Royale Obsthuldigung (Folge 4): Kirschen

by Royal Art Directorin Michaela Lorei

Heute: Das Lieblingsobst von Herzprinzessin Robert Friedrich von Cube – die Kirsche

Die Summe aus Süße, Säure und Saftigkeit sind Kirschen. Ein großer Berg Kirschen ist ein Versprechen.
Kirschen können nicht in kleinen Mengen genossen werden. Das Vergnügen beginnt schon, wenn man mit beiden Händen in diesen Haufen fasst, denn die Haut der Kirschen ist glatt und ihre murmelgroßen Körper sind elastisch aber nicht matschig und zwischen ihnen, als Kontrast, kratzen ein wenig die Stängel, denn glatt und rund braucht spitz und dünn und natürlich braucht Rot Grün und wenn man die Hände wieder herauszieht, bleiben ein paar der Zwillingskirschen an ihnen hängen und schon ist entschieden, welche man als erstes isst.

Und diese erste Kirsche steckt man in den Mund, hält sie mit den Zähnen fest um dann, mit leisem Knacken, den Stängel abzuziehen. Jetzt gilt es, sie mit der Zunge so manövrieren, dass man seitlich am Kern vorbei beißt und mit zwei, drei raschen Schlägen des Kiefers das Fruchtfleisch vom Stein trennt. Zugleich schiebt man die nächste Kirsche nach und die übernächste.
Die Kunst besteht darin, möglichst viele Früchte gleichzeitig zu essen oder wenigstens in so rascher Folge, dass neues Kirschfleisch hinzukommt, bevor das vorangegangene heruntergeschluckt ist. Darüberhinaus muss man die nackten Kerne ausspucken, drei, vier auf einmal, die irgendwo in einem Winkel zwischen Zahnreihe und Speicheldrüsenöffnung gesammelt wurden. Wenn man die Kerne in der Hand sammelt, muss man die andere zum nachstopfen nehmen.
Denn eine Kirsche ist zu wenig, um die Mundhöhle so auszufüllen, wie das Herz es wünscht. Einmal nur will man den ganzen Mund so richtig voll haben, den Saft und die Erfrischung in beiden Backentaschen spüren, am Gaumen und in dem Raum vor den Zähnen, wo es weit nach oben geht, bis zu einem Bändchen, das auch einmal sauer gezwickt werden will.

Das ist das Versprechen, das der Kirschberg gibt, und das er niemals hält. Der Kern bremst zu sehr. Deswegen muss man weiter essen, weiter und weiter und deshalb machen Kirschen ebenso süchtig wie Chips oder Heroin. Wanting und Liking. Es gibt nie genug. Das Versprechen wird nie eingelöst. Man könnte alle Kirschen entsteinen und sich vierzig auf einmal ins Maul pressen – es wäre nicht das Erhoffte. Es wäre einfach nur mehr, aber nicht besser. Das Wanting ist dem Liking immer einen Schritt voraus. Es gibt immer nur die Jagd und niemals das Ziel.

Man kann bloß kauen, nachlegen, ausspucken, nachlegen, kauen, nachlegen. Bis der Berg leer ist oder bis der Magen streikt.
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