlt, das du für mich erarbeitet hast! Vielen Dank!“ Sie wurden schneller zu Sozialisten, als ich „Kapitalertragssteuererhöhung“ sagen konnte.

Und so, liebe Genoss:innen, geht Revolution.

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Dieser Beitrag wurde am 2. August 2021 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

Ein Gedanke zu „Revolution, Baby! (2)

  1. Liest sich lustig, besonders der Spruch „so geht Revolution“. Ansonsten siehe Bukowski.

    Ansonsten, Thema Kapitalismus, die Ausbeutung als Resultat aus Mehrarbeit resultierte in gesellschaftlichem Reichtum, der auch der Trinkenden Klasse zugute kam. Die heutige Bevölkerungszahl nach Millionen hätte von der vorherigen Agrargesellschaft nie ernährt werden können. Also „Kapitalismus go!“ heißt „Hunger welcome!“. Klingt komisch, ist aber so.

    Wobei. Wir sind nicht fertig. Das Kapital interessiert sich nicht für ein Mehr an nützlicher Ware, sondern für Mehr an Geld. Ein Geldschein ist ein Schuldschein, bis 1972 eintauschbar gegen ein fixes Quantum Gold. Seither ungedeckt.

    Und das ist die Substanz, von der 1‰ Menschen zu 90% besitzen. Das ist das Motiv für den Knirsch, genannt Great Reset. Das „Ende der Geschichte“ in der übelsten Ausprägung, falls das denen glückt.

    Prost allerseits.

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