SAUDISATION oder “Der Prinz ist tot – es lebe der Prinz!”

Wie ich den Fall Kashoggi sehe

Was macht schon ein Prinz weniger? So schreiben die anderen, systemkritischen Saudis in ihren Kommentaren, in einem Land voller Ungebildeter, von der die Königsfamilie 60 Prozent der Bevölkerung ausmacht? Ein Kollateralschaden. Die „Saudization“ (Thomas Friedman, New York Times) des M.B.S, des 33jährigen, der sich an die Macht geputscht hat – in einem Land, in dem ein Vater im güldenen Swimmingpool vor der ganzen Familie, den drei Haupt- und elf im Koran erlaubten Nebenfrauen, seine abtrünnige Tochter ertränken darf – nun, dieser machiavellanische Prinz führt gerade die größte Reform des Landes durch, ein zehn Jahre altes Konzept, das nun in „Stufe 4“ übergeht. Davon wird noch zu sprechen sein.

Ich machte Stern-Jagd auf saudische Prinzessinnen in Genf, der König wurde operiert, der ganze Hofstaat sattelte ihre Boing 747 und belegte JEDES Zimmer in Génève. Nur meine Suite im Hôtel de la Paix hatte ich, weil ich den mir geneigten, jungen Concierge mit charmantesten Augen anblickte – da war ich schon von Scheichs umgeben. Ein Freund wurde im Privatjet von Fuhlsbüttel nach London abgeholt, weil ein Prinzchen ihn sich „hielt“. Er reiste mit Louis-Vuitton-Schrankkoffern – anders waren die zahlreichen Sexspielzeuge, die Hoheit benötigten, schier unmöglich zu transportieren. Leon Uris schreibt in seinem Roman „Haddsch“ – für mich das Schockierendste als sechzehnjähriger Leser, mein Großvater hatte mir das Buch in die Hand gedrückt – von männlichen Prostituierten, die in den Genfer Palästen – ich sah sie nachts von Maschinengewehren bewacht, strahlend, in gleißendem Licht – für 10.000 Dollar Schweine ficken. Vielleicht auch die verständliche (oder diskriminierend-desavouirende) Entgleisung des Autors von „Exodus“.

Ein mich anhimmelnder Proktologe machte ein Vermögen damit, zwei Wochen in Riad Männern mit Erektionsproblemen die Prostata zu entfernen, zu 200.000 Dollar das Stück: „Doch Penisvergrößerung ist das gigantische Geschäft.“

Niemand in Saudi Arabien arbeitet. Sie können es nicht. Sie spielen mit ihren Falken, wetten bei Kamelrennen, sammeln überhaupt Rennpferde in Chantilly, lassen Schwule köpfen und Hexen und Atheisten, und spielen mit ihren 30 Ferraris. Man kann sie dort nur in der Einfahrt fahren lassen – ich denke an den Earl of March, der sich 1920 eine Autorennbahn vor den Landsitz hinzimmerte, um den Aston Martin ausfahren zu können. Auch das soll es geben. Deshalb hat man auch eine Garage in Deutschland. Man fliegt nach Frankfurt und fährt dann in der Nacht auf Deutschen Autobahnen den Lamborghini Miura  mit 330 km/h mal so richtig aus.

Es gibt Fortschritte. Niemand stiehlt in der absoluten Monarchie. Dieben wurde früher die Hand abgehackt, heute wird sie chirurgisch entfernt.

Doch halt! Niemand arbeitet? Das rechtlose Heer an Gastarbeitern. Inder, Tamilen, die ärmsten der Armen, ach, eigentlich alle Sklaven …

Ach, die Sklavinnen! Am Tage der Geburt einer Saudischen Prinzessin wird ihr eine am selben Tag geborene Sklavin geholt, mit der sie nun aufwächst, der Dienerin, und diese Leibeigenen sind es auch, die die Taschen schleppen voller Gold und Chanel und diamantenen Schachspielen, mit schwarzen und weissen Brillanten besetzt, sehr langsam fahren sie jetzt die Kolonnen der schwarzen Mercedes durch die Avenuen des unvorstellbaren Luxus – denn auch der greise König wird im Schritttempo, leise, nur leise! – vom Krankenhaus zum Palasthotel chauffiert. So war es jedenfalls damals am schönen Lac Lémain.

Und da ist dieser Prinz.

Sein Vater ist nun ein Greis – „Alzheimer ist das große Problem der Dynastie Saud“ schreibt Thomas Friedman. Nun endlich spricht der Prinz, Mohammed bin Salman, ein Name, den man sich wird merken müssen: „Er stellte vor zehn Jahren ein Anti-Korruptions-Team zusammen“ – als er jene Korrupten, diesmal schlägt er nur den Kopf der Schlange ab, im Ritz Hotel festsetzen lässt, ist die geschmierte Komödie, die unablässige Bereicherung am Staatsschatz, aus. Die Schuldigen können sich freikaufen. Wieviel man an Strafgeldern zu erwarten hätte, fragt Friedman, er hat Hoheit getroffen. „100 Milliarden“, sagt der junge Prinz. „Sie werden in die Staatskasse zurückgeführt.“

Denn, wir erinnern uns, da ist die Phase 4 der Saudisation:

Drei Generationen von Saudis, „als hätte man die Dümmsten und Faulsten von allen in eine Stadt gesperrt und ne Mauer drumgemacht,“ erzürnt sich meine Rechercheurin, „und drinnen dürfen sie in Whirlpools sitzen und spielen.“

Wer einmal Aufnahmen vom Geburtstag des Königs gesehen hat, schaut ein Meer von weißem Kopfschmuck und weißen Gewändern, deren Borten den Rang des Trägers anzeigen. Die goldene ist selbstverständlich dem König vorbehalten. Sein ebenso altersschwacher Bruder lebt im Palast nicht weit, und seine Söhne fragen ihn: „Willst du nicht deinen Bruder besuchen?“ – „Warum? Ich kenne ihn seit 80 Jahren.“

Es sind sieben Stämme, die Ibn Saud einst eint, durch „einen mutigen Sprung über die hohe Schwelle einer  Holztür im Tor eines Forts, mit gezücktem Krummschwert (zwei gekreuzte bilden Teil der Nationalfahne und rahmen die Sure „Allah ist groß, und Mohammed ist sein Prophet“ in der Mitte, auf golden auf grasgrünem Grund) und landet einen Coup. Er erobert die Festung“ schreibt Robert Lacey von der New York Times in seinem „The Kingdom of Saud“, einem Grundlagenwerk. Er erwähnt die Hauptfrau des Königs, Fayma, wenn ich nicht irre, die sich für die Alphabetisierung der Frauen eingesetzt haben soll. Einmal reist der eminente Juwelier Harry Winston aus New York an, um Seiner Majestät einen Diamanten von der Größe eines Taubeneis anzubieten. Hoheit antworten, sehr gerne, Aber davon bräuchte er drei, sonst seien seine Hauptfrauen eifersüchtig untereinander. Nun muss Winston versichern, dass es auf der ganzen Welt nicht drei dieser Steine gäbe. „In diesem Fall nicht“, antwortet der Hüter der Heiligen Stätten von Mekka und Medina.

Und nun schickt sich Mohammed bin Salman an, ebenjener zu werden.

In Genf werde ich vom Imam de Génève in seiner Moschee zum Freitagsgebet eingeladen, man hat mir und dem Fotografen Zutritt zu den Betenden gegeben, wir betreten den gewaltigen Gebetsraum voller Knieender in mir bislang unbekannter Ehrfurcht, noch eben hatte ich die Hand seiner Exzellenz, des saudischen Botschafters geschüttelt, ein Falkengesicht mit alles durchstechenden Augen, Heydrichgleich, der mir bedeutet, ich hätte neben einem Mitglied der königlichen Familie gebetet. Nach dem Gottesdienst verteilen alle Restaurants und Feinkostläden und Bazare an alle Gläubigen Speisen. Nachdem der junge Imam mich im Garten der Moschee auf den Aquamarin an meiner Hand komplimentiert hat, „jeder Mann wählt seinen Stein“. Als ich ihn auf die Vollverschleierung anspreche, lächelt er. „Es gibt Dinge (!), die so schön sind, dass sie vor schwächeren Augen verhüllt werden müssen.“ Ich füge hinzu, dass im Koran auch die Verschleierung von Jünglingen verfügt wird.

Wir erinnern uns: Saudisation. Phase 4 hat immense Auswirkungen.

60 Prozent der Bevölkerung sind mit mindestens 10 Bediensteten um den wohlig-warmen Whirlpool ihres Daseins herum aufgewachsen. Sie wissen gar nicht, was Arbeit ist – „die sind zu dumm, um einen Joghurt umzurühren“ (O-Ton aus dem Recherche-Team). Vor zehn Jahren erkannte man, dass mit einem ungebildeten, dummen, allenfalls durch Einkaufsmalls flanierenden, nein, in Elektroautos chauffierten, wie ich in Dubai sah, einem einzigen, gigantischen Wellnessbereich, dass mit einem Volk von feisten Amöben kein Staat zu machen ist.

Aber da ist dieser Prinz. „If he succeeds, it will not only change the character of Saudi Arabia but the tone and tenor of Islam across he globe. Only a fool would predict its success — but only a fool would not root for it“, wieder Friedman, in etwa, wenn er gewönne, ändere er das Antlitz des Islams. Solches sagte man auch über den Mahedi, einen Mann „mit den Augen eines Falken“. Der Mahedi überrennt mit seinen im Religionseifer mitgerissenen Reitern im Jahr 1884 den Sudan. Seinen Meister findet er fast im genialsten schwulsten aller Generäle ihrer Majestät, eben Charles George Gordon, auch „Gordon Pasha“ genannt. Jener hält Karthoum bis zum bitteren Ende, kann aber zumindest den friedlichen Auszug der Zivilbevölkerung, etwa 2.500 Menschen, erwirken. Er wird auf der Freitreppe des Gouverneurpalastes gestellt, noch immer mit einer Pistole im Anschlag. Die heranstürmenden Maghrebiner halten in Ehrfurcht vor dem Ergrauten in der dunkelblauen, voller Goldtressen funkelnden General-Gouverneursuniform, der des Repräsentanten ihrer Majestät im Sudan, inne. Einer derer wirft schließlich einen Speer, und dessen Spitze bohrt sich in die Brust des letzten britischen Offiziers des „Royal Corps of Engineers“, hier, wo sich der Nil in den Weißen und den Blauen teilt, an den oberen Gestaden des voller Krokodile sich windenden, papyrusbewachsenen Flusses.

Dieses Phänomen des Einigenden, eines Unterwerfers, als eine Art Prophet des Moments, scheint ein im Islam periodisch über die Jahrhunderte auftretendes zu sein, das bislang in Ayatollah Chomeini gipfelte – wie versonnen ihn der Fotograf Robert Lebeck in der Maschine aus Paris nach Teheran einfängt! Der Gottesfürst, recht bald allerdings dann von Osama Bin Laden noch weit übertroffen.

Stufe 4. Es gilt also, die 22 Millionen Saudis, die aus 1 Million bei Staatsgründung erwuchsen, nun sinnvoll in einen Arbeitsplatz einzuführen. Und wer hat diese Arbeitsplätze? Die Ausländer im Lande. Dann müssen sie eben gehen. Am besten sofort.

„Bis gestern arbeitete ich in Saudi Arabien, ich war dort 15 Jahre lang und versorgte meine Familie in Indien“, lautet ein Blog-Eintrag, berichtet die Rechercheurin. Was die volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Massenausweisung dieser Lohnsklaven für ihre Heimatländer bedeutet, wird kaum zu ermessen sein.

Frauen endlich am Steuer

Frauen endlich am Steuer – der Prinz hat es erlaubt. Warum? Weil es keinen Sinn macht, dass, wenn die billigen ausländischen Chauffeure wegfallen, auf dem Weg zur Arbeit, die Einheimischen nicht zu bezahlen sind, ja, etwa 80 Prozent des Gehalts der arbeitenden Frauen auffressen würden. Das Geld und diese Kräfte benötigt man woanders.

Als ich meinem amerikanischen Freund Jeffrey Warren zu Trumps Drohungen von Sanktionen, auch Waffendeals betreffend, befrage, sagt er: „Die sind doch ohne unser Training nicht in der Lage, einen Panzer anzulassen.“ Nunja, die 15 Saudis des 11. September hätten es wohl gekonnt.

Als im Jahre 1979 die Ultrakleriker die große Moschee von Mekka einnehmen und das Königshaus als korrupte Handlanger des Westens bezichtigen, „freaken“ jene aus und gestatten einen Islam, der restriktiver nicht sein könnte, die grausame Geißel Gottes. „Sie nahmen uns alle als Geisel“, sagt ein Geschäftsmann zu Thomas Friedman, seit M.S.B. weiß er, „dass meine Kinder keine Geiseln mehr sein werden.“

„Schreiben Sie nicht, dass wir den Islam reinterpretieren – wir führen den Islam wieder auf seine Ursprünge zurück – und unser größtes Werkzeug dabei sind die Handlungen des Propheten und das tägliche Leben in Saudi Arabien vor 1979.“ Der Prinz argumentiert, dass es zur Zeit des Propheten Mohamed Musiktheater, ein Austausch von Männern und Frauen und Respekt vor den Christen und Juden in Arabien geherrscht hätten. „Der erste Richter für Handel in Medina war eine Frau!“ Es gibt Bilder aus den 50ern, kurz, nachdem das Öl sprudelt, Frauen mit offenen Haaren fast Hand in Hand neben ihren Männern gehend. Da gleicht Riad einer Goldgräbersiedlung. Nun, fragt der Prinz den NYT-Reporter, wenn dies alles dem Propheten genehm, sei „der Prophet etwa kein Muslim?“ Solches denkt der Prinz.

Man kann es sich verbitten, dabei kritisiert zu werden. Da kann schon mal ein Dissident in einer Botschaft gefoltert werden, danach filetiert – und auf irgendeine Weise entsorgt. Quasi vor der gesamten Weltpresse. Die dämlichste aller Dummheiten dieses 15köpfigen „Hit Squads“, das die GSG 9 noch nicht mal zum Briefmarken kleben, ja, zum Spindputzen ließe. Allein – ein Kollateralschaden. Ähnlich sah das persische Großreich im Übrigen die Schlacht an den Thermopylen – Inschalah!

Es wird interessant sein zu beobachten, wie der Prinz in Phase 5, womöglich 6, überzugehen die Möglichkeit hat.

Ein Prinz weniger. Was soll´s, wenn man einen solchen hat?

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